Evidenzbasierte Beratung bei Pollenallergie

Schätzungen zufolge liegt die weltweite Prävalenz der allergischen Rhinitis (AR) zwischen 10 % und 40%, wobei sich die Spannbreite aus unterschiedlichen Definitionen (ärztliche Diagnose vs. Selbstauskunft) ergibt.2 Für Betroffene kann eine evidenzbasierte Beratung den entscheidenden Unterschied machen: Sie sichert die richtige Einnahme und kann Komplikationen wie einer Asthmaentwicklung vorbeugen.

Überblick verschaffen

Um sich ein Bild von der Situation zu verschaffen, sind folgende Punkte an der Tara zu erfragen:

  • Alter und allgemeiner Gesundheitszustand
  • vorliegende Symptome (Niesreiz, Husten, Atembeschwerden, nasale Obstruktion, brennende Augen etc.)
  • Häufigkeit des Auftretens der Beschwerden (akut, chronisch, saisonal)
  • eventuelle Begleitsymptome (Kopfschmerzen, Geruchs- oder Geschmacksstörungen etc.)
  • bereits versuchte Maßnahmen und/oder angewendete Präparate
  • bereits in Anspruch genommene ärztliche Hilfe, verordnete Arzneimittel und/oder vorliegende Diagnose

Standardtherapie

First-Line-Therapie der AR bilden intranasale Kortikosteroide (INCS) und H1-Antihistaminika der zweiten Generation. INCS gelten aufgrund ihrer überlegenen Wirksamkeit bei der Kontrolle nasaler Symptome als Mittel der ersten Wahl. Sie werden insbesondere bei moderater bis schwerer Rhinitis eingesetzt und verbessern neben der Linderung der Tagessymptome auch nachweislich die Schlafqualität der Patient:innen. Bei Heuschnupfen sollte die Anwendung idealerweise bereits einige Tage vor Beginn der Pollensaison prophylaktisch begonnen werden, weshalb die Überwachung des Pollenfluges für Betroffene einen hohen Stellenwert in der Therapie hat.2–4 H1-Antihistaminika der zweiten Generation werden aufgrund ihrer Wirksamkeit und ihres günstigen Sicherheitsprofils ebenfalls als First-Line-Option eingestuft. Hierzu gehören orale Präparate mit Cetirizin, Loratadin, Fexofenadin, Desloratadin und Levocetirizin sowie intranasale Antihistaminika wie Nasensprays mit Azelastin. Vorteil der intranasalen Gabe ist die besonders schnelle Wirksamkeit im Akutfall.3–5

Unterstützende Maßnahme

Nasale Kochsalzspülungen werden in der internationalen Konsenserklärung zu Allergie und Rhinologie explizit als Teil der First-Line-Therapie empfohlen. Sie können Symptome lindern, die mukoziliäre Clearance fördern, die Lebensqualität verbessern und gegebenenfalls den Bedarf an Antihistaminika senken. Des Weiteren gelten intranasale Dekongestiva, wie Nasensprays mit Xylometazolin oder Oxymetazolin, als Option für die Kurzzeittherapie bei akuten Schüben. Sie können darüber hinaus auch bei Patient:innen mit schwerer Verstopfung kurzzeitig (z.B. vor der Anwendung von INCS) eingesetzt werden, um die Nase zu öffnen und das Eindringen der weiteren Wirkstoffe zu ermöglichen.3

Allergen-Immuntherapie (AIT)

Im Gegensatz zur reinen Pharmakotherapie zielt die AIT darauf ab, eine immunologische Toleranz gegenüber Pollen zu induzieren. Sie führt zu einer signifikanten und anhaltenden Reduktion der allergischen Symptome und senkt den Verbrauch an Bedarfsmedikamenten wie Antihistaminika. Die Wirkung besteht nachweislich für mindestens 2 Jahre nach Abschluss einer Behandlungsphase. Darüber hinaus kann die Behandlung als Sekundärprävention das Risiko senken, dass aus einem allergischen Schnupfen ein Asthma entsteht, und möglicherweise sogar die Entwicklung neuer Sensibilisierungen verhindern.3

Die Rolle der Ernährung

Eine ausgewogene Ernährung spielt als modifizierbarer Lebensstilfaktor ebenfalls eine wichtige Rolle beim Risiko für die Entstehung und den Schweregrad von AR. Hierbei ist vor allem das Entzündungspotenzial der Nahrung zentral, das durch den Dietary Inflammatory Index (DII) angegeben wird. Er beschreibt das entzündungsfördernde oder -hemmende Potenzial einer Diät. Personen mit einer stark proinflammatorischen Ernährung (hoher DII-Wert) haben ein bis zu 4,4-fach höheres Risiko, an AR zu erkranken, wobei der Zusammenhang unabhängig von Alter, Geschlecht oder BMI ist. Proinflammatorische Nährstoffe, beispielsweise gesättigte Fettsäuren, können die Produktion entzündungsfördernder Zytokine (z. B. IL-6, TNF-α) fördern, die wiederum die allergische Reaktion verstärken. Eine antiinflammatorische Ernährung, reich an Ballaststoffen, Omega-3-Fettsäuren, Proteinen, Vitaminen und Mineralstoffen, korreliert hingegen mit einem geringeren AR-Risiko. Eine mediterrane Diät mit Fokus auf Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte und Olivenöl gilt als besonders empfehlenswert.6

Nahrungsergänzungsmittel

Probiotika können nachweislich die Immunantwort modulieren, indem sie TH2-Reaktionen, welche die allergische Entzündung fördern, unterdrücken und regulatorische T-Zellen hochregulieren. Metaanalysen zeigen, dass die tägliche Einnahme über 4 bis 12 Monate nasale und okulare Symptome sowie die Lebensqualität bei Heuschnupfen signifikant verbessern kann. Es gibt jedoch nicht ausreichend Evidenz dafür, dass die Gabe von Probiotika während der Schwangerschaft oder im Säuglingsalter die Entstehung von AR verhindern kann.3 Auch die Supplementierung bestimmter Mikronährstoffe kann Betroffenen nahegelegt werden, wenn sie über die Nahrung nicht genug davon aufnehmen. Hierzu gehören etwa Vitamin D, Vitamin C, Zink, Eisen und Selen. Aber auch die antiinflammatorischen Omega-3-Fettsäuren und eine hohe Aufnahme an Ballaststoffen unterstützen die Immunantwort.3, 6

Risikominimierung

Patient:innen müssen über die notwendige Dauer der Behandlung aufgeklärt werden. Hierbei ist wichtig zu betonen, dass Medikamente oft regelmäßig eingenommen werden müssen, auch wenn die Symptome gerade schwach sind.4, 5 Eine unbehandelte AR birgt erhebliche gesundheitliche Risiken. Zunächst ist – besonders die persistierende – AR ein Risikofaktor für die Entstehung von Asthma. Beim „Etagenwechsel“ bilden die oberen und unteren Atemwege eine funktionelle Einheit, weshalb Entzündungen in der Nase chronische Entzündungsprozesse in der Lunge induzieren können.3 Die nasale Obstruktion führt zudem oft zu Schlafstörungen, die sich im weiteren Verlauf anhand systemischer Folgen, wie Diabetes oder Hypertonie, äußern können.2 Zuletzt können chronische AR-Symptome Reizbarkeit, Angstzustände und Depressionen auslösen sowie die Produktivität, Lern- und Gedächtnisstörungen messbar reduzieren.3 Genau hier greift die evidenzbasierte Beratung an der Tara entscheidend ein: Sie schützt vor Komplikationen und sichert langfristige Lebensqualität.