Phytotherapie gegen Husten

Die WHO hat 2021 Antibiotikaresistenz als eine der 10 größten globalen Gesundheitsbedrohungen eingestuft. Dennoch sind bis zu 50 % der Antibiotikaverschreibungen beim Menschen nicht indiziert. Eine 2024 veröffentlichte Studie mit 40.344 Patient:innen zeigt: Die Verschreibung von Phytopharmaka war bei Hausärzt:innen signifikant mit einem Rückgang der Antibiotikaverschreibungen verbunden – ein relevanter Ansatz auch für die Apothekenberatung bei Atemwegsinfekten.1 Aufgrund des retrospektiven Designs der Studie lassen sich keine kausalen Schlüsse ziehen, die Assoziation ist aber klinisch hoch relevant.

Differenzialtherapeutische Beratung

Die Wahl des richtigen Phytopharmakons hängt maßgeblich von der Art des Hustens ab. Bei trockenem Reizhusten, der vor allem zu Beginn einer Erkältung oder durch äußere Reize auftritt, stehen Schleimdrogen im Vordergrund. Sie bilden einen Schutzfilm über die gereizte Schleimhaut und unterbrechen so den Teufelskreis aus Reizung und Husten. Eibischwurzel, Isländisches Moos oder Spitzwegerich sind hier die Mittel der Wahl. Bei produktivem Husten mit zähem Schleim, der typischerweise nach einigen Tagen auftritt, sind Expektoranzien wie Efeu, Primel oder Süßholz gefragt. Sie verflüssigen die Sekrete und erleichtern das Abhusten. In der Übergangsphase können auch Kombinationen sinnvoll sein.2 Eine wichtige Beratungsleistung in der Apotheke ist es, Patient:innen diese Unterschiede zu erklären und die Therapie entsprechend anzupassen – manchmal bedeutet das auch einen Wechsel des Präparates im Krankheitsverlauf.

Schleimdrogen

Schleimdrogen, auch Demulzenzien genannt, werden bei Reizungen der Atemwege eingesetzt. Die enthaltenen Polysaccharid-Hydrokolloide bilden einen viskosen Schutzfilm über die entzündeten Schleimhäute im Mund- und Rachenraum. Dieser Film wirkt wie eine physische Barriere und schirmt die Rezeptoren vor irritierenden Stimuli wie Staub, Rauch oder chemischen Substanzen ab, was zu einer direkten Linderung des Hustenreizes führt. Im Gegensatz zu chemischen Hustenstillern, die das ZNS beeinflussen, bleibt der Husten als wichtiger Schutzmechanismus des Körpers erhalten, wird aber weniger oft durch äußere Reizungen ausgelöst.2

Beispiele aus dem Arzneibuch und Anwendung

Die getrocknete Eibischwurzel (Althaeae radix), ein traditionelles pflanzliches Arzneimittel, ist eine klassische Schleimdroge und wird zur Behandlung von Reizhusten sowie bei leichten Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt.3 In Kombination mit Ingwer oder Efeu soll die Wirkung noch verstärkt werden können.2 Spitzwegerichblätter (Plantaginis lanceolatae folium) und Lindenblüten (Tiliae flos) wirken durch die enthaltenen Schleimstoffe ebenfalls als Demulzenzien. Isländisches Moos (Lichen islandicus) enthält neben den Schleimstoffen auch Bitterstoffe und wurde deshalb vom HMPC sowohl als Demulzens als auch zur Behandlung von Appetitlosigkeit als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft.4 Typische Darreichungsformen der Schleimdrogen sind Tees, Sirupe oder Lutschtabletten.

Expektoranzien

Saponine wirken auf verschiedenste Weise, um das Abhusten zu erleichtern. Sie stimulieren die Bronchialdrüsen in der Lunge dazu, eine wässrige Flüssigkeit abzusondern, wodurch die Viskosität des Schleims verringert wird. Außerdem reduzieren sie die Haftung des Mukus an den Atemwegswänden, sodass dieser leichter abtransportiert bzw. abgehustet werden kann.2

