© Öster. Apothekerverband Wie geht es den Apotheken wirklich und welche Konzepte gibt es für die Zukunft? Relatus sprach darüber mit den Spitzen des Österreichischen Apothekerverbandes.
Welche Themen beschäftigen die Apotheken derzeit besonders? Thomas Veitschegger: Ein zentrales Thema ist der steigende Aufwand rund um Arzneimittel. Gerade bei generischen Medikamenten bleibt die Deckung gering, gleichzeitig verursacht die Beschaffung wegen der Lieferprobleme einen immer höheren Aufwand. Apothekerinnen und Apotheker müssen viel häufiger intervenieren und Alternativen organisieren.
Alexander Hartl: Gleichzeitig sehen wir, dass die gesamtwirtschaftliche Situation insgesamt schwierig bleibt. Auch die Krankenkassen stehen unter Druck. Deshalb müssen wir schauen, wie wir die Betriebe bestmöglich unterstützen – etwa mit Instrumenten, mit denen sie ihre wirtschaftliche Situation analysieren und mit anderen Apotheken vergleichen können.
Veitschegger: Und wir müssen den Blick nach vorne richten: Die klassische Arzneimittelspanne wird nicht größer. Deshalb ist es wichtig, zusätzliche Dienstleistungen aufzubauen.
Ein Beispiel für solche Dienstleistungen ist das Impfen in Apotheken, das laut Bundesregierung 2027 kommen soll. Wie realistisch ist, dass die Umsetzung funktioniert? Veitschegger: In vielen europäischen Ländern ist das längst Realität. In Großbritannien etwa werden rund 42 Prozent der Impfungen über Apotheken abgewickelt. Wir wissen also, dass das funktioniert.
Hartl: Und wir haben während der Pandemie gezeigt, dass Apotheken sehr schnell neue Strukturen aufbauen können. Beim Testen ist innerhalb kürzester Zeit ein flächendeckendes System entstanden, das für viele Menschen der einfachste Zugang war.
Veitschegger: Am Anfang haben viele gedacht: Wie soll das funktionieren? Aber die Apotheken haben es geschafft. Diese Erfahrung hilft uns natürlich auch jetzt.
Werden auch die Menschen Impfangebote in Apotheken annehmen? Hartl: Umfragen zeigen ein sehr klares Bild: Rund zwei Drittel der Befragten können sich vorstellen, sich in der Apotheke impfen zu lassen. Der große Vorteil ist der niederschwellige Zugang.
Veitschegger: Wir wollen damit übrigens keinem Arzt eine Impfung wegnehmen. Jeder, der sich beim Arzt impfen lassen möchte, soll das weiterhin tun. Unser Ziel ist, zusätzliche Menschen zu erreichen – zum Beispiel jene, die sich sonst keinen Termin ausmachen oder es im Alltag einfach vergessen. So kann die Durchimpfungsrate steigen.
Hartl: Gerade bei der Grippeimpfung sieht man das gut. Viele denken am Anfang der Saison noch daran, aber dann kommt der Alltag dazwischen. Wenn jemand in die Apotheke kommt und sieht, dass dort unkompliziert geimpft wird, kann das ein zusätzlicher Anstoß sein.
Die Ministerin hat jetzt den Auftrag, ein Konzept zu erarbeiten. Wie weit sind die Gespräche mit dem Gesundheitsministerium? Hartl: Nachdem die politische Entscheidung gefallen ist, wird jetzt der Prozess gestartet. Die Apothekerkammer ist in die Gespräche eingebunden und hat bereits Vorarbeit geleistet. Die notwendigen Gesetzesänderungen und Verordnungen sind inhaltlich vorbereitet.
Veitschegger: Parallel arbeitet eine Taskforce daran, den Apotheken konkrete organisatorische Leitlinien zu geben: Wie integriert man Impfangebote in den Apothekenalltag? Wie setzt man das personell sinnvoll um? Auch an der Kommunikation wird gearbeitet.
Ein anderes Thema ist der Versandhandel mit Gesundheitsprodukten. Wie beurteilen Sie die Entwicklung? Hartl: Der Druck durch Onlineanbieter wächst. Wir sehen, dass immer mehr Player in diesen Markt drängen.
Veitschegger: Gleichzeitig entstehen teilweise Geschäftsmodelle, bei denen man zum Beispiel Tests einschickt und danach Produktempfehlungen bekommt. Da stellt sich schon die Frage, wie gut solche Angebote reguliert sind. Es wäre aus unserer Sicht sinnvoll, wenn Produkte aus dem Ausland stärker überprüft werden könnten.
Einige Onlinehändler kooperieren mittlerweile auch mit stationären Apotheken. Wie bewerten Sie solche Modelle? Hartl: Der Markt ist hier noch sehr in Bewegung. Es gibt unterschiedliche Ansätze – von reiner Vermittlung bis zu engeren Kooperationen. Ob sich diese Modelle langfristig durchsetzen, wird man sehen.
Hartl: Für uns als Verband ist aber eine andere Frage viel wichtiger: Wie positionieren wir die Apotheke langfristig im Gesundheitssystem?
Veitschegger: Österreich hat rund 1.450 Apotheken – flächendeckend verteilt. Diese Standorte können weit mehr leisten als nur Arzneimittel abgeben. Wir sehen sie als kleine Gesundheitszentren mit Beratung, Prävention und zusätzlichen Services.
Ein Dauerbrenner ist auch der Nachwuchs. Wie ist hier die aktuelle Situation? Hartl: Insgesamt gehen die Lehrlingszahlen in Österreich seit Jahren zurück. Das betrifft viele Branchen, natürlich auch uns.
Veitschegger: Gleichzeitig sehen wir, dass unsere Personalkampagne Wirkung zeigt. Das Interesse an der PKA-Ausbildung ist wieder gestiegen und auch das Niveau der Bewerbungen hat sich verbessert.
Welche neuen Maßnahmen setzen Sie im Recruiting? Hartl: Wir haben einen Online-Eignungstest entwickelt, den Apotheken bei Bewerbungen einsetzen können. Interessierte Jugendliche beantworten Fragen zu Konzentration, Merkfähigkeit, Mathematik und Sprache. Die Apotheke erhält anschließend ein standardisiertes Ergebnisprofil.
Veitschegger: Das hilft vor allem bei der Vorauswahl, wenn mehrere Bewerbungen vorliegen.
Auch digitale Tools spielen eine Rolle in der Nachwuchsarbeit. Hartl: Absolut. Wir sind stark auf Social Media präsent und entwickeln unsere Kampagne ständig weiter. Eine neue Maßnahme ist ein KI-basierter Audio-Chatbot, der Fragen zur Ausbildung beantwortet – ähnlich wie ein Gespräch über das Smartphone.
Veitschegger: Die junge Zielgruppe erwartet heute, dass man sie aktiv anspricht und auch ein bisschen unterhält. Nachwuchsarbeit ist keine einmalige Aktion, sondern eine permanente Aufgabe. (Das Interview führte Martin Rümmele)