Assoc.-Prof.in Priv.-Doz.in Dr.in Maria Krauth
Abteilung Hämatologie und Hämostaseologie,
Universitätsklinik für Innere Medizin I, Medizinische Universität Wien
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Im Videostatement beschreibt Professorin Maria Krauth den ASH 2025 als einen Kongress, der weniger von völlig neuen Substanzen geprägt war als mehr von zahlreichen Updates etablierter Therapiekonzepte, die sich zunehmend in frühere Therapielinien bis hin zur Erstlinientherapie verschieben. Nachdem sich die letzten Kongressjahre insbesondere der Erstlinientherapie gewidmet haben – etwa mit Studien wie PERSEUS, CEPHEUS, IMROZ oder GMMG-HD7 –, sind hochwirksame Induktionsregime heute gut definiert.
„Die zentrale Frage heute ist, wie diese Konzepte weiter optimiert werden können.“
Dabei rückten v.a. Erhaltungstherapie-Strategien und die Integration neuer Immuntherapien in den Fokus. Bispezifische Antikörper und CAR-T-Zelltherapien werden zunehmend in früheren Therapielinien und neuen klinischen Settings untersucht. „Windows of opportunities“ meint in diesem Kontext neue, klar definierte Therapie-Zeitfenster im Krankheitsverlauf, in denen moderne Immuntherapien jenseits des klassischen Rezidiv-Settings besonders sinnvoll eingesetzt werden könnten.
„Wir haben heute so viele hochwirksame Immuntherapien, dass die entscheidende Frage oft nicht mehr die Substanz selbst ist – sondern der richtige Zeitpunkt, zu dem wir diese Therapien entlang des gesamten Krankheitsverlaufs einsetzen.“
Studientyp: Phase-I; Setting: neu diagnostiziertes Multiples Myelom; transplantationsgeeignete und nicht-transplantationsgeeignete Patient:innen; Therapiekonzept: Monotherapie in der Erstlinie
Neu und interessant in der Erstlinientherapie wird auf eine frühe Studie zu Linvoseltamab verwiesen, einen in den USA neu zugelassenen BCMA-gerichteten bispezifischen Antikörper, der in der Linker-MM4-Studie erstmals als Monotherapie untersucht wurde. Der Ansatz adressiert sowohl transplantationsgeeignete als auch nicht-transplantationsgeeignete Patient:innen und verfolgt ein bewusst vereinfachtes Therapiekonzept in der neu diagnostizierten Situation mit dem Ziel, zu evaluieren, ob eine alleinige bispezifische Antikörpertherapie in der Erstlinie ausreichend wirksam und praktikabel sein kann. Dieser Ansatz wird als konzeptionell interessant bewertet, jedoch klar der frühe Entwicklungsstand betont: Phase-I-Studie, begrenzte Patientenzahl, kurze Nachbeobachtungszeit.
„Eine Monotherapie mit einem bispezifischen Antikörper in der Erstlinie zu prüfen, ist ein sehr spannender Ansatz; die Daten sind beeindruckend, aber noch klar im frühen Entwicklungsstadium – es ist jedenfalls ein Konzept, das man im Auge behalten muss.“
Die Phase-II-Studie IMMUNOPLANT (NCT06376526) bspw. evaluiert Linvoseltamab als immunologische Konsolidierung bei Patient:innen mit neu diagnostiziertem Multiplem Myelom, die nach initialer Kombinationstherapie noch MRD-positiv sind, mit dem Ziel, eine MRD Negativität (die auch anhält) zu erreichen und dadurch Folgetherapien wie z.B. eine Transplantation hinauszuzögern.
