„Wir möchten einen Musterbehandlungspfad“

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Peter Fasching, Past President der Österreichischen Diabetes Gesellschaft, über erhoffte Neuerungen im Bereich der Diabetes-Therapie und die Herausforderungen in der nächsten Zukunft. 

Wird es im Jahr 2026 neue Diabetes-Therapien geben? Wir haben gerade erst ein neues Präparat für die Behandlung von Diabetes-Typ-2 bekommen, das Medikament Mounjaro mit dem Wirkstoff Tirzepatid, das nicht nur den Blutzucker senkt, sondern auch den Appetit reduziert. Damit hilft es Menschen mit Typ-2-Diabetes, die übergewichtig sind, bei der Gewichtsabnahme. Das Mittel, das man nur einmal pro Woche mit einem Pen injiziert, hat einer Studie zufolge außerdem den Vorteil, dass es das Herz-Kreislauf-System schütztund zusätzlich noch die Nieren. Letzteres insofern, als Komplikationen reduziert werden. Wir hoffen aber darauf, dass in Österreich bald ein weiteres Präparat erhältlich sein wird, für das der Hersteller aber erst noch die Zulassung der europäischen Arzneimittelbehörde EMA benötigt. Dabei handelt es sich um Orforglipron, eine Tablette, die täglich eingenommen wird, und sehr ähnliche Wirkungen wie Mounjaro hat. Einer Studie zufolge senkt es den Langzeitblutzuckerwert HBA1c um 1,5 Prozent. Dadurch, dass es die Wirkung des natürlichen Sättigungshormons imitiert, reduziert es außerdem den Appetit und führt so zu einer Gewichtsabnahme von zehn Prozent.  

Sind auch im Bereich des Typ-1-Diabetes Neuigkeiten zu erwarten? Hier ist kürzlich in der EU ein neues Präparat zugelassen worden, Teizeild mit dem Wirkstoff Teplizumad, das den Übergang von einem Frühstadium von Typ-1-Diabetes, dem Stadium zwei, in dem der Glukosestoffwechsel schon gestört ist, aber noch keine Symptome auftreten, in ein späteres Stadium verzögert. Das Mittel wird über 14 Tage lang täglich und im Spital intravenös verabreicht. In einer Studie hat man gesehen, dass der Übergang in ein späteres Stadium mit Symptomen um durchschnittlich zweieinhalb Jahre aufgeschoben werden kann. Die Behandlung damit wäre vor allem bei Früherkennung von Typ-1-Diabetes bei Kindern sinnvoll. Da hoffen wir darauf, dass das Screening von Verwandten von Menschen mit Typ-1-Diabetes ausgebaut wird und bei Anzeichen für Typ-1-Diabetes Teizeild eingesetzt wird. Ansonsten zeichnet sich bei den Medikamenten für Typ-1-Diabetiker:innen, konkret bei ultraschnellen Insulinen für die Pumpentherapie, keine Neuerung ab. Pharmafirmen forschen dazu auch wenig, da der Markt vergleichsweise klein ist.  

Was die Sensoren oder Pumpen anbelangt: Wird es da technische Neuerungen geben? Die Sensoren können immer länger getragen werden, und die Algorithmen als Teil der autonomen Insulindosierungssysteme mit der kontinuierlichen Messung und Insulinabgabe über eine Pumpe werden immer besser. Was die Pumpen anbelangt, hätten wir gern, dass die Kosten für schlauchlose Insulinpumpen in Hybrid-Closed-Loop-Systemen in Österreich bald refundiert werden.  

Welche Herausforderungen sehen Sie in der nächsten Zukunft auf den Bereich Diabetes zukommen? Wir haben in den vergangenen zwei Jahren darum gekämpft, dass das Disease-Management-Programm „Therapie aktiv“ durch einen Musterbehandlungspfad ergänzt wird, der Menschen mit Diabetes von Allgemeinmediziner:innen zu kompetenten Fachärzt:innen, idealerweise für Endokrinologie, oder in eine spezialisierte Ambulanz beziehungsweise in ein Diabeteszentrum führt. Wir möchten den Pfad 2026 gemeinsam mit anderen medizinischen Fachgesellschaften in die Praxis umsetzen. Das ist eine der künftigen Herausforderungen. Eine weitere sehen wir darin, dass das Diabetes-Management in ELGA abgebildet wird, damit dort zu sehen ist, ob und wann es eine Patientenschulung gab, etwa über Ernährung bei Diätolog:innen, und wann zuletzt eine Laborkontrolle stattgefunden hat. Dies automatisch in einen elektronischen Diabetespass zu übertragen, der mittels einer App für die Patient:innen  selbst einsehbar ist, wäre im Sinne des Empowerments sehr wünschenswert. (Das Interview führte Sabine Stehrer)