13 Stunden Papierkram jede Woche

Bürokratie ist mehr als ein Ärgernis, denn sie kostet Zeit, Geld und Wettbewerbsfähigkeit. Die WKÖ macht die Belastung mit regelmäßigen Betriebsbefragungen messbar und sieht ein Einsparungspotenzial von deutlich über 15 Mrd. Euro pro Jahr. Im Fokus stehen jene Bereiche, die die Betriebe am meisten Ressourcen kosten, sowie Reformen, die tatsächlich entlasten, statt nur Papierprozesse zu digitalisieren.

Welche Kennzahlen nutzt die WKO, um Bürokratie messbar zu machen?
Bürokratie kostet Zeit und Geld, sie belastet die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe und verringert das Wachstum. Wie sehr Überbürokratisierung zum Problem für den Wirtschaftsstandort Österreich geworden ist, sehen wir in unseren regelmäßigen Betriebsbefragungen: Die Belastung durch bürokratische Aufgaben wird dabei von den heimischen Unternehmen durchgängig als eine der Top-3-Herausforderungen genannt.
So haben zuletzt im November 2025 ganze 86 Prozent der befragten Betriebe in einer großen Umfrage (market-Institut, n = 2.846) angegeben, sie würden durch Bürokratie belastet. Davon gaben 24 Prozent an, sie seien „sehr stark“ betroffen, 31 Prozent „stark“ und 31 Prozent „mittel“. Nur 11 Prozent sehen sich „weniger“ und 3 Prozent „(so gut wie) gar nicht“ betroffen. Durchschnittlich muss ein österreichischer Betrieb 13 Stunden Arbeitszeit pro Woche allein für Bürokratie aufwenden: Das ist Zeit, die für das Kerngeschäft und für die Kundinnen und Kunden fehlt. Klein- und Mittelbetriebe sowie insbesondere Ein-Personen-Unternehmen sind dabei überdurchschnittlich belastet, weil ihnen die entsprechenden personellen Ressourcen fehlen.

Gibt es ein WKO-eigenes „Bürokratiebarometer“ oder eine vergleichbare Systematik? Welche drei Maßnahmen hätten den größten Hebel pro investierter Reformenergie?
Es gibt das WKO-Wirtschaftsbarometer, die größte Umfrage der gewerblichen Wirtschaft in Österreich, die zweimal pro Jahr durchgeführt wird. Die jüngste Ausgabe von Winter 2025 hat ein spannendes Ergebnis zur Frage geliefert, wovon sich die heimischen Unternehmerinnen und Unternehmer kurzfristig – auf einen Zeitraum von 12 Monaten – den stärksten Konjunkturimpuls erwarten. Dabei wurde an erster Stelle die Entlastung bei den Arbeitskosten genannt, wovon 94 Prozent positive Impulse für das eigene Unternehmen erwarten und 97 Prozent für den Standort Österreich. Gleich an zweiter Stelle folgt schon „rascher Abbau bürokratischer Hürden“. 86 Prozent sehen das positiv fürs eigene Unternehmen, 95 Prozent für den Standort, noch vor wettbewerbsfähigen Energiepreisen.
Bürokratieabbau ist somit eine effektive Entlastung, die den Staat praktisch nichts kostet und welche die Betriebe dringend brauchen. Gerade jetzt, wo das Budget zu sanieren und zugleich die Konjunktur anzukurbeln ist.

Welche konkreten Auswertungen liegen der WKO vor, die die größten Bürokratiebelastungen der Unternehmen in Österreich quantifizieren?
Wir sind gerade dabei, die Gesamtbelastung aus Bürokratie für die österreichische Wirtschaft neu erheben zu lassen. Was wir dazu bereits sagen können: Der Gesamtaufwand aus internen wie externen Kosten summiert sich österreichweit auf deutlich mehr als 15 Milliarden Euro pro Jahr. Natürlich ist nicht alles davon überflüssig und es lässt sich nicht komplett darauf verzichten. Aber es zeigt das enorme Einsparungspotenzial. So könnte eine Reduktion um zehn Prozent Unternehmen bereits um Milliardenbeträge entlasten!

Wo liegen die Prioritäten aus Sicht der Betriebe?
Als größte Kostenfaktoren in Sachen Bürokratiebelastung werden nach einer Umfrage von KMU Forschung Austria aus 2024 von den Betrieben die Bereiche „Buchhaltung und Jahresabschluss“ (33 Prozent), „Steuern und Abgaben“ (12 Prozent) und „Lohnverrechnung/Sozialversicherung“ (11 Prozent) genannt. Diese drei Punkte stehen somit für mehr als die Hälfte der internen wie externen Kosten. Dahinter folgt der Bereich „Cybersecurity/IT/Datenschutz“ (9 Prozent), der in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat. Größere Kostenblöcke sind auch noch „Arbeitnehmerschutz/Arbeitsrecht“ (7 Prozent), „Sicherheitsvorschriften/Genehmigungen“ (6 Prozent) sowie „Nachhaltigkeit/Klimaschutz/Menschenrechte“ (5 Prozent).