Studientyp: frühe klinische Studie (französische Studiengruppe); Setting: neu diagnostiziertes Multiples Myelom; Erstlinientherapie; Patient:innen, die nicht für eine Transplantation geeignet sind; Substanzen/Kohorten: Kohorte A: Teclistamab + Daratumumab (weitere Kohorten mit Teclistamab + Lenalidomid)
Als weiterer wichtiger Ansatz mit bispezifischen Antikörpern in der Erstlinientherapie wird die TecLille-Studie der französischen IFM-Studiengruppe genannt. Sie verfolgt das Ziel, Teclistamab-basierte Kombinationen bereits in der Erstlinientherapie zu evaluieren und dabei unterschiedliche Kombinationspartner zu prüfen, u.a.:
Am ASH wurden insbesondere die Daten der Kohorte A vorgestellt, Teclis-tamab in Kombination mit Daratumumab. Die Ergebnisse sind durch sehr vielversprechende Langzeitdaten gekennzeichnet. Die Kombination zeigt auch nach längerer Nachbeobachtung eine anhaltende Wirksamkeit und unterstreicht damit das Potenzial bispezifischer Antikörper bereits in der Erstlinie. Ein weiterer von Professorin Krauth betonter Aspekt ist der kortisonsparende Ansatz dieses Regimes, der insbesondere für ältere oder komorbide Patient:innen von klinischer Relevanz ist.
„Gerade der kortisonsparende Ansatz ist hier ein wichtiger Punkt, der diese Kombination in der Erstlinie attraktiv macht.“
Gleichzeitig ordnet Professorin Krauth die Infektproblematik weiterhin als zentrales Thema ein, das auch in der TecLille-Studie präsent ist, jedoch dem bekannten Sicherheitsprofil von Teclistamab entspricht. Entscheidend sei, dass diese Risiken heute deutlich besser handhabbar sind als noch in frühen Studienphasen.
„Durch das in den letzten Jahren gewonnene Wissen – insbesondere zur frühzeitigen Immunoglobulin-Substitution – können wir diese Nebenwirkungen heute wesentlich besser managen. Insgesamt sehen wir, dass es auch in der Erstlinie bereits ernstzunehmende Ansätze mit bispezifischen Antikörpern gibt – auch wenn diese noch nicht im klinischen Standard angekommen sind.“
Setting: rezidiviertes/refraktäres Multiples Myelom; besonderer Fokus: spezielle Subgruppen (z.B. extramedulläre Erkrankung)
Im relapsierten/refraktären Setting des Multiplen Myeloms wurden am ASH aktualisierte Daten aus der RedirecTT-Studie präsentiert, in der die Kombination der beiden bispezifischen Antikörper Teclistamab (BCMA × CD3) und Talquetamab (GPRC5D × CD3) untersucht wird. Professorin Krauth betont, dass es sich hierbei um eine inzwischen gut charakterisierte Kombinationstherapie handelt, zu der nun Daten mit deutlich längerer Nachbeobachtungszeit vorliegen. Diese erlauben erstmals eine belastbare Einschätzung sowohl zur Dauer der Wirksamkeit als auch zum Langzeit-Nebenwirkungsprofil. Ein besonderer Fokus lag auf spezifischen Subgruppen, die von diesem dualen Targeting-Ansatz besonders profitieren. Hervorgehoben wurden insbesondere Patient:innen mit extramedullärer Erkrankung, für die auch im verlängerten Follow-up anhaltend hohe Ansprechraten gezeigt wurden.
„Gerade bei extramedullärer Erkrankung sehen wir hier eine sehr relevante Wirksamkeit, die sich auch über einen längeren Zeitraum bestätigt.“
Bezüglich der Sicherheit ordnet Professorin Krauth ein, dass das Nebenwirkungsprofil der Kombination gut bekannt ist und den erwarteten Zielantigen-spezifischen Toxizitäten entspricht. Entscheidend sei jedoch, dass diese Nebenwirkungen – insbesondere immunvermittelte Effekte – mit zunehmender Erfahrung und standardisierten Managementstrategien inzwischen auch langfristig beherrschbar erscheinen.
„Das Nebenwirkungsprofil kennen wir von beiden Targets und sehen, dass es über einen längeren Zeitraum gut in den Griff zu bekommen ist.“
Setting: Multiples Myelom mit t(4;14); Therapiekonzept: zielgerichtete, molekular definierte Therapie; NSD2 = Nuclear receptor-binding SET domain protein 2
Ein weiterer innovativer Ansatz ist eine neue zielgerichtete Substanz gegen MMSET (NSD2). Dieser epigenetische Regulator spielt insbesondere bei Patient:innen mit t(4;14)-Translokation eine zentrale Rolle, da es hier zu einer Überexpression von MMSET kommt, die als onkogener Treiber wirkt. Professorin Krauth hebt hervor, dass der vorgestellte Ansatz erstmals eine direkte, target-spezifische Inhibition ermöglicht. Dabei handelt es sich um einen oralen MMSET-Inhibitor, der gezielt für diese molekular definierte Subgruppe entwickelt wurde.
