Wo liegen die Herausforderungen in der Rheumatologie?

In der Rheumatologie hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten enorm viel getan. Hier stellt sich die Frage, inwieweit sich diese Fortschritte auch in der Realität für die Patient:innen widerspiegeln. Wo sehen Sie in Österreich die Herausforderungen?
Priv.-Doz.in Dr.in Valerie Nell-Duxneuner: Wir haben in Österreich über 2 Millionen Menschen, die von einer rheumatologischen Erkrankung betroffen sind. Wir wissen, dass die Lebenserwartung bei entzündlichem Rheuma auch um bis zu 10 Jahre reduziert ist – es sei denn, man behandelt früh und man behandelt gut. Für den Aspekt des „gut Behandelns“ haben wir in den letzten 20 Jahren ein großartiges Spektrum an Therapieansätzen dazugewonnen. Diese waren wesentliche Gamechanger.

Österreich verfügt über ein sehr gutes Konzept der Erstattung, das es uns ermöglicht, Patient:innen früh mit neuen Therapien zu versorgen. Die Aufnahme in den Erstattungskodex erfolgt in Österreich – auch im internationalen Vergleich – sehr zeitnah. Wir haben damit heute eine Vielzahl an modernen Medikamenten zur Verfügung. Hier hat sich in den letzten Jahren wirklich viel getan! Ist deswegen alles geregelt – nein, leider nicht.

Was fehlt jetzt konkret?
Das Problem liegt darin, dass wir in der Versorgung noch offene Themen haben. Wir haben in den letzten Jahren nicht nur eine Fülle neuer Therapien dazugewonnen, wir haben auch dazugelernt, dass wir sehr früh therapieren müssen. Studien, die im akademischen Setting unter Beteiligung österreichischer Wissenschafter:innen durchgeführt wurden, haben gezeigt: Wenn wir Patient:innen früh erkennen und therapieren, sie regelmäßig sehen und die Therapie überwachen, können wir enorm vielerreichen. – Das müssen wir tun! Und dazu brauchen wir gut ausgebildete Rheumatolog:innen in ausreichender Zahl …

Rezente Untersuchungen von Doz. Rudolf Puchner, meinem Vorvorgänger in der Präsidentschaft der ÖGR, zeigen, dass wir derzeit unseren Bedarf an Rheumatolog:innen nur zu 59% decken, sei es im niedergelassenen Bereich oder im Krankenhaus. Und dazu kommt, dass in den nächsten 15 Jahren 50% dieser Kolleg:innen in Pension gehen werden. Das ist ein Riesenthema.

Das heißt, die Personal- und die Versorgungssituation wird sich weiter verschärfen. Wie könnte gegengesteuert werden? Welche Schwerpunkte wollen Sie setzen?
Im ersten Schritt wollen wir evaluieren, was es in der Rheumatologie für die Versorgung der Patient:innen in Zukunft braucht. Wie viele Rheumatolog:innen brauchen wir und vor allem auch, wo brauchen wir sie? Dazu wollen wir die aktuelle Situation evaluieren und einen Rheuma-Report verfassen, der die Grundlage für die weitere Priorisierung bildet.
Und wir wollen die jungen Kolleg:innen noch stärker in den Fokus rücken. Als ÖGR tun wir in Richtung Ausbildung bereits einiges: Wir haben schon seit einigen Jahren die sehr erfolgreichen ÖGR Summer Schools, wo junge Kolleg:innen das rheumatologische Tätigkeitsfeld kennenlernen und dann zu einem hohen Prozentsatz auch tatsächlich in der Rheumatologie andocken.
Gemeinsam mit unserem Geschäftsführer, Doz. Martin Stradner aus Graz, der den entsprechenden Arbeitskreis ins Leben gerufen hat, wollen wir die in Ausbildung stehenden Ärzt:innen noch stärker in ihren Anliegen unterstützen und ihnen in der ÖGR eine Stimme geben. Sie werden zunächst als Arbeitskreis im ÖGR-Vorstand ihre Anliegen und Zukunftsperspektiven präsentieren. In weiterer Folge wollen wir ihnen einen Platz im Vorstand geben und dafür eine eigene Sektion gründen. Dieses Konzept, das derzeit noch entwickelt wird, sollte bei der nächsten Wahl bereits ein Thema werden.

Die Nachwuchsförderung und -sicherung ist eines Ihrer zentralen Anliegen. Wenn derzeit der Bedarf an Rheumatolog:innen aber nur zu knapp 60% gedeckt ist, stellt sich die Frage, von wem und wo junge Rheumatolog:innen ausgebildet werden sollen und ob die derzeitigen Kapazitäten ausreichen. Gibt es überhaupt genug Ausbildungsplätze?

