Der 1. AHOP-Liver-Care-Nurse-Fortbildungstag legte einen starken Fokus auf die erweiterte Rolle der Pflege im Umgang mit komplexen Lebererkrankungen wie Leberzirrhose, hepatozellulärem Karzinom (HCC) und Lebertransplantation. Im Mittelpunkt standen interprofessionelle Therapieentscheidungen im Tumor- und Transplantboard, spezifische Pflegeinterventionen in der Autoimmunhepatitis sowie PBC/PSC, Edukationsprogramme für Menschen unter Immunsuppression und das ERAS®-Konzept mit Schwerpunkt Prähabilitation.
AHOP-Präsident Harald Titzer skizzierte die berufspolitische Entwicklung der Cancer Nurse. Angesichts einer prognostizierten Zunahme onkologischer Patient:innen bis 2040 gewinnt die Spezialisierung an Bedeutung. Cancer Nurses übernehmen eine kontinuierliche Begleitung, koordinieren Versorgungsübergänge, führen Disstress-Screenings durch und navigieren Patient:innen vom Diagnosestadium bis hin zur End-of-Life Care. In Österreich bildet § 17 GuKG die rechtliche Grundlage für diese Spezialisierung, die mindestens zwei Jahre Erfahrung in der Onkologie/Hämatologie erfordert.
Daniela Rappold, die erste ERAS® Nurse Österreichs, stellte anschließend das ERAS®-Konzept (Enhanced Recovery After Surgery) vor. ERAS® vereint standardisierte medizinische, pflegerische und therapeutische Maßnahmen vor, während und nach Operationen, um postoperative Komplikationen zu reduzieren und den Heilungsprozess zu beschleunigen. Im Fokus stehen Vorbereitung durch Ernährung, Bewegung und mentale Stärkung (Prähabilitation), Frühmobilisation, modernes Schmerzmanagement und strukturierte Nachbetreuung. Rappold implementierte das Konzept am Salzkammergut Klinikum Vöcklabruck – dem ersten zertifizierten ERAS®-Zentrum Österreichs – und publizierte nachweisbare Outcome-Verbesserungen.
Als weitere Spezialisierung in der Hepatologie stellte Hanna Bernögger, erste APN für Lebertransplantationen an der Uniklinik Innsbruck, die Ergebnisse ihrer Masterarbeit vor. Sie integrierte die Rolle der Advanced Practice Nurse systematisch in das Hamric-Modell, welches Aufgaben wie Leadership, interprofessionelle Zusammenarbeit, evidenzbasierte Pflegepraxis, Edukation, Coaching sowie ethische Entscheidungsfindung umfasst. APN führen komplexe Assessments, leiten Fallbesprechungen, entwickeln Schulungsprogramme, koordinieren Transplantationsprozesse und fördern das klinische Selbstmanagement der Patient:innen, unter Einbezug von Angehörigen und Telehealth-Strukturen.
Die erste HCC Care Nurse Österreichs, Larissa Pajancic, und Hepatologe DDr. Bernhard Scheiner (AKH Wien) präsentierten das Tumorboard der Zukunft. Grundlage der vorgestellten Entscheidungsprozesse bildet das kürzlich publizierte CUSE-Modell, das vier zentrale Dimensionen komplexer Behandlungsentscheidungen beschreibt: Complexity (multidimensionale Krankheitsbilder und interprofessionelle Strategien), Uncertainty (fehlende Standards und prognostische Unsicherheiten), Shared Decision-Making (Therapieentscheidungen mit aktiver Pflegebeteiligung) und Emotion (Einfluss von Angst, Hoffnung und Belastung auf Therapieziele). Die Präsentation verdeutlichte, wie Pflegepersonen durch die Erhebung psychosozialer Ressourcen, Belastungsscreenings und Adhärenzprognosen essenzielle Beiträge leisten können, die über rein medizinische Daten hinausgehen und damit maßgeblich Therapieentscheidungen beeinflussen (Abb.).