„Das ist ein sehr eleganter, biologisch klar begründeter Ansatz, weil MMSET bei der t(4;14)-Translokation ein zentraler Treiber ist und hier nun gezielt adressiert werden kann.“
Die Entwicklung stellt einen wichtigen Schritt in Richtung präzisionsonkologischer Therapiekonzepte beim Multiplen Myelom dar. Besonders relevant ist aus Sicht von Professorin Maria Krauth, dass es sich um einen oralen Wirkstoff handelt, der perspektivisch eine gut integrierbare Therapieoption darstellen könnte. Gleichzeitig wird der noch frühe Entwicklungsstand der Substanz betont: frühe klinische Phase, begrenzte Patientenzahlen, noch keine Daten zur langfristigen Wirksamkeit oder zur optimalen Kombination.
„Es handelt sich um einen frühen Ansatz, aber ein sehr spannendes Konzept für eine klar definierte Patientengruppe.“
Studientyp: First-in-Human; Setting: stark vorbehandeltes Multiples Myelom; Therapiekonzept: In-vivo-Generierung von CAR-T-Zellen; keine Lymphodepletion, kein ex-vivo-Manufacturing
Als eines der konzeptionell neuartigsten Projekte wurde am ASH 2025 die inMMyCAR-Studie als Late-Breaking Abstract #1 hervorgehoben. Dabei handelt es sich um eine Weiterentwicklung der Zelltherapie, die erstmals auf ein „In-vivo-Manufacturing“ der CAR-T-Zellen setzt. Im Unterschied zur etablierten CAR-T-Strategie erfolgt keine ex-vivo-Herstellung der Zellen. Stattdessen wird eine intravenös applizierte Gentherapie eingesetzt, bei der ein spezifischer Vektor direkt im/in der Patient:in T-Zellen transduziert, sodass diese den chimären Antigen-Rezeptor (CAR) im Körper selbst exprimieren. Eine Lymphodepletion ist nicht erforderlich, die CAR-T-Zellen entstehen gewissermaßen direkt im/in der Patient:in.
„Das ist noch einmal ein ganz neuer Schritt in der Weiterentwicklung der CAR-T-Zelltherapie.“
Bislang handelt es sich um sehr frühe klinische Daten. So wurden am ASH drei behandelte Patient:innen vorgestellt, bei denen jedoch außerordentlich vielversprechende frühe Wirksamkeitssignale beobachtet wurden.
Besonders hervorzuheben ist das Sicherheitsprofil:
„Für diese frühe Phase ist das Sicherheitsprofil vielversprechend.“
Die Nachbeobachtungszeit ist sehr kurz, und belastbare Aussagen zur Dauerhaftigkeit der Remissionen oder zu potenziellen Langzeitrisiken sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. Trotz des frühen Entwicklungsstadiums erscheint dieses Konzept als außerordentlich zukunftsweisend. Sollte sich dieser Ansatz bestätigen, könnte er zentrale Limitationen der klassischen CAR-T-Therapie – insbesondere Herstellungszeit, Logistik und Verfügbarkeit – grundlegend verändern.
„Wenn man perspektivisch eine Art off-the-shelf-In-vivo-CAR-T-Therapie verabreichen kann, wäre das ein echter Paradigmenwechsel.“
Professorin Maria Krauth geht davon aus, dass dieses Konzept auf den kommenden Kongressen intensiv weiterverfolgt und aktualisiert werden wird.