Das ist ein entscheidender Aspekt! Rechnerisch gesehen brauchen wir in Summe mehr Ausbildungsplätze, das hat Rudolf Puchner in seiner Erhebung ja dargestellt. Im Jänner wurde nun die Ausbildung neu strukturiert und ist in die Länderkompetenz übergegangen. Wir werden daher die Situation unter diesem Aspekt aktuell evaluieren und erheben, wo die Ausbildungsplätze konkret vorhanden sind. Wir müssen ein gutes Augenmerk darauf legen, dass es genug Ausbildungsmöglichkeiten gibt. Dafür ist es wiederum wichtig, dass wir in den Spitälern rheumatologische Abteilungen haben, die die Ausbildung gewährleisten können.

In vielen Häusern gibt es keine eigene Abteilung für Rheumatologie, sondern Rheumapatient:innen werden auf den internen Abteilungen betreut. Ist die Versorgung damit ausreichend abgedeckt?

Es braucht ausgebildete Rheumatolog:innen, um Rheumapatient:innen adäquat betreuen zu können. Die Krankheitsbilder sind komplex. Es sind Systemerkrankungen, die wir behandeln. Und auch die Therapien sind komplex, und viele sind entsprechend EKO auch an die Erstverschreibung durch Fachärzt:innen für Rheumatologie gebunden. Ich halte das auch für sehr wesentlich! Das sind Therapieformen, wo im Vorfeld vieles untersucht werden muss, und wo man die Wirkung und Nebenwirkungen – nämlich beides! – gut beobachten muss. Die Nebenwirkungen muss man kennen, um sie beobachten zu können, und die Wirkung muss man als geschulte:r Rheumatolog:in evaluieren.

Eine Herausforderung in der rheumatologischen Versorgung dürfte auch darin liegen, dass es relativ wenig Rheumatolog:innen mit Kassenvertrag gibt. Wie beurteilen Sie die Situation?

Auch dieses Themas wollen wir uns annehmen. Wir planen, wie gesagt, einen Rheuma-Report zu verfassen, in dem wir die versorgungsrelevanten Aspekte in Österreich analysieren werden. In meiner Funktion als Ärztliche Direktorin des Hanusch-Krankenhauses mit einem großen Rheuma-Schwerpunkt weiß ich, dass wir in Wien im niedergelassenen Bereich definitiv nur eine Handvoll Vertragspartner:innen haben, die rheumatologisch tätig sind und mit denen wir arbeiten. Einen davon, Dr. Paul Schönfeld, haben wir als Leiter der Sektion berufliche Interessenvertretung für den Vorstand gewinnen können. Die geringe Zahl ist ein Problem, denn die restliche Versorgung findet im Wahlarztbereich statt und ist somit nicht allen zugänglich. Ich halte es für wichtig, dass alle Betroffenen die Möglichkeit haben, im Sozialversicherungssetting behandelt zu werden, sei es im niedergelassenen Bereich über Vertragspartner:innen oder in Spitalsambulanzen.

Dass es mehr Vertragspartner:innen braucht, ist auch ein Bekenntnis der ÖGK. Wie steht es um die Honorare für rheumatologische Leistungen?

Die Rheumatologie ist ein Fach, das viel Zeit für Aufklärungsarbeit im Gespräch mit Patient:innen erfordert – das gilt es auch zu honorieren. Derzeit ist die Situation in den Bundesländern unterschiedlich. In Oberösterreich gibt es beispielsweise schon Honorar-Positionen für das therapeutische Gespräch, die es in anderen Bundesländern in dieser Form noch nicht gibt. Ein einheitlicher Honorarkatalog für alle Bundesländer ist jedoch deklariertes Ziel der ÖGK und der Ärztekammern. Rheumatologische Patient:innen müssen begleitet werden, und das müssen gut ausgebildete Rheumatolog:innen auch im niedergelassenen Bereich tun können, indem sie dafür adäquat honoriert werden.

Vorausgesetzt, die Honorare passen: Glauben Sie, dass es gelingen kann, ausreichend Rheumatolog:innen für den niedergelassenen Bereich zu finden?
Daran müssen wir arbeiten. Da sind wir als Gesellschaft für Rheumatologie und auch im klinischen und akademischen Bereich auch gefordert, unsere jungen Kolleg:innen zu motivieren, das Fach kennenzulernen. Wir haben dazu verschiedene Konzepte entwickelt, wie die schon erwähnte Summer School und vor allem das Mentoring-Programm und das Buddy-Programm, die sehr stark von Doz.in Christina Duftner, der Präsidentin elect, und Dr.in Judith Sautner, meiner Vorgängerin, forciert werden. Es geht darum, im Mentoring ein Beispiel dafür zu geben, dass es auch für Frauen ein mit Familienleben vereinbarer Beruf ist, der es ermöglicht, Karriere zu machen, sei es im wissenschaftlichen Setting oder im niedergelassenen Bereich. Hier sind wir gefragt zu zeigen, dass es geht – und dass es vor allem ein wunderschöner Beruf ist: Man ist sehr nah an der Patientin, am Patienten!