Im Anschluss zeigte ÖGGH-Präsident Prim. Dr. Harald Hofer (Klinikum Wels-Grieskirchen) Versorgungslücken und künftige pflegerische Aufgaben in der Betreuung von Menschen mit PBC/PSC auf. Neue Wirkstoffe wie Elafibranor und Seladelpar ergänzen bestehende Therapien wie UDCA, mit dem Ziel der ALP- und Bilirubin-Normalisierung sowie einer gezielten Symptomkontrolle, insbesondere bei Fatigue und Pruritus. Hofer betonte, dass die Pflege durch klinische Assessments, Medikamentenschulung, Symptom- und Nebenwirkungsberatung sowie die Förderung des Selbstmanagements wesentlich zur Therapiewirksamkeit beitragen kann. Zusätzlich wurde die Anwendung von Patient-reported Outcome Tools (PRO) wie PBC-40, WI-NRS und 5D-ITCH empfohlen, die Pflegepersonen validiert einsetzen können, um die Symptomlast objektiv zu erfassen und Therapieziele zu steuern.
Dr.in Emina Halilbasic (AKH Wien) erläuterte die Bedeutung spezialisierter Pflege in der Versorgung von Menschen mit Autoimmunhepatitis (AIH). Pflegepersonen sollten kontinuierlich Symptome und Therapieeffekte beurteilen, besonders im Hinblick auf Steroid- und Immunsuppressionstherapien wie Budesonid oder Azathioprin. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Edukation zu Nebenwirkungen, in der Einbeziehung von Angehörigen zur Förderung der Adhärenz und in der langfristigen Begleitung durch Impfberatung, Knochendichtemessung sowie dermatologische und kardiologische Kontrollen. Die Pflege übernimmt damit zentrale präventive Aufgaben, die den langfristigen Therapieerfolg sichern.
Die Rolle der spezialisierten Pflege in der Transplantationsnachsorge stellte APN Elisabeth Maria Kletz (Universitätsklinikum Graz) vor. Ihr multiprofessionelles Schulungskonzept umfasst Module zur Förderung der Adhärenz unmittelbar nach der Transplantation und verbindet Shared Decision-Making, Motivational Interviewing und Mikroschulungen zur sicheren Einnahme lebenslanger Immunsuppression. Die Beratung umfasst Nebenwirkungen wie Infektionen, Tumorrisiken und Ernährungsaspekte, womit die Gesundheitskompetenz gestärkt und Risiken wie Abstoßungsreaktionen verringert werden.
Zum Abschluss präsentierten Dr.in Hametner-Schreil und Liver Care Nurse Denise Schäfer Fallbeispiele, welche die Bedeutung interprofessioneller Zusammenarbeit unterstrichen. Gezeigt wurde unter anderem, wie bei einem Patienten mit HCC auf dem Boden einer alkoholischen Leberzirrhose durch intensive Edukation und rehabilitative Maßnahmen bereits am zweiten postoperativen Tag nach Transplantation eine Verlegung auf die Normalstation möglich war. Ein weiteres Beispiel veranschaulichte, wie bei einer Patientin mit AIH/PBC durch multiprofessionelle Koordination trotz mehrfacher ungeplanter Aufnahmen eine erfolgreiche Transplantation und vollständige Symptomfreiheit erreicht werden konnten. Abschließend wurde die Bedeutung ethischer Entscheidungsfindung anhand der Diskrepanz zwischen Befund und Befinden diskutiert.
Der Nachmittag endete mit einem interprofessionellen Workshop, der praxisorientierte Fähigkeiten für spezialisierte Pflege vermittelte. Unter Anleitung von Dr.in Söllradl erlernten Teilnehmer:innen die sichere Durchführung der Aszites-Drainage inklusive Anlage einer Dauerdrainage. Ergänzend demonstrierte Diätologin Hofer Ernährungsscreenings und die Handkraftmessung als Marker für Sarkopenie und Frailty. Zum Abschluss zeigte Andrea Käfer (AKH Wien) die Anwendung des Leberwickels als komplementäre Intervention zur vegetativen Entspannung und Symptomlinderung.
Resümee: Der Fortbildungstag verdeutlicht, dass spezialisierte Pflege in der Hepatologie nicht nur klinische Maßnahmen durchführt, sondern als aktive Entscheidungsträger:innen die Therapiequalität und Patienten-Outcomes in der Hepatologie nachhaltig beeinflussen können. Vor allem die Rolle als kontinuierliche Ansprechperson für Betroffene und Behandlungsteams wird in allen Sessions als tragender Erfolgsfaktor erachtet. Die Veranstaltung zeigte eindrucksvoll, wie Liver Care Nurses die Versorgung von Menschen mit chronischen Lebererkrankungen durch Assessment, Edukation, Therapiekoordination und psychosoziale Navigation nachhaltig verbessern können.