Kollaritsch vers. Sprenger – Corona-Bilanz aus zwei Blickwinkeln  

Die Frage, ob die Corona-Maßnahmen der Regierung richtig waren oder nicht, wird die Politik und die Wissenschaft noch lange beschäftigen. Der Tropenmediziner Herwig Kollaritsch und der Public-Health-Experte Martin Sprenger waren Ende März in der Taskforce des Gesundheitsministeriums. Im RELATUS-Dialog zeigt sich, dass sich auch die Experten nicht einig waren.

Univ. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch ist Facharzt für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin sowie Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie, gerichtlich beeideter und zertifizierter Sachverständiger und Mitglied der Corona-Taskforce des Gesundheitsministeriums.

Wenn man sich die Chronologie der Aussagen der Bundesregierung ansieht und dazu parallel den Wissensstand aus den vorhandenen Publikationen, so kann man recht klar belegen, dass die am Beginn der COVID-Pandemie geäußerten Szenarien auf dem damaligen Wissensstand beruhten, der aber eben noch sehr dürftig war. Beispiel: Die WHO hat anfangs Masken mangels Evidenz als ineffektiv klassifiziert, am 5.6. jedoch eine komplette Kehrtwendung hingelegt, weil mittlerweile mehrere solide Arbeiten die Effizienz belegen. Nachträglich wurde dieser Schritt für Österreich also sanktioniert. Derartige Geschehnisse haben sich dutzendfach wiederholt und ich gehe jede Wette ein, dass wir viele unserer momentanen Dogmen noch verwerfen werden. Mit heute sind 20200 (!) Publikationen zum Thema COVID-19 erschienen, am 9.3. waren es etwa 500. Dieser Wissenszuwachs in so kurzer Zeit ist enorm und auch mit Vorsicht zu genießen, sind doch viele Arbeiten nicht oder nur schlampig peer-reviewed.

Unter diesen Auspizien nimmt es nicht wunder, dass auch viele politische Entscheidungen, die sich auf teilweise insuffiziente Expertenaussagen beriefen, einfach nachträglich betrachtet als überzogen oder inadäquat eingestuft werden. Tatsache ist und bleibt aber, dass angesichts des exponentiellen Wachstums der Infektionszahlen gehandelt werden musste und auch dafür die Verantwortung übernommen werden musste. Welche Alternative wäre möglich gewesen? Schweden? UK? Wie hätten die politisch Verantwortlichen sich besser aus dem Dilemma der Handlungsnotwendigkeit bei mangelhaftem Wissen befreien können? Wenn immer wieder auf fehlende wissenschaftliche Evidenz für damalige Entscheidungen verwiesen wird, bitte ich zu bedenken: wir als Experten (und wir haben das zu jedem Zeitpunkt klar kommuniziert) hatten die Evidenz vielfach nicht, die Bundesregierung war aber gezwungen zu handeln. Und was das kritisierte Expertenpaper mit der Horrorprognose betrifft (mit dem ich von der Methodik auch nicht einverstanden bin), so bekommt es nachträglich massive Rückendeckung: https://www.nature.com/articles/s41586-020-2405-7_reference.pdf., die Supplements unter: https://static-content.springer.com/esm/art%3A10.1038%2Fs41586-020-2405-7/MediaObjects/41586_2020_2405_MOESM1_ESM.pdf. Aber wer weiß, ob’s diesmal stimmt? Sicher ist (für mich jedenfalls), dass ich froh bin, dass wir es nicht ausprobiert haben…


Dr. Martin Sprenger ist Allgemeinmediziner und Public-Health-Experte. Er ist Leiter des Universitätslehrgangs Public Health der Medizinischen Universität Graz und unterrichtet an diversen Fachhochschulen und Universitäten. Von Mitte März bis Mitte April 2020 war er Mitglied des Beraterstabs der Coronavirus-Taskforce im Gesundheitsministerium.

