© Pharmig/Katharina Schiffl Von der ÖGK zur Pharmabranche: Rainer Thomas, neuer „Head of Public Affairs and Market Access“ beim Pharmaverband Pharmig, im RELATUS-Interview über Preise, Regeln und Versorgung.
Sie waren vor dem Wechsel stellvertretender Generaldirektor bei der ÖGK. Ist der Wechsel in die Arzneimittelbranche nicht ein harter Bruch? Die Möglichkeit in der Pharmig ist für mich hochspannend. Ich wollte weiterhin im gesundheitspolitischen Umfeld bleiben und dort gestaltend meine Expertise einbringen. Ich empfinde das nicht als Seitenwechsel. Es gibt eine starke einende Komponente – alle wollen die beste Versorgung für die Patienten. Ich möchte die Pharmaindustrie gut positionieren bei Entscheidungsträgern und Themen erklären. Zentral ist, der Zugang von Menschen zu innovativen Produkten.
Kurz vor dem Jahreswechsel hat der Nationalrat die Preisregeln für Generika und Biosimilars verlängert. Wie beurteilen Sie das? Wir sehen diese Verlängerung positiv, Planungssicherheit ist extrem wichtig. Es wäre schön, wenn das ins Dauerrecht kommt. Wir wollen die nächsten Jahre nutzen, um das zu diskutieren und zu verbessern. Zentral ist eine eigene Life-Science-Strategie in Österreich zu entwickeln. Wir hinken im europäischen Vergleich deutlich hinten nach. Man muss überlegen, was unsere Wachstumsfelder sind. Unsere Branche bietet tolle Voraussetzungen. Darauf sollte die Regierung einen Fokus legen. Die Signale, die wir bekommen, sind, dass wir Teil der Industrie-Strategie sind. Man versteht, dass die Pharmaindustrie eine Schlüsselstrategie sein kann und soll. Für mich ist das ein Schwerpunkt, dafür Werbung zu machen und Stärken herauszuarbeiten. Allerdings sollte die Pharmaindustrie nicht nur Teil einer größeren Strategie sein. Es braucht eine eigene Life-Science-Strategie. Damit hat die Regierung noch nicht begonnen.
Was muss Österreich konkret tun? Deutschland ist uns hier voraus, die Ergebnisse dort sind sensationell. Sie haben dadurch Milliardeninvestitionen an Land gezogen. In Deutschland ist sogar die Rede vom neuen deutschen „Pharmawunder“. Die Hürde für die Politik in Österreich ist möglicherweise, dass Life-Science politikfeldübergreifend ist – Forschung, Gesundheit, Wirtschaft greifen ineinander. Das zusammenzuführen ist herausfordernd und auch eine Frage, wo die Politik ihre Schwerpunkte setzt. Es braucht eigene Life-Science-Strategie mit drei Schwerpunkten – Forschung, Produktion und Marktzugang.
Hat die Politik Berührungsängste mit der Arzneimittelbranche? Das nehme ich so nicht wahr. Die Politik hat das Potenzial schon erkannt. Man muss eher überzeugen, wie man den Prozess gestaltet. Es ist Zeit, Innovationen als Investition zu sehen. Das Gesundheitswesen kann sich nur mit und über Innovation weiterentwickeln. Wir müssen uns die Frage stellen, wie man es schafft Innovation in Gesundheit umzuwandeln. Dazu braucht es einen Ruck im Gesundheitssystem, um das umfassender zu betrachten. Es geht darum, den Wert von Innovation anzuerkennen. Darauf sollten wir uns verständigen: wir wollen moderne Therapien den Menschen zur Verfügung stellen. Wir können es uns nicht leisten, Innovation nicht zur Verfügung zu stellen.
Wie sehen Sie generell die Entwicklungen im Gesundheitssystem? Es gibt derzeit gute Chancen auf echte Reformen. Wir müssen sicherstellen, dass Patient:innen den idealen Pfad im System haben. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist aktuell so groß wie noch nie. Ich habe den Eindruck, dass es eine hohe Übereinstimmung im Gesundheitswesen gibt, dass Patientensteuerung und auch Digitalisierung wichtig sind. Dafür muss die Politik klare Ziele definieren, wie das System aussehen soll.
Was braucht es da konkret? Die Politik sollte die Versorgung optimal gestalten und nicht diskutieren, wo schiebe ich was hin. Das nimmt dann auch die Patienten mit. Diesen Zugang muss man in operationalisierbare Schritte herunterbrechen. Ich weiß, wir diskutieren das schon lang, wir sollten aber den Optimismus nicht verlieren. Wir müssen das Gesundheitssystem in eine gute Zukunft führen. Und es dabei nicht nur als Kostenfaktor zu sehen, sondern auch als Investition – in die Gesundheit der Menschen und auch in den Wirtschaftsstandort.
Die Europäische Union hat eine neue Arzneimittelstrategie fixiert. Wie beurteilen sie das? Die EU sendet ambivalente Signale aus. Einerseits will sie die Wettbewerbsfähigkeit Europas und die Medikamentenversorgung stärken. Andererseits bewirken viele der Regeln das Gegenteil. Wären die jüngsten, geopolitischen Entwicklungen stärker ins Auge gefasst worden, könnte man mit einem entsprechenden Paket den Standort nachhaltiger stärken, anstatt da und dort erst recht wieder Hürden für Unternehmen zu schaffen. Das vorliegende Gesetzespaket bleibt deutlich hinter den Erwartungen der Pharmabranche zurück. Zwar wurden etwa Verfahrensdauern gekürzt, gleichzeitig gelang es aber nicht, ein klares Anreizsystem für eine verstärkte Medikamentenforschung zu schaffen. Für die Entwicklung dringend benötigter neuer Antibiotika fehlen auch in der Überarbeitung des Pharmapaketes wirksame Anreize. Ein tragfähiges Modell, das Forschung und Entwicklung in diesem Hochrisikobereich tatsächlich antreibt, bleibt aus. Auf der anderen Seite sind im Bereich der Generika Mechanismen vorgesehen, um deren Markteintritt zu beschleunigen. Der schnellere Zugang zu Nachahmerprodukten geht allerdings auf Kosten der innovativen Unternehmen und schafft gleichzeitig für alle eine erhebliche Rechtsunsicherheit. (Das Interview führte Martin Rümmele)