© Tanzer US-Präsident Donald Trump, Arzneimittelpreise, Investitionskürzungen der Pharmaindustrie in Deutschland und die Folgen für Österreich.
Aktuelle Entwicklungen zwischen den USA und Deutschland zeigen, wie eng Gesundheits-, Wirtschafts- und Handelspolitik mittlerweile miteinander verflochten sind. Was auf den ersten Blick wie ein bilateraler Streit über Arzneimittelpreise erscheint, könnte schon bald spürbare Auswirkungen auch auf Österreichs Gesundheitswesen haben. Die Regierung von US-Präsident Donald Trump erhöht derzeit den Druck auf Deutschland, weil dort geplante Reformen der gesetzlichen Krankenversicherung die Preise für innovative Arzneimittel begrenzen sollen. Aus Sicht Washingtons werden neue Medikamente in Europa bereits heute zu niedrig vergütet. Die USA argumentieren, dass dadurch Forschung und Innovation geschwächt würden, während amerikanische Patient:innen einen überproportional hohen Anteil der Entwicklungskosten tragen müssten.
Unabhängig davon, wie man diese Argumentation bewertet, zeichnet sich ein klarer Trend ab: Die US-Regierung verfolgt das Ziel, höhere Erlöse für die Pharmaindustrie außerhalb der Vereinigten Staaten durchzusetzen. Dahinter steht ein doppeltes Interesse. Einerseits sollen amerikanische Pharmaunternehmen ihre Innovationskraft und internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Andererseits verfolgt die Trump-Regierung gleichzeitig das Ziel, die Arzneimittelpreise in den USA selbst zu senken. Die Logik dahinter: Wenn europäische Gesundheitssysteme höhere Preise bezahlen, könnten die Kosten für Forschung und Entwicklung stärker auf andere Märkte verteilt und der politische Druck auf den US-Markt reduziert werden.
Dabei spielt ein weiterer Faktor eine wichtige Rolle. Arzneimittelpreise werden weltweit häufig anhand internationaler Referenzsysteme festgelegt. Die Preise in großen europäischen Märkten wie Deutschland beeinflussen daher auch Preisverhandlungen in vielen anderen Ländern. Aus Sicht der Pharmaindustrie sind höhere Preise in Europa nicht nur wegen der direkten Umsätze attraktiv. Sie helfen auch dabei, das globale Preisniveau insgesamt hoch zu halten und dienen als Argument gegen weitergehende Preissenkungen im besonders wichtigen US-Markt.
Für Österreich ergibt sich daraus aus Sicht der Finanziers im Gesundheitswesen eine unangenehme Perspektive. Wenn der politische und wirtschaftliche Druck zugunsten höherer Arzneimittelpreise wächst, kann sich das österreichische Gesundheitssystem dieser Entwicklung kaum entziehen. Viele Preise orientieren sich indirekt an internationalen Vergleichsmärkten. Gleichzeitig werden globale Pharmakonzerne künftig noch stärker darauf achten, in welchen Ländern sie Innovationen zuerst einführen und zu welchen Konditionen sie diese anbieten.Steigende Preise für innovative Medikamente würden die Arzneimittelausgaben der Sozialversicherungsträger erhöhen. Die österreichischen Krankenkassen und die Spitalsträger stehen jedoch bereits heute unter erheblichem finanziellem Druck. Höhere Medikamentenpreise würden den Sparzwang weiter verschärfen und könnten neue Diskussionen über Prioritätensetzungen, Leistungsangebote und Finanzierungsmodelle auslösen. Der Druck auf Budgets und Kostenträger dürfte damit weiter zunehmen.
Gleichzeitig zeigen aktuelle Entscheidungen großer Pharmaunternehmen, dass gesundheitspolitische Rahmenbedingungen zunehmend zu entscheidenden Standortfaktoren werden. Der US-Konzern Eli Lilly halbiert seine ursprünglich geplanten Investitionen in Deutschland. Auch Boehringer Ingelheim stellt Investitionsprojekte in Milliardenhöhe zurück. Die Unternehmen begründen dies unter anderem mit den geplanten Eingriffen in die Arzneimittelpreisgestaltung und einer aus ihrer Sicht sinkenden Planungssicherheit.
Für Österreich eröffnet sich daraus auch ein Chancenfenster. Wenn Deutschland als traditionell starker Pharmastandort an Attraktivität verliert, könnte Österreich versuchen, Investitionen, Forschungseinrichtungen und Produktionskapazitäten anzuziehen. Ebenso denkbar ist jedoch das gegenteilige Szenario. Sollte Österreich ähnliche Signale aussenden wie Deutschland oder keine klare industrie- und innovationspolitische Perspektive entwickeln, könnten Investitionen ebenso ausbleiben oder in andere Regionen abwandern. Die kommenden Wochen und Monate werden daher entscheidend sein. Für Gesundheitsberufe ist diese Entwicklung keineswegs nur eine wirtschaftspolitische Randnotiz. Sie betrifft unmittelbar die Frage, welche Innovationen künftig verfügbar sein werden und oder der Spardruck letztlich auch auf das Personal steigt. (rüm)