Sie haben das wissenschaftliche Setting angesprochen. Der Level der wissenschaftlichen Forschung in der Rheumatologie ist ja in Österreich besonders hoch …

Die klinische Forschung und Wissenschaft sind uns auch in der ÖGR ein großes Anliegen. Ich freue mich sehr, dass es gelungen ist, dass mit Doz.in Christina Duftner, Prof. Jens Thiel sowie Doz. Martin Stradner und Doz.in Helga Lechner-Radner sowie Dr.in Antonia Mazzucato-Puchner alle 3 Universitäten im Vorstand gut vertreten sind. Doz.in Helga Lechner-Radner von der Medizinischen Universität Wien wird zudem als Leiterin der Sektion Wissenschaft die ÖGR-Jahrestagung organisieren.
Österreich verfügt traditionell im Gebiet der Rheumatologie über eine exzellente akademische Forschung auf höchstem Niveau – auch erkennbar daran, dass wir nach Prof. Josef Smolen, der von 2003 bis 2005 EULAR-Präsident war, jetzt mit Prof. Daniel Aletaha wieder einen EULAR-Präsidenten aus Österreich haben. Das unterstreicht die Bedeutung und Exzellenz der österreichischen akademischen Forschung in der Rheumatologie!

In der Vergangenheit wurde oft ein Delay in der Diagnose – auch als Folge einer zu späten Zuweisung – thematisiert. Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen, insbesondere der Allgemeinmedizin?

Ich glaube, dass wir hier schon vieles erreicht haben, weil der Fokus ja seit über 20 Jahren gerade auch in Österreich ausgehend von unseren wissenschaftlich tätigen Ärzt:innen auf der Früherkennung liegt. Wir können in der Frühphase etwas erreichen, was später nicht mehr erreichbar ist. Hier ist es natürlich wichtig, immer wieder Aufklärungsarbeit zu leisten und an die Notwendigkeit zu erinnern, rasch an eine:n ausgebildete:n Rheumatolog:in zu überweisen, um das Window of Opportunity zu nutzen. Hier sind zwei Aspekte relevant: Die Kooperation mit den Zuweiser:innen und natürlich, die Kapazitäten vorzuhalten. Die Herausforderungen dürften derzeit vor allem auf Seite der Kapazitäten liegen.

Die Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen ist uns als ÖGR ein großes Anliegen. Die Leitung der Sektion „Kooperationen“ hat Doz.in Ruth Fritsch-Stork, Primaria im Gesundheitszentrum Mariahilf der ÖGK und Leiterin der Fachdisziplin Rheumatologie in der ÖGK, übernommen. Sie lebt den Gedanken der Vernetzung mit Allgemeinmediziner:innen und anderen Fachrichtungen und ist daher prädestiniert für diese Funktion. Ich glaube, dass ein Austausch und das wechselseitige Verständnis sehr wichtig sind.
Traditionell wichtig ist für uns in der Rheumatologie, auch die Stimme der Patient:innen zu hören und ihnen auch im Vorstand eine Stimme zu geben. Die Leitung der Sektion hat Dr.in Jutta Stieger, Oberärztin am Krankenhaus Hietzing, als stimmberechtigtes Vorstandsmitglied übernommen, und diese Aufgabe erfüllt sie mit Leidenschaft.

Die Rheumatologie beschäftigt sich mit vielen auch seltenen Entitäten, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind und wenn, dann kaum der Rheumatologie zugeordnet werden. Auch die einzelnen krankheitsspezifischen Patientenorganisationen agieren weitgehend unabhängig. Sehen Sie eine Schwierigkeit, dass das Fach in der vollen Breite wahrgenommen wird?

Hier geht es natürlich zum einen um Präsenz, deshalb sind Ausbildung, aber auch Kooperationen mit anderen Fachgesellschaften so wichtig.
Natürlich handelt es sich bei vielen Erkrankungen auch um seltene Krankheitsbilder, die von unterschiedlichen Patientenorganisationen vertreten werden. Sie alle münden jedoch in unserer Sektion „Patientenkooperationen“ und sind damit mit einer gemeinsamen Stimme im Vorstand vertreten. Das ermöglicht uns, bei unseren Entscheidungen die Perspektive der Patient:innen mitzuberücksichtigen und patientenzentriert zu agieren.

Sie haben den geplanten Rheuma-Report angesprochen. Welche Inhalte wollen Sie transportieren?

Aufbauend auf einer Reihe schon vorliegender Beobachtungen, auf die wir zurückgreifen können, wollen wir evaluieren, wie es um die rheumatologische Versorgung im Jahr 2023 in Österreich steht, wie die geografische Verteilung aussieht, in welchem Setting niedergelassene Rheumatolog:innen tätig sind, ob als Vertrags- oder Wahlärzt:innen, wie viele Ausbildungsplätze es gibt etc. Das wollen wir analysieren und darstellen, um darauf aufbauend dann gegebenenfalls die Notwendigkeit für Veränderungen im System abzuleiten und letztlich bei den verschiedenen Stakeholdern Awareness zu schaffen. Es geht darum, aufzuzeigen, was die Rheumatologie als Fach braucht, um die betroffenen Patient:innen ideal versorgen zu können.

Vielen Dank für das Gespräch!