Heftige Debatten über ersten Heilmittelreport

v.l.: Jan Pazourek, Claudia Neumayer-Stickler, Peter McDonald © DVSV / Enzo Holey

Die Sozialversicherung bezahlte im Vorjahr rund 4,9 Milliarden Euro für Medikamente. Das sind um 7,5 % mehr als 2024. Die Daten wurden nun erstmals in einem Heilmittelreport vorgestellt und sorgen für Debatten. 

Fast alle, 99 %, der Österreicher:innen sind krankenversichert, und mehr als zwei Drittel, 68 %, bezogen im Jahr 2025 mindestens ein Medikament auf Kosten der Krankenversicherung. Die Pro-Kopf-Kosten für die Medikamentenversorgung stiegen im Vorjahr gegenüber 2024 um 11 % auf rund 800 Euro. Die gesamte Summe, die die Sozialversicherung 2025 für Medikamente bezahlte, stieg auf 4,9 Milliarden Euro. Damit wurde um 7,5 % mehr Geld als 2024 für Medikamente ausgegeben und um rekordhafte 88,2 % mehr als 2013. Das geht aus dem Heilmittelreport 2026 des Dachverbands der österreichischen Sozialversicherungen (DVSV) hervor, der kürzlich präsentiert wurde. 

Bei der Präsentation erklärte Peter McDonald, Vorsitzender der Konferenz der Sozialversicherungsträger, den Anstieg vor allem damit, dass sich die Zahl der Über-65-Jährigen in Österreich in den vergangenen 25 Jahren um 50 % erhöht habe und Über-65-Jährige doppelt so viele Verordnungen erhalten wie Unter-65-Jährige. Außerdem habe der rasante medizinische Fortschritt zu neuen Möglichkeiten der medikamentösen Versorgung etwa bei Brustkrebs, Prostatakrebs und Schilddrüsenkrebs geführt, dadurch aber eben auch zu einem Anstieg der Kosten. Claudia Neumayer-Stickler, die Stellvertreterin McDonalds, verwies darauf, dass die Versorgung sehr gut sei und nannte weitere Rekorde. Es gebe mit 2251 so viele Apotheken wie noch nie in Österreich. Auch seien mit 7756 Medikamentenpackungen so viele Medikamente wie noch nie über den Erstattungskodex (EKO) erhältlich, und 78 % davon könne man ohne chefärztliche Bewilligung direkt nach der ärztlichen Verordnung bekommen. Auch was die Versorgung generell anbelange, stehe man gut da. Bei Engpässen gebe es in vier von fünf Fällen einen wirkstoffgleichen Ersatz. Mit der neuen Arzneimittelobergrenze, die seit Anfang des Jahres gilt, habe man zudem Erleichterungen für chronisch Kranke und Menschen mit geringem Einkommen geschaffen. DVSV-Büroleiter Jan Pazourek verwies darauf, dass Österreicher:innen auch vergleichsweise rasch zu neuen Medikamenten kommen. So vergehen im Schnitt 309 Tage zwischen Zulassung und Verfügbarkeit, im EU-Durchschnitt 578 Tage.  

Im Anschluss an die Präsentation übte der Generalsekretär des Pharmaverbandes PHARMIG Kritik an der Darstellung der Zahlen. „Wir brauchen hier eine Einstellung, dass uns höchste Versorgungsqualität auch etwas wert sein muss“, erklärte er und ergänzte: „Die Reduktion von Medikamenten allein auf ihre Kosten wird ihrem Beitrag zu unserer Gesundheit und Volkswirtschaft nicht gerecht.“ Wichtig war für ihn auch, festzuhalten, dass die Beitragseinnahmen der Krankenversicherungsträger in den vergangenen drei Jahren stärker gewachsen sind als die Ausgaben für Heilmittel. Die Geschäftsführerin des Fachverbands der Chemischen Industrie Sylvia Hofinger meinte in Reaktion auf den Report: „Leider zeigt der Heilmittelreport nicht den Nutzen von Medikamenten, dabei entstehen die wahren Kosten erst dort, wo wirksame Therapien fehlen.“ Moderne Arzneimittel könnten Krankenhausaufenthalte und Pflegebedürftigkeit vermeiden und so das Gesundheitssystem entlasten.  

Dass die Kassen die hohe Versorgungsqualität in Österreich betonen, blende weitgehend aus, wie diese trotz anhaltender Lieferprobleme sichergestellt wird, merkt Monika Vögele, Generalsekretärin des Großhandelsverbandes PHAGO an. Arzneimittel-Vollgroßhändler würden durch logistische Höchstleistungen täglich knappe Bestände ausgleichen, beschaffen Alternativen und verteilen Medikamente rasch und treffsicher an Apotheken. „Dass Patientinnen und Patienten von den meisten Engpässen nichts bemerken, ist kein Zufall“, sagt Vögele. „Unsere fünf Mitgliedsunternehmen sorgen täglich dafür, dass Patientinnen und Patienten trotz fehlender Lieferungen vom Hersteller versorgt werden können. Diese Leistung kommt im Bericht schlicht nicht vor.“ Während der Report eine vermeintlich entspannte Liefersituation zeichnet, warnt PHAGO vor einer Verharmlosung der Realität: Bei rund 1.220 Arzneimitteln, das entspricht 11,4 Prozent des Gesamtmarktes, bestehen Probleme beim Nachschub. 

Die Apothekerkammer heftet sich indes das Thema auf ihre Fahnen: „Aus Sicht der Apothekerschaft ist es besonders erfreulich, dass es den rund 7.000 Apothekerinnen und Apotheker erfolgreich gelungen ist, die auftretenden Lieferengpässe abzufedern. Damit dieses Engpass-Management auch in Zukunft sichergestellt ist, muss der Versorgungsort Apotheke gestärkt werden”, teilt die Kammer mit. Enig sind sich PHAGO und Apotheker, dass der wirtschaftliche Druck steigt. „Die Spannen der Apotheken für verschriebene Arzneimittelspezialitäten auf Krankenkassenkosten befinden sich seit 50 Jahren im Sinkflug”, warnt Gerhard Kobinger, 2. Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer. Als „unseriös“ bezeichnet der Österreichische Apothekerverband den Bericht: “Zahlen werden einseitig dargestellt, wesentliche Fakten werden ausgelassen – ein umfassendes, objektives Bild, das einen Beitrag dazu leistet, das System der Heilmittelversorgung zu verstehen, wird damit nicht gezeichnet.” Christian Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung, betonte, Investitionen in den Life-Science-Bereich dürften nicht allein als Kostenfaktor betrachtet werden, sondern als Investitionen in Gesundheit, Wettbewerbsfähigkeit und den Wirtschaftsstandort. (sst/APA)