Beispiele aus dem Arzneibuch und Anwendung

Die EMA stuft Efeublätter (Hederae helicis folium) als traditionelles pflanzliches Arzneimittel ein. Laborstudien deuten darauf hin, dass daraus gewonnene Extrakte die Bronchien erweitern können.5 Zudem wird die Internalisierung von b-Rezeptoren gehemmt, was die Atemfunktion verbessert. Zusätzlich zeigen Saponine aus Efeu in Studien antibakterielle, antivirale und antimykotische Eigenschaften. Sie stimulieren zudem die Produktion von Surfactant in den Alveolarzellen, was ebenfalls einen schleimlösenden Effekt hat.2 Efeu wird in der Apotheke vor allem in Form von Saft oder Hustentropfen angeboten. Die Primelwurzel (Primulae radix) wird traditionell als Expektorans verwendet – oft auch in Kombination mit Thymian, um die Wirkung zu verstärken.6 Süßholzwurzel (Liquiritiae radix) wurde vom HMPC als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft. Sie enthält Triterpensaponine, Flavonoide, Isoflavone sowie Polysaccharide und wirkt bei Husten im Zusammenhang mit Erkältungen ebenfalls expektorierend.7

Ätherische Öle

Auch ätherische Öle werden zur Linderung von Husten und Erkältungssymptomen eingesetzt. Genutzt werden unter anderem Thymianöl (Thymi aetheroleum), Eukalyptusöl (Eucalypti aetheroleum) und Pfefferminzöl (Menthae piperitae aetheroleum). Sie wirken durch eine Kombination verschiedener pharmakologischer Eigenschaften direkt auf die Atemwege. Thymianöl hat durch das enthaltene Thymol beispielsweise eine expektorierende Wirkung und fördert die Verflüssigung von Schleim. Zudem haben ätherische Öle nachgewiesene antibakterielle, antivirale, antimykotische sowie antinozizeptive Eigenschaften und können die Freisetzung von Entzündungsmarkern reduzieren. Sie wirken lokal beruhigend auf die gereizten Atemwege, was die Häufigkeit und Schwere des Hustens reduzieren kann.2 Wichtig für die Beratung: Ätherische Öle sollten bei Säuglingen und Kleinkindern nur nach ärztlicher Rücksprache angewendet werden, da sie Atemreflexe auslösen können. Zur Anwendung kommen Inhalationen, Einreibungen oder orale Präparate.

Kombinationspräparate nützen synergistische Effekte

In der Phytotherapie werden häufig Kombinationspräparate eingesetzt, die verschiedene Wirkprinzipien vereinen. Die Kombination aus Thymian und Efeu beispielsweise verbindet expektorierende mit bronchospasmolytischen Eigenschaften – der Schleim wird verflüssigt, und gleichzeitig werden die Bronchien erweitert. Primel und Thymian ergänzen sich durch ihre unterschiedlichen Saponinprofile und verstärken so die schleimlösende Wirkung. Ein weiterer Vorteil: Durch die Kombination können die Einzeldosen oft niedriger gehalten werden, was die Verträglichkeit verbessert. Eibischwurzel wird gerne mit Spitzwegerich kombiniert, um sowohl den Hustenreiz zu lindern als auch eine antimikrobielle Komponente einzubringen. Diese Kombinationen sind nicht willkürlich, sondern basieren auf traditionellem Wissen und zunehmend auch auf klinischen Studien, welche die additive oder synergistische Wirkung belegen.2

Grenzen der Selbstmedikation

So wirksam Phytopharmaka bei unkomplizierten Atemwegsinfekten sind, die Grenzen der Selbstmedikation müssen in der Apothekenberatung klar kommuniziert werden. Husten, der länger als 3 Wochen anhält, kann auf chronische Erkrankungen wie Asthma oder COPD hinweisen. Alarmsymptome, bei denen Patient:innen umgehend ärztlich vorgestellt werden sollten, sind: Fieber über 39°C, blutiger oder eitriger Auswurf, Atemnot oder Brustschmerzen beim Atmen. Besondere Vorsicht ist bei Säuglingen und Kleinkindern geboten. Hier sollte bereits bei anhaltendem Husten über wenige Tage eine ärztliche Abklärung erfolgen. Auch immunsupprimierte Patient:innen oder Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen sollten frühzeitig ärztlich betreut werden. Die Phytotherapie ist eine wertvolle Option bei unkomplizierten Infekten, ersetzt aber nicht die diagnostische Abklärung bei komplexen oder protrahierten Verläufen.