„Rechnen mit deutlichem Anstieg kognitiver Störungen“

© MUI/D. Bullock

Atbin Djamshidian, Vorstandsmitglied der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft, über bevorstehende Neuerungen im Bereich Alzheimer-Demenz, die Herausforderungen in der nächsten Zukunft und aktuelle Therapien. 

Sie sind Leiter der Gedächtnisambulanz an der Medizinischen Universität Innsbruck Und Vorstandsmitglied der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft: Wie ist der Forschungsstand? Wird es 2026 zu Neuerungen im Bereich der Alzheimer-Demenz kommen?  Im Jahr 2026 wird in Österreich die Implementierung monoklonaler Antikörpertherapien für Patient:innen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung oder früher Alzheimer-Demenz durch mehrere spezialisierte Versorgungszentren erfolgen. Dies mit dem Ziel, eine flächendeckende und standardisierte Versorgung sicherzustellen. Ob im kommenden Jahr auch in Europa eine subkutane monoklonale Antikörpertherapie zugelassen werden wird, so wie das in den USA bereits geschehen ist, wage ich aber zu bezweifeln. Dafür erwarten wir weitere relevante Ergebnisse aus klinischen Studien, darunter Ergebnisse zu GLP1Rezeptoragonisten, die als potenziell krankheitsmodifizierende Therapien bei Alzheimer-Demenz evaluiert werden. 

Wie entwickelt sich die Forschung? Ein weiterer Fortschritt könnte die breitere Etablierung zusätzlicher Plasmabiomarker zur Verbesserung der Früherkennung kognitiver Störungen sein. Neben dem bereits vorhandenen Amyloid-basierten Marker pTau217, rückeninsbesondere die Validierung weiterer Tau-Biomarker, wie zum Beispiel des Biomarkers MTB243, sowie die Entwicklung kombinierter Panel-Biomarker in den Fokus. Dies mit dem Ziel, die diagnostische Genauigkeit im Frühstadium der Alzheimer-Erkrankung weiter zu verbessern. 

Welche Herausforderungen sehen Sie in der nächsten Zukunft auf den Bereich der Alzheimer-Demenz zukommen? In den kommenden Jahren ist mit einem deutlichen Anstieg kognitiver Störungen zu rechnen. Die damit verbundenen Herausforderungen betreffen gleich mehrere Ebenen: Einerseits muss die Infrastruktur weiter ausgebaut werden, etwa hinsichtlich des Personals, der MRT-Kapazitäten etc., um eine frühzeitige Erkennung zu ermöglichen.  Andererseits gilt es, die Versorgung jener Patient:innen mit einer kognitiven Störung oder Demenz zu verbessern, die nicht für eine Therapie mit monoklonalen Antikörpern infrage kommen. Hier stehen insbesondere der Zugang zu rehabilitativen Maßnahmen sowie der Ausbau von Betreuungs- und Unterstützungsangeboten im Vordergrund. Es gilt, Patient:innen-Pfade zu etablieren, um eine kosteneffiziente, aber qualitativ hochwertige Versorgung sicherzustellen. Die damit verbundenen steigenden Kosten für das österreichische Gesundheitssystem werden jedoch in jedem Fall eine der größten Herausforderungen darstellen.   

Wird es in näherer Zukunft auch für Erkrankte in späteren Stadien wirksame Therapien geben und etwa auch neue Empfehlungen zur Vorbeugung? Tatsächlich steht die Prävention von kognitiven Störungen im Vordergrund. Dabei spielen ein gesunder Lebensstil, zum Beispiel bestehend aus gesunder Ernährung, niedrigem Alkoholkonsum, Nikotinkarenz etc., eine Rolle. Aber auch die konsequente Einstellung vaskulärer Risikofaktoren, regelmäßige körperliche Aktivität, das Pflegen sozialer Kontakte und falls nötig, das Tragen von Hörgeräten oder Brillen sind wichtig. Diese Empfehlungen gelten selbstverständlich nicht nur für die Prävention oder für Personen im Frühstadium, sondern auch für all jene mit bereits fortgeschrittener Demenz. Somit haben nicht-pharmakologische Maßnahmen eine zentrale Bedeutung. Dies neben den bereits vorhandenen pharmakologischen Therapien sowohl zur Behandlung kognitiver Defizite als auch neuropsychiatrischer Komorbiditäten wie Depressionen, Angstzuständen oder Halluzinationen. Zwar laufen Studien zu kombinierten Anti-Amyloid- und Anti-Tau-Therapien, doch die Ergebnisse dieser Forschungsprogramme werden voraussichtlich erst in einigen Jahren präsentiert werden. Kurzfristig sind also keine neuen Behandlungsoptionen für Patient:innen in fortgeschrittenen Demenzstadien zu erwarten.(Das Interview führte Sabine Stehrer)