„Von diesem Ansatz werden wir in den nächsten Jahren sicher noch viel hören.“
Studientyp: Phase III; Setting: rezidiviertes Multiples Myelom, 1–3 vorangegangene Therapielinien; Vergleich: Teclistamab + Daratumumab vs. Standard of Care (DPd/DVd)
MajesTEC-3 war eines der zentralen Highlights der Late-Breaking Abstract Session und belegt eine außergewöhnliche und konsistente Überlegenheit der Kombination aus Teclistamab und subkutanem Daratumumab gegenüber etablierten Daratumumab-basierten Standardtherapien (DPd/DVd) bei Pa-tient:innen mit rezidiviertem Multiplem Myelom. Die Studie vergleicht diese „All-Antibody-Kombination“ mit dem jeweiligen Standard of Care bei Patient:innen mit 1 bis 3 vorangegangenen Therapielinien und erzielte eine außergewöhnliche Wirksamkeit mit einer Hazard Ratio von 0,17 für das progressionsfreie Überleben, was einer Risikoreduktion von über 80 % für Krankheitsprogression oder Tod entspricht.
„Das sind wirklich sensationelle Wirksamkeitsdaten, die wir so im relapsierten Setting selten gesehen haben.“
Nach einem medianen Follow-up von 34,5 Monaten war das mediane progressionsfreie Überleben (PFS) im Tec-Dara-Arm noch nicht erreicht, während es im Kontrollarm 18,1 Monate betrug – entsprechend einer Risikoreduktion für Progression oder Tod um 83 % (Hazard Ratio = 0,17; 95 % KI = 0,12–0,23; p < 0,0001).
Die 36-Monats-PFS-Rate lag bei 83,4 % gegenüber 29,7 % unter DPd/DVd. Auch beim Gesamtüberleben (OS) zeigte sich ein signifikanter Vorteil: Die 36-Monats-OS-Rate betrug 83,3 % unter Tec-Dara gegenüber 65,0 % im Kontrollarm. Das Mortalitätsrisiko wurde damit um 54 % reduziert (HR = 0,46; 95 % KI = 0,32–0,65; p<0,0001).
Die Kombination führte zudem zu einem deutlich tieferen Ansprechen. Eine komplette Remission oder besser erreichten 81,8 % der Patient:innen im Tec-Dara-Arm im Vergleich zu 31,1 % unter DPd/DVd (p < 0,0001).
Die mediane Ansprechdauer war im All-Antibody-Arm noch nicht erreicht gegenüber 23,5 Monaten im Kontroll-arm. Bei auswertbaren Patient:innen lag die MRD-Negativitätsrate (10-5) bei 89,3 % vs. 63,0 % (p < 0,0001).
Insgesamt dokumentieren diese Daten eine „beispiellose Wirksamkeit“ einer antikörperbasierten Kombination im frühen Rezidiv und untermauern das Potenzial von Teclistamab + Daratumumab als neuen Therapiestandard ab der Zweitlinie.
Ein weiterer zentraler Punkt ist das kortisonsparende Therapiekonzept. Nach dem ersten Zyklus wird Dexamethason bereits ausgeschlichen, sodass die Kombination langfristig ohne Kortison verabreicht wird – ein Aspekt von hoher klinischer Relevanz, insbesondere für ältere oder komorbide Patient:innen.
„Dass diese Wirksamkeit ohne dauerhafte Kortisongabe erreicht wird, ist ein enormer Vorteil.“
Professorin Maria Krauth ordnet die Kombination als eine sehr attraktive Option insbesondere für Patient:innen ein, die keine CAR-T-Zelltherapie erhalten können, etwa aufgrund von Komorbiditäten, Alter oder logistischer Einschränkungen.
Sicherheit und Infektionen: Die Infektproblematik bleibt auch in der MajesTEC-3-Studie ein relevantes Thema. Professorin Krauth betont jedoch, dass die Infektionsraten nicht höher sind als unter Teclistamab-Monotherapie, auch wenn Grad-3/4-Infektionen häufig auftreten. Entscheidend sei, dass klar gezeigt wurde, wie diese Risiken klinisch wirksam reduziert werden können.
„Durch die konsequente und regelmäßige Gabe von Immunglobulinen – intravenös oder subkutan – lässt sich die Infektionsrate dramatisch senken.“
Zudem konzentrieren sich die Infektionen überwiegend auf die ersten sechs Monate der Therapie und nehmen im weiteren Verlauf deutlich ab, sofern ein strukturiertes Supportivkonzept umgesetzt wird.
