Mythos: Immer mehr Demenzerkrankungen

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Die RELATUS-Redaktion entlarvt in der Serie „Mythen & Fakten“ die gängigsten Scheinargumente im Gesundheitswesen und liefert fundierte Antworten für Diskussionen. 

„Die Zahl der Menschen mit Demenz steigt“, heißt es seitens der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) im Demenzbericht 2025, der vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMASGPK) in Auftrag gegeben wurde. Demnach würden rund 170.000 Menschen in Österreich mit Demenz leben, bis 2050 sei mit einem Anstieg auf über 290.000 zu rechnen. Dass die Zahl der Neuerkrankungen an Demenz in Österreich und pro Jahr binnen der nächsten 25 Jahre bis 2050 von derzeit rund 33.500 auf 60.000 steigen wird, sagt der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Alterspsychiatrie und Alterspsychotherapie (ÖGÄPP) Georg Psota in einem Interview.i „Die Demenzzahlen steigen“: Das hält auch das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) fest, eine Forschungseinrichtung, die sich mit den Ursachen von Alzheimer-Demenz, der Behandlung und der Versorgung von Menschen mit der Erkrankung befasst. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellt in ihrer internationalen Berichterstattung dar, dass weltweit Millionen von Menschen mit Demenz leben und aufgrund des demografischen Wandels und der alternden Gesellschaften die Zahl der Betroffenen zunehmen wird. 

Die Demenzzahlen steigen also? Ja und nein. Demenzzahlen im Demenzbericht 2025 entstammen einer Publikation von „Alzheimer Europe“ aus 2019, die auf Hochrechnungen basiert. Diesen Hochrechnungen folgend litten vor sieben Jahren, im Jahr 2018, 1,66 Prozent der Österreicher:innen an Demenz, in absoluten Zahlen ausgedrückt waren das 146.000. Etwas mehr als 70 Prozent davon hatten Alzheimer-Demenz, wobei dieser Anteil immer gleich war, ist und wohl auch bleibt. Im laufenden Jahr 2025 leiden nach den erwähnten Hochrechnungen 1,83 Prozent der Österreicher:innen an einer Demenzerkrankung. In absoluten Zahlen ausgedrückt sind das 167.400 Betroffene. In 25 Jahren, 2050, wird sich laut dem Demenzbericht der GÖG die Zahl der Frauen und Männer in Österreich mit einer Demenzerkrankung auf 3,18 Prozent der Einwohner:innen erhöhen, das sind dann 289.400. Diese Anzahl Betroffener kommt gegenüber dem Jahr 2018 einer Verdoppelung gleich. Folgt man den Fakten, die Alzheimer Europe und die GÖG in ihren Berichtensetzten, muss es also „Ja, die Demenzzahlen steigen“ heißen, denn danach stiegen sie und sie werden weiter steigen.  

Das „Nein“ ergibt sich aufgrund verschiedener Einflussfaktoren und dem Hinblick auf die Inzidenz. Zu diesen Faktoren zählt zum Beispiel die Tatsache, dass die Menschen immer älter werden und so eine mögliche Demenz noch erleben. Dies anders als früher, wo sie starben, bevor sie an Demenz erkrankten, für die das Alter der größte Risikofaktor ist. So gab es vor 40 Jahren, 1985, hierzulande nur 345.000 Menschen über 75 Jahre und 37.000 über 85, was einem Drittel beziehungsweise einem Fünftel der heutigen Zahlen entspricht. Deswegen litten in den jeweiligen Altersgruppen auch um ein Drittel und um ein Fünftel weniger Menschen an Demenzerkrankungen. Vor zwanzig Jahren, 2005, waren 620.000 Österreicher:innen über 75 und 80.000 über 85. Derzeit, 2025, sind 901.000 Österreicher:innen über 75 Jahre alt und 196.000 über 85. Und bis 2050 ist hierzulande gegenüber heute mit einer Verdoppelung der Zahl der Über-75-Jährigen und einer Verdreifachung der Zahl an Über-85-Jährigen zu rechnen. Und so auch mit einer Vervielfachung der Zahl der Menschen mit Demenz. 

