„Herz-Kreislauf-Erkrankungen müssen zur Priorität werden“

© Werner Stieber

Daniel Scherr, Präsident der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft, über eine nationale Herzgesundheitsstrategie, die Rolle von Künstlicher Intelligenz und Versorgungslücken in der kardiologischen Versorgung von Frauen.  

Herz-Kreislauf-Erkrankungen fordern in der EU jährlich rund 1,7 Millionen Todesfälle. Die EU spricht inzwischen von einer „Herzepidemie“ und präsentierte Ende 2025 mit dem „Safe Hearts Plan“ erstmals eine europäische Herzgesundheitsstrategie. Sie fordernanalog dazu eine solche Strategie für Österreich. Was sind aus Ihrer Sicht die dringendsten Maßnahmen? Alle 15 Minuten verstirbt in Österreich ein Mensch an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die somit die weitaus häufigste Todesursache darstellen. Hier mussgegengesteuert werden. Der europäische Safe Hearts Plan ist dafür ein Meilenstein. Jetzt braucht Österreich einen eigenen Österreichischen Safe Hearts Plan. Als Österreichische Kardiologische Gesellschaft treiben wir diesen Prozess gemeinsam mit Politik, Sozialversicherung, Patientenorganisationen und Partnerfachgesellschaften aktiv voran. Im Mittelpunkt stehen Prävention, Früherkennung, strukturierte Versorgung und der rasche Zugang zu Innovationen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen müssen zur gesundheitspolitischen Priorität werden. Jeder in Prävention investierte Euro reduziert Morbidität und Mortalität, vermeidbare Hospitalisierungen und erhebliche Kosten für unser Gesundheitssystem. 

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Adipositas werden zunehmend als zusammenhängende kardiometabolische Erkrankungen betrachtet. Verändert dieses neue Verständnis bereits die klinische Praxis? Ja. Wir behandeln heute nicht mehr einzelne Erkrankungen, sondern den gesamten kardiometabolischen Patienten. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Adipositas und chronische Nierenerkrankungen sind eng miteinander verbunden und müssen gemeinsam betrachtet werden. Neue Therapien verbessern gleichzeitig mehrere Organsysteme und verändern die tägliche Versorgung grundlegend. Die ÖKG fördert diesen interdisziplinären Ansatz durch gemeinsame Leitlinienarbeit, Fortbildungsprogramme und die Plattform Herzmedizin Österreich, in der Kardiologie, Diabetologie, Nephrologie, Allgemeinmedizin und weitere Fachrichtungen gemeinsam Versorgungskonzepte entwickeln. 

Von digitalen Früherkennungssystemen bis zu KI-gestützten Therapien: Wo sehen Sie den größten Nutzen digitaler Technologien in der Kardiologie? Digitalisierung und künstliche Intelligenz werden die Herzmedizin grundlegend verändern. Ihr größter Nutzen liegt in der frühzeitigen Erkennung von Risikopatientinnen und Risikopatienten sowie in einer präziseren und personalisierten Therapie. Österreich ist mit Projekten wie dem Austrian Digital Heart Programme international hervorragend positioniert. Die ÖKG unterstützt diese Entwicklung durch Forschung, Fortbildung und den Aufbau digitaler Kompetenzen. Unser Ziel ist eine evidenzbasierte Digitalisierung, die Ärztinnen und Ärzte unterstützt und den Patientennutzen nachweislich verbessert. 

Die Herzgesundheit von Frauen rückt zunehmend in den Fokus und ist einer der Schwerpunkte des EU-Plans. Wo bestehen weiterhin Versorgungslücken und was müsste sich konkret ändern? Frauen sind in der Herzmedizin noch immer unterrepräsentiert, sowohl in klinischen Studien als auch in Diagnostik und Versorgung. Das führt dazu, dass Erkrankungen häufig später erkannt und behandelt werden. Die ÖKG setzt deshalb gezielt Schwerpunkte auf Gender und Präzisionsmedizin, fördert entsprechende Forschungsprojekte und stärkt die Sichtbarkeit von Frauen in Wissenschaft und Führungspositionen. Eine moderne Herzmedizin muss geschlechtsspezifische Unterschiede konsequent berücksichtigen, denn Präzisionsmedizin bedeutet, jedem Menschen die bestmögliche, individuell angepasste Versorgung zu bieten. (Das Interview führte Silke Tabernik)