„Das ist eine Kombination, die den Therapiealgorithmus im frühen Rezidiv nachhaltig verändern wird.“
Studientyp: Phase I; Setting: stark (auch BCMA-) vorbehandelte Patient:innen; FcRH5: B-Zell-spezifisches Oberflächenprotein mit nahezu durchgehender Expression auf Myelomzellen (auch bei BCMA-Verlust oder -Downregulation)
Neben den etablierten BCMA-gerichteten Strategien hebt Professorin Krauth hervor, dass auf dem ASH 2025 auch weitere Immuntherapie-Ansätze gegen alternative Oberflächenantigene präsentiert wurden. Ein Beispiel ist Cevostamab, ein FcRH5-gerichteter bispezifischer Antikörper, der neue Möglichkeiten jenseits der klassischen BCMA-Achse eröffnet. In der Phase-Ib-Studie CAMMA3 erfolgte die erste klinische Auswertung zur subkutanen Gabevon Cevostamab mit dem Erfolg klinisch relevanter Remissionen auch bei stark vorbehandelten und bereits mit T-Zell-Engagern exponierten Patient:innen. FcRH5 ist ein B-Zell-spezifisches Oberflächenprotein, das nahezu durchgehend auf Myelomzellen exprimiert wird, auch bei BCMA-Verlust oder -Downregulation erhalten bleibt und sowohl in früheren Therapielinien bei niedriger Tumorlast wie auch beim hoch vorbehandelten RRMM stabil nachweisbar ist. Damit lässt sich mit Cevostamab ein Resistenzproblem klassischer BCMA-gerichteter Therapien (CAR-T, BiTEs, ADCs) gezielt adressieren.
Professorin Krauth betont, dass es bei diesen Substanzen weniger um einen unmittelbaren Paradigmenwechsel geht als mehr um die Erschließung neuer therapeutischer Settings. Besonders interessant sind dabei Konzepte, bei denen bispezifische Antikörper nicht im Rezidiv, sondern etwa als Erhaltungstherapie nach autologer Stammzelltransplantation eingesetzt werden.
„Das sind sehr spannende Ansätze, weil sich Immuntherapien in völlig neuen Zeitfenstern prüfen lassen.“
Aus Sicht von Professorin Krauth war genau dies ein zentrales Thema des ASH 2025, nämlich die Identifikation und Diskussion von „Windows of opportunities“ für neue Immuntherapien – sei es:
Setting: rezidiviertes/refraktäres Multiples Myelom; Subgruppen: extramedulläre Erkrankung, Plasma-Zell-Leukämie, ZNS-Beteiligung
Eine Besonderheit des ASH 2025 war der deutlich sichtbare Fokus auf Real-World-Daten, der sich erstmals auch in eigenständigen Sessions widerspiegelte. In mehreren Sitzungen wurden Erfahrungen aus der klinischen Routine systematisch aufgearbeitet – mit einem überwiegenden Schwerpunkt auf bispezifischen Antikörpern. Professorin Krauth betont, dass diese Daten eine wichtige Ergänzung zu randomisierten Studien darstellen. Sie erlauben Einblicke jenseits streng selektionierter Studienpopulationen und liefern Antworten aus differenzierten Subgruppenanalysen, etwa zur Wirksamkeit bei extramedullärer Erkrankung, Plasmazellleukämie oder ZNS-Beteiligung – Patientenkollektive, für die bislang nur eine begrenzte Evidenz vorliegt. Gerade in diesen Subgruppen zeigten sich ermutigende Wirksamkeitssignale, insbesondere auch für Talquetamab.