Welche Vorhaben aus dem ersten Bürokratieabbaupaket sind in Umsetzung, welche in Verhandlung und welche in Vorbereitung?
Unter den 113 Punkten im Bürokratieabbaupaket, das am 3. Dezember 2025 von der Regierung vorgestellt wurde, waren viele Forderungen, die von der Wirtschaftskammer eingebracht wurden und Erleichterungen für viele Betriebe bedeuten. So werden unter anderem Genehmigungen für Betriebsanlagen erleichtert, PV-Anlagen und E-Ladestationen können künftig ohne Verfahren errichtet werden. Es fallen weniger kleine Betriebe unter die Buchführungspflicht. Rund 3.000 Familienbetriebe pro Jahr, in denen eine Betriebsnachfolge ansteht, werden von den längeren Übergangsfristen für behördliche Auflagen, der Grace Period bis zu fünf Jahren, profitieren. One-Stop-Shops für Förderungen oder im Bereich von Bauverfahren sollen künftig ein mühsames Behörden-Pingpong verhindern.

Ist die Digitalisierung ein Entbürokratisierungshebel? Wenn ja, welche Digitalisierungsmaßnahmen reduzieren tatsächlich Bürokratie, statt sie nur zu digitalisieren?
Ja, wir sehen in der Digitalisierung sehr wohl die Möglichkeit, Prozesse sowie Abläufe zu beschleunigen und effizienter zu gestalten. Natürlich sollen digitale Lösungen die nervige „Zettelwirtschaft“ ersetzen und keinen Zusatzaufwand erzeugen. Das Bürokratieabbaupaket sieht hier einige Verbesserungen vor, zum Beispiel durch eine einheitliche Energieausweis-Datenbank, den digitalen „Einlegerinformationsbogen“ für Bankkundinnen und -kunden, die gesetzlich vorgeschriebene Information von Versicherungen, beim Mitführen der beglaubigten Konzessionsurkunde im Güterverkehr. Und es müssen manche Sicherheitsbefunde künftig nicht mehr zwingend in Papierform im Betrieb aufbewahrt werden, sondern können den Behörden auch digital übermittelt werden.

Wie läuft die Entbürokratisierungsinitiative weiter?
Aus unserer Sicht ist ein wichtiger Startschuss erfolgt, aber Bürokratieabbau ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Das Rennen wird somit auf der Langstrecke entschieden. Klar ist: Die heimischen Unternehmen brauchen noch wesentlich mehr. Wir werden deshalb lästig bleiben, damit die noch offenen Punkte rasch umgesetzt werden und die Entlastung spürbar bei den Betrieben ankommt. Und wir werden zahlreiche weitere Maßnahmen für ein zweites Abbaupaket einbringen, unter anderem eine Flexibilisierung der Präventionszeiten – das betrifft die Verpflichtungen für Sicherheitskräfte und Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner –, schnellere digitale Verfahren für Rot-Weiß-Rot-Karten, einen komplett digitalen Gründungsprozess und noch vieles mehr.

Welche Ursachen hat Bürokratie aus Ihrer Sicht?
„Gut gemeint“ ist leider häufig das Gegenteil von „gut gemacht“. Wichtig wäre, dass es zu einem veränderten Mindset in Österreich und auf EU-Ebene kommt. Es braucht nicht für jede Problemstellung sofort ein neues Gesetz oder eine Verordnung, vieles ließe sich im betrieblichen Einvernehmen rascher, effektiver und im Sinne sowohl der Arbeitgeber und der Mitarbeitenden lösen. Weniger ist da mehr. Ein Beispiel ist Gold-Plating. Wir können es uns nicht leisten, EU-Vorgaben überzuerfüllen, denn das geht eins zu eins zulasten der Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe.
Das gilt auch für Doppelgleisigkeiten auf nationaler Ebene. Viele davon sind historisch erklärbar, aber nichtsdestotrotz belastend. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, das zu bereinigen, überflüssige Melde- und Berichtspflichten abzuschaffen bzw. das „Once-only“-Prinzip konsequent umzusetzen, das heißt, dass Daten nur noch einmal gemeldet werden sollen.

Welche Lösungsansätze gibt es?
Hilfreich wäre generell ein Bürokratiecheck, bevor neue Regelungen erlassen werden. Wir haben aufmerksam registriert, dass sich die Bundesregierung dazu bekannt hat, dass für Gold-Plating in Österreich kein Platz mehr sein darf. Jetzt muss sich das auch in der Praxis bewähren – ebenso wie das Bekenntnis zum Prinzip „Beraten statt Strafen“. Denn Bürokratie darf niemals zum Selbstzweck werden.