© abidika - adobe stock Anlässlich des Welthormontages wurde am Wochenende vor der drohenden Lücke in der Versorgung von Menschen mit Hormon- und Stoffwechselerkrankungen gewarnt.
In Österreich gibt es aktuell 310 Internist:innen, die auf Hormon- und Stoffwechselerkrankungen spezialisiert sind. 400 wären erforderlich, also um 90 mehr. Noch dazu werden 90 der derzeit praktizierenden Spezialisten in den nächsten fünf Jahren aufgrund von Pensionierungen wegfallen. Mit diesen Zahlen demonstrierte der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Endokrinologie und Stoffwechsel (ÖGES) Thomas Scherer anlässlich des Welthormontags am Freitag die programmierte Lücke in der Versorgung von Menschen mit Hormon- und Stoffwechselerkrankungen.
Jungmediziner:innen hätten zwar großes Interesse an dem Sonderfach der Inneren Medizin, betonte Scherer. Nur täten sie sich schwer damit, einen Ausbildungsplatz zu finden: „Ein Drittel der verfügbaren Ausbildungsstellen werden nicht ausgeschöpft, weil die finanziellen Mittel dafür fehlen, oder weil die Ausbildungsstätten andere Prioritäten setzen.“ Aufgrund dessen schließen derzeit auch nur 15 Ärzt:innen pro Jahr die Ausbildung zum Experten für Endokrinologie und Stoffwechsel ab.
Die Versorgungslücke betreffe vor allem Patient:innen mit Diabetes oder Schilddrüsenerkrankungen, die einen besonders großen Bedarf an entsprechender ärztlicher Betreuung haben, aber auch etwa Menschen mit Hypothalamus- und Hypophysenerkrankungen. Rund 800.000 Menschen leben in Österreich mit Diabetes mellitus. Allein die etwa 30.000 Patient:innen mit Typ-1-Diabetes benötigen mindestens zwei fachärztliche Kontrollen pro Jahr. Auch rund 8.000 Schwangere mit Gestationsdiabetes müssen während der Schwangerschaft engmaschig betreut werden – das entspricht mindestens 100.000 Fachärzt:innenkontakten jährlich. Von den über 700.000 Menschen mit Typ-2-Diabetes hat bereits etwa ein Drittel Folgeerkrankungen.
Schilddrüsenerkrankungen zählen zu den häufigsten endokrinologischen Störungen in Österreich: Bis zu 50 % der Erwachsenen entwickeln im Laufe des Lebens Knoten und pro Jahr finden ca. 10.000 Schilddrüsenoperationen statt. Funktionsstörungen – meist durch Autoimmunerkrankungen – betreffen bis zu 10 % der Bevölkerung. Entsprechend häufig werden Schilddrüsenhormone verschrieben. Die große Zahl der Erkrankten erfordert daher eine enge Zusammenarbeit zwischen Allgemeinmedizin, Innerer Medizin, Nuklearmedizin, Chirurgie, Radiologie und Endokrinologie. Zur strukturierten Abklärung von Knoten inklusive Feinnadelpunktionen sind geschätzten 100.000 fachärztliche Kontakte pro Jahr notwendig.
Aus struktureller Sicht sollte zumindest jedes Akutspital über endokrinologische Konsiliarexpertise verfügen. Dies verbessert Diagnostik und Therapie hormoneller Erkrankungen und kann langfristig Komplikationen und Kosten reduzieren. Selbst bei konservativer Berechnung ergibt sich in Österreich durch die oben genannten Zahlen ein Bedarf von ca. 600.000 endokrinologischen/diabetologischen Konsultationen pro Jahr – ohne Berücksichtigung von Adipositas, Osteoporose, komplexen Keimdrüsen- und Lipidstörungen oder angeborenen Stoffwechselerkrankungen.
Ohne rasche Gegenmaßnahmen, wie der Schaffung von mehr Ausbildungsplätzen, zusätzlichen Stellen für Fachärtz:innen und attraktiveren Arbeitsbedingungen, werde sich die Versorgungslücke weiter vergrößern und zur Gefahr für diese Patient:innen werden, sagen Scherer und auch der Präsident der Österreichischen Diabetesgesellschaft (ÖDG) Harald Sourij. Die kontinuierliche Betreuung von Patientinnen und Patienten mit hormonellen Erkrankungen ist keine Option, sondern eine medizinische Notwendigkeit. Versorgungssicherheit bedeutet hier Lebensqualität, Komplikationsvermeidung und langfristige Kosteneffizienz für das Gesundheitssystem. Informationen über die Aktivitäten der ÖGES bzw. ÖDG unter www.oeges.at bzw. www.oedg.at (sst/rüm)