„Die Real-World-Daten bestätigen, was wir in den klinischen Studien gesehen haben, und geben uns gleichzeitig Einblicke in herausfordernde Patienten-Populationen, die in Studien weniger gut abgedeckt sind. Das hilft, unseren klinischen Alltag besser zu strukturieren.“
Gleichzeitig verdeutlichten Beiträge, dass Real-World-Daten auch strukturelle Selektions- und Zugangsmechanismen im klinischen Alltag sichtbar machen. So werden CAR-T-Zelltherapien und bispezifische Antikörper häufig bei unterschiedlichen Patient:innen eingesetzt: CAR-T-Therapien v.a. bei klinisch stabileren Patient:innen mit guter Performance, bispezifische Antikörper aufgrund ihrer unmittelbaren Verfügbarkeit hingegen häufiger bei rasch progredienten und stärker belasteten Patient:innen. Diese Versorgungsrealität limitiert die direkte Vergleichbarkeit von Outcomes beider Immuntherapieplattformen. Vor diesem Hintergrund ist eine auf dem ASH 2025 präsentierte Real-World-Analyse einzuordnen, die diesen Bias mittels Propensity-Score-Matching adressierte und hinsichtlich Alter, Performance-Status und Komorbiditäten vergleichbare Kohorten herstellte. In diesem adjustierten Setting zeigte sich eine signifikant geringere Mortalität und reduzierte ICU-Inanspruchnahme unter CAR-T-Zelltherapie gegenüber bispezifischen Antikörpern, bei gleichzeitig höheren Raten immunvermittelter und hämatologischer Toxizitäten. Die fehlende Berücksichtigung der Therapielinie bleibt jedoch eine zentrale Limitation der Auswertung, da bispezifische Antikörper überwiegend in späteren Linien eingesetzt werden, während CAR-T-Therapien früher zum Einsatz kommen können. Entsprechend betonen die Autor:innen die Notwendigkeit prospektiver Vergleichsstudien zur Klärung der optimalen Sequenzierung beider Therapieansätze.
Setting: neu diagnostiziertes Multiples Myelom; Therapien: Carfilzomib-Lenalidomid-Dexamethason vs. Bortezomib-Lenalidomid-Dexamethason
Ein interessantes Abstract im Bereich der konventionellen Kombinationstherapien ist die COBRA-Studie von Dominik Dytfeld. In dieser randomisierten Studie wurde untersucht, ob die Kombination Carfilzomib, Lenalidomid und Dexamethason (KRd) in der Erstlinientherapie gleichwertig oder überlegen gegenüber dem etablierten Standard VRd (Bortezomib, Lenalidomid, Dexamethason) ist. Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund der ENDURANCE-Studie eingeordnet, in der zwischen KRd und VRd kein signifikanter Unterschied gezeigt werden konnte. Umso relevanter erscheinen die nun präsentierten COBRA-Daten, die einen klaren Wirksamkeitsunterschied zugunsten von KRd nahelegen.
Der entscheidende Unterschied liegt laut Professorin Maria Krauth wohl im Design der COBRA-Studie. Im Gegensatz zu früheren Konzepten wurde Carfilzomib über einen längeren Zeitraum verabreicht, was sich offenbar direkt auf die Wirksamkeit auswirkt.
„Es spricht vieles dafür, dass die längere Gabe von Carfilzomib eine wesentliche Rolle spielt.“
Besonders relevant erscheinen diese Ergebnisse für Hochrisikopatient:innen, bei denen eine intensivere und länger andauernde Proteasom-Inhibition einen zusätzlichen therapeutischen Vorteil bieten könnte. Gleichzeitig wird allerdings betont, dass es sich bei KRd formal um ein klassisches Triplett handelt, das im Zeitalter der Anti-CD38-Quadruplets fast schon als „out-dated“ gelten könnte. Dennoch zeigen die COBRA-Daten, dass dieses Regime nach wie vor hochwirksam ist – und unter bestimmten Bedingungen sogar VRd überlegen sein kann.
„Wenn eine Tripletherapie eingesetzt wird, dann ist KRd nach wie vor ein sehr effektives Induktionsschema.“
Studien: Arbeiten von Bruno Paiva; Subgruppenanalysen u.a. aus PERSEUS; Setting: neu diagnostiziertes Multiples Myelom; Konzept: Ergänzung bestehender MRD-basierter Risikostratifizierung
Eine aus Sicht von Professorin Krauth besonders relevante Neuerung im Bereich der Risikostratifizierung betrifft Arbeiten zu zirkulierenden Tumorzellen (CTCs). Hervorgehoben wurde dabei insbesondere ein Abstract von Bruno Paiva, das klinisch relevante Erkenntnisse liefert. In dieser Analyse konnte gezeigt werden, dass das Vorhandensein von CTCs ein unabhängiger prädiktiver Faktor für ein schlechteres Outcome ist – unabhängig von der MRD-Negativität. Damit wird eine bislang zentrale Annahme der Myelomtherapie weiter differenziert.