 Österreich ist, in Bezug auf die direkten Folgen von COVID-19, vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Dafür waren viel Glück, aber auch viele richtige Entscheidungen verantwortlich. Gelernt wird aber nur aus einer ehrlichen Analyse, Beschönigungen sind da wenig hilfreich. Klar ist, dass es neben dem Gesundheitsrisiko durch SARS-CoV-2 auch noch andere Gesundheitsrisiken und Gesundheitsdeterminanten gibt. So verdoppelt Arbeitslosigkeit das Sterberisiko – https://bmjopen.bmj.com/content/9/10/e028001 – und wie viele gesunde Lebensjahre durch Unter- und Fehlversorgung und eine negative Beeinflussung von anderen Gesundheitsdeterminanten verloren gegangen sind, werden wir hoffentlich auch bald wissen.

Ein Blick zurück. Am 26. März lag der tägliche Anstieg der positiv getesteten Fälle in Österreich – trotz siebenmal mehr Testungen als eine Woche zuvor bei +9,7% (3.588 Tests). 547 Menschen waren im Krankenhaus, 96 auf ICU. Gemäß der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) – https://bit.ly/2yZxnhY – bewegt sich die effektive Reproduktionszahl (Reff) in Richtung 1. In der Taskforce-Sitzung, an der auch Bundeskanzler Sebastian Kurz teilnahm, wurden von der TU-Wien jene Szenarien präsentiert, die auch heute noch auf der Homepage nachlesbar sind (https://bit.ly/37cbHMt): „Unsere Simulationsrechnungen zeigen klar, dass ab einem gewissen Punkt eine weitere Verschärfung keinen spürbaren Nutzen mehr bringt.“

  • 29. März: Sitzung im Bundeskanzleramt. Präsentation des „Expertenpapiers“. Selbst im Best Case Szenario rechnen die Autoren mit 6.000 zusätzlichen Toten, im Worst Case Szenario sind es sogar zusätzlich 100.000 Tote. Das würde für 2020 insgesamt 184.000 Sterbefälle bedeuten. Ein Plus von 120%.
  • 30. März: Neue Fälle +3,7% (3.014 Tests), 999 im Krankenhaus, 193 auf ICU. In der Pressekonferenz sagt Bundeskanzler Kurz: Kein Gesundheitssystem der Welt kann eine zu schnelle Ausbreitung stemmen. Es sei jetzt schon klar, dass viele Menschen an dieser Krankheit sterben werden. Zu Ostern wird es zu Engpässen in den Krankenhäusern kommen. In der abendlichen ZIB-Spezial sagt Bundeskanzler Kurz: Das Problem das wir im Moment haben ist, dass viele Österreicherinnen und Österreicher glauben wir haben uns zwei Wochen angestrengt, das Schlimmste ist überstanden und wir haben es geschafft. Die Wahrheit ist aber, dass die schweren Zeiten noch vor uns stehen: Die Zeit in der die Intensivstation überlastet ist, die Zeit in der mehr Menschen behandelt werden müssen, als vielleicht behandelt werden können. Wir werden in allen europäischen Ländern eine Überforderung der medizinischen Kapazitäten erleben und bald wird jeder von uns jemanden kennen, der an Corona gestorben ist.
  • 4. April: Neue Fälle -1,7% (5.791 Tests), 1.071 im Krankenhaus, 245 auf ICU. Reff liegt gemäß AGES zwischen 2. und 14. April bei 0,63 (0,61-0,65). Zwei Tage später folgt die Ankündigung der „Wiederauferstehung“ durch Bundeskanzler Kurz.

Die entscheidende gesundheitswissenschaftliche Frage zur Vergangenheit lautet: Welchen gesundheitlichen, psychischen, sozialen und ökonomischen Schaden hat die vollkommen faktenbefreite Eskalation am 30. März – und dadurch verzögerte Deeskalation – in Österreich angerichtet? Die entscheidende Frage zur Zukunft lautet: Wie gelingt es uns, dass in der Virensaison 2020/2021 der gesundheitliche, psychische, soziale und ökonomische Schaden möglichst klein bleibt und es zu keiner neuerlichen faktenbefreiten Eskalation durch die Politik kommt?