Für ein „Ja“ und „Nein“ zum Steigen der Demenzzahlen spricht auch ein weiterer Zahlenvergleich. Jetzt leben in Österreich rund 1,8 Millionen Über-65-Jährige, 2050 werden es fast drei Millionen sein. Nahezu alle Menschen mit Demenzerkrankungen gehören dieser Altersgruppe an. Sind heute wie im Demenzbericht angegeben 167.400 von den 1,8 Millionen dement, entspricht das knapp über neun Prozent aller Österreicher:innen über 65. Sind von den nahezu drei Millionen über 65-Jährigen, die es 2050 hierzulande geben wird, 289.400 dement, ergibt sich ebenfalls ein Prozentanteil von etwas über neun. Das heißt, der Anteil der Österreicher:innen mit Demenz stagniert. Geht man davon aus, dass in den nächsten 25 Jahren mehr Geld als jetzt in Informationen über eine gesunde Lebensführung investiert wird und die Österreicher:innen gesundheitsbewusster und gesünder sind, wird der Anteil an Dementen sogar sinken: Schließlich erhöhen auch Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes, ein hoher Alkoholkonsum und Rauchen das Risiko, dement zu werden. 

Aufgrund der Tatsache, dass in den österreichischen Bundesländern unterschiedlich viele Menschen höheren Alters leben, ergeben sich übrigens auch regionale Unterschiede bei den Demenzzahlen. Basierend auf Krankenhausaufenthalten und Medikamentenverschreibungen schätzt der GÖG-Demenzbericht die Zahl der Betroffenen im Burgenland auf 3,4 Prozent der Bevölkerung ein, womit der Anteil im östlichsten Bundesland Österreichs am höchsten wäre. Die Steiermark folgt mit 3,1 Prozent auf Platz zwei, Niederösterreich mit 2,9 Prozent auf Platz zwei, Wien mit 2,6 auf Platz drei. In Oberösterreich sind 2,3 Prozent betroffen, in Tirol 2,2 Prozent, in Kärnten 2,1 Prozent, in Salzburg 1,8 Prozent und in Vorarlberg mit einem Prozent am wenigsten.  

Aber noch etwas führt dazu, dass die Aussage „Die Demenzzahlen steigen“ nur mit „Ja“ und „Nein“ beantwortet werden kann, also zugleich Fakt und Fake ist. Früher wurden die krankheitstypischen Gedächtnisstörungen vielfach für eine natürliche Alterserscheinung gehalten. Deswegen wurde noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein kaum eine Demenzerkrankung diagnostiziert, und wenn, dann nur auf der Basis von Gesprächen mit den Betroffenen und ihren Angehörigen oder Beobachtungen des Verhaltens der Patient:innen.Erst seit den 1970er Jahren gibt es den standardisierten Mini-Mental-Status-Test, der verschiedene Aufgaben enthält, die bei Demenzverdacht zu lösen sind. Solche beispielsweise, mit denen die zeitliche und räumliche Orientierung überprüft wird. Auch werden im Zuge des Tests die Erinnerungsfähigkeit und die Fähigkeit, eine Uhr aufzuzeichnen, einen Satz zu schreiben und zu rechnen kontrolliert. Vor den 1970er Jahren gab es zudem keine Möglichkeit, für die Diagnose einer Demenzerkrankung krankheitstypische Veränderungen im Gehirn sichtbar zu machen. Heute sind anhand einer Computertomografie oder Magnetresonanztomografie Amyloid-Plaques, Ablagerungen des Proteins Beta-Amyloid zwischen den Nervenzellen, zu sehen, sowie auch die Tau-Fibrillen, Ablagerungen des Tau-Proteins, die sich in den Nervenzellen bilden. (sst)