„Wir gehen davon aus, dass MRD-Negativität mit dem besten Outcome einhergeht – diese Daten zeigen nun, dass das allein offenbar nicht immer ausreicht.“
Konkret zeigen die Daten, dass Patient:innen, die zwar eine MRD-Negativität erreichen, aber weiterhin zirkulierende Tumorzellen aufweisen, ein schlechteres Outcome haben als Patient:innen, die sowohl MRD-negativ sind als auch keine CTCs mehr nachweisbar haben.
„CTCs liefern eine zusätzliche, unabhängige Information zur Prognose.“
Auch Mattia D’Agostino hat mit Subgruppenanalysen, u.a. aus der PERSEUS-Studie, Beiträge zur Rolle der CTCs geleistet, sodass sich die Evidenzlage verdichtet, dass CTCs künftig systematisch berücksichtigt werden sollten. Es stellt sich die Frage, ob es an der Zeit ist, das Vorhandensein zirkulierender Tumorzellen in bestehende Risikostratifizierungs- und Scoring-Systeme zu integrieren.
„Die Datenlage verhärtet sich – möglicherweise sollten wir zirkulierende Tumorzellen künftig auch routinemäßig messen und in die Risikobewertung einbeziehen.“
| Fazit Box |
| Linvoseltamab in der Erstlinie Innovativer Monotherapie-Ansatz mit einem BCMA-bispezifischen Antikörper • Sehr gute Wirksamkeit, aber noch frühe Phase-I-Daten • Gesamtansprechrate (ORR): 79 % • ≥ VGPR: 56 % • Komplettes Ansprechen (CR): 26 % • MRD-Negativität (10-5): 59 % • Ansprechraten zeigten im zeitlichen Verlauf eine Tendenz zur weiteren VertiefungTecLille-Studie, IFM2021-01, Kohorte A Wichtige Proof-of-Concept-Daten für bispezifische Antikörper in der Erstlinie Die Kombination Teclistamab + Daratumumab zeigt bei nicht transplant-geeigneten Patient:innen anhaltende Wirksamkeit im verlängerten Follow-up Wirksamkeit (Response) • ≥ VGPR: 78 % • Gesamtansprechrate (ORR): 100 % • Nach 6 Monaten: 51 % MRD-negativ • Kortisonsparendes RegimeRedirecTT-1-Studie Teclistamab + Talquetamab: Kombination im Rezidiv Besonders relevante Option für schwierige Subgruppen wie Patient:innen mit extramedullärer Erkrankung Wirksamkeit (Response) • Gesamtansprechrate (ORR): 79 % • Komplettes Ansprechen (CR): > 52 % • Subgruppe mit geringerer extramedullärer Tumorlast: ORR>90%MMSET-Inhibitoren • Target: MMSET/NSD2; genetischer Treiber bei t(4;14)-positivem Myelom • Erster oraler, target-spezifischer MMSET-Inhibitor • Frühe, explorative Daten, aber hohes Innovationspotenzial • Gesamtanzahl mit klinischem Benefit oder stabiler Erkrankung: 16/40 Patient:innen (40 %) • ≥ VGPR (Very Good Partial Response): 1 Patient:in (entspricht 10+ Monate) • PR (Partial Response): 1 Patient:in (4+ Monate) • MR (Minimal Response): 2 Patient:innen (3+ und 12 Monate) • Stable Disease (SD): 12 Patient:innen (Dauer 2–20+ Monate)inMMyCAR – in vivo generierte CAR-T-Therapie CAR-T-Therapie ohne Zellapherese und ex-vivo-Herstellung; potenziell revolutionärer Ansatz: Infusion mit impfähnlichem Charakter Frühe Proof-of-Concept-Daten (4 Patient:innen) • Kontrollierte CAR-T-Expansion ohne ICANS • Bisher keine Hinweise auf Keimbahn-Transduktion • Klinische Aktivität bei allen behandelten Patient:innen MajesTEC-3-Studie Extrem wirksame „All Antibody“-Kombination mit transformativem Potenzial im frühen Rezidiv Cevostamab – CAMMA-3-Studie COBRA-Studie Zirkulierende Tumorzellen (CTCs) |