Akute Infektionen in der Hausarztpraxis

Akute Infektionen zählen zu den 5 häufigsten Gründen, aus denen Patient:innen eine Hausarztpraxis aufsuchen.1 Während sich Infekte der Atemwege in den Monaten Oktober bis März häufen und somit Saisonalität aufweisen, beschäftigen uns Infekte des Urogenitaltraktes oder Gastroenteritiden das ganze Jahr über in ähnlichem Ausmaß.2

Hausärztliche Entscheidungsfindung

Diagnostische und therapeutische Prozesse bei akuten Infektionskrankheiten erfolgen aufgrund der Häufigkeit in der Regel nach strukturierten Algorithmen. Zur Entscheidungsfindung ist die Zusammenführung von 5 Schritten essenziell: Ersteinschätzung, symptomorientierte Anamnese, klinische Untersuchung, Point-of-Care-Diagnostik und gemeinsame Therapieplanung.
Die Ersteinschätzung der Patient:innen fängt bereits beim Anmeldegespräch mit den Ordinationsmitarbeiter:innen an: Besteht eine schwerwiegende Beeinträchtigung des Allgemeinzustandes? Klinische Warnsymptome sind Vigilanzminderung und Kreislaufinstabilität, hohes Fieber, starke Schmerzen sowie ausgeprägte körperliche Schwäche. Je nach Dringlichkeit erfolgt das sofortige Hinzuziehen des/der Ärzt:in oder eine Terminvergabe.
Die Anamnese richtet sich nach dem wahrscheinlichsten Infektherd. Es sollten Fragen nach Erstauftreten und Dauer der Symptome, nach deren Art und Lokalisation, Erkrankungen in der unmittelbaren Umgebung und nicht zuletzt nach der Erkrankungstheorie der Patient:innen erfolgen. Auch Fragen nach laufender Medikation und infektbezogener Vorbehandlung dürfen nicht fehlen. Je weiter das „Infektbild“ vom typischen Verlauf abweicht bzw. je schwerer der/die Patient:in erkrankt ist, desto umfassender wird die Anamnese gestaltet.
Bei der klinischen Untersuchung kann meist bereits eine relativ sichere Diagnose gestellt werden, da v.a. saisonale Infektionskrankheiten charakteristische Symptome zeigen. Altersabhängig wird die Aufmerksamkeit auf den Ausschluss von Leitsymptomen wie Exanthemen oder Meningismus bei Kindern bzw. auf Komplikationen wie eine kardiale Dekompensation in höherem Alter gerichtet.

Diagnostische Hilfsmittel in der Hausarztpraxis

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Zahl der Testmöglichkeiten in der hausärztlichen Praxis erfreulich erweitert. Sie haben die diagnostische Sicherheit bei den Entscheidungsgrundlagen wesentlich erhöht. Kleines Blutbild und CRP, Harnstreifendiagnostik, Schnelltests auf Streptokokken sowie Untersuchung auf Influenza und COVID-19, eventuell erweitert um RSV und Adenoviren, stehen zur Verfügung und erlauben therapeutische Entscheidungen und prognostische Aussagen von hoher Qualität. Sie erleichtern auch die Kommunikation mit Patient:innen bzw. Angehörigen hinsichtlich Therapie, Erkrankungsverlauf und Ansteckungsmöglichkeit. Hilfreich ist hierzu auch die Verwendung von evidenzbasierten Gesundheitsinformationen.
Zunehmend an Bedeutung gewinnt die Point-of-Care-Sonografie zur Infektdiagnostik in der Hausarztpraxis. Sie ist wegweisend bei Cholezystitis und Pyelonephritis und kann potenziell Entscheidungshilfe bei gynäkologischen oder intestinalen Infekten sowie bei Bronchopneumonien sein.

Vortestwahrscheinlichkeit

Bei Infektionskrankheiten gibt es wenige klinische Scores (z. B. Centor-Score oder McIsaac-Score bei bakterieller Tonsillitis), die per se eine hohe Entscheidungssicherheit erlauben.3 Typische Symptomkomplexe (z.B. Nackensteifigkeit, starker Kopfschmerz, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit) bieten oft ausreichende Hinweise zur Dringlichkeit und erübrigen weitere Tests in der Praxis.
Die altersbezogene Erkrankungshäufigkeit spielt bei Infektionskrankheiten diagnostisch und prognostisch eine wesentliche Rolle. Beobachtungs- und Informationsnetzwerke zu saisonalen Erkrankungen wie COVID-19 und Influenza bieten Prävalenzdaten. Regionale Erkrankungswellen in Schulen und Pflegeheimen können frühzeitig eine Einschätzung bezüglich Verlauf und Komplikationen ermöglichen.

Gezielte Verschreibung von Antibiotika

Nicht zuletzt sind es diese diagnostischen Hilfsmittel, die in den letzten Jahren in Hausarztpraxen zu einem gezielteren Einsatz von Antibiotika führten. Rezeptierungen nahmen bei Infekten mit nachgewiesenem Benefit durch eine antibiotische Therapie (z. B. bakterielle Pneumonie) zu, bei Infekten ohne nachgewiesenen Benefit (z. B. Bronchitis) ab.4 Auch Aufklärungskampagnen und für den niedergelassenen Bereich erstellte Leitlinien zeigten Effekte.

Prävention

Neben Diagnostik und Therapie der akuten Infekte sollte auch deren Prävention in der hausärztlichen Praxis im Fokus stehen. Die Impfskepsis ist im westeuropäischen Vergleich in Österreich groß und hat seit der Corona-Pandemie zugenommen.5 Die Durchimpfungsraten sind vor allem für saisonale Impfungen auch in den Risikogruppen nach wie vor gering, und Auffrischungsimpfungen werden häufig vernachlässigt.
Hausärzt:innen können bei Vorsorgeuntersuchungen, bei Erstdiagnose chronischer Erkrankungen, Veränderung von Risikokonstellationen, Immunschwäche, Evaluationen der Dauermedikation oder sonstigen Routinekontrollen Impfgespräche führen. Das Abholen der Patient:innen an ihrem Wissensstand, das Wahrnehmen von Ängsten und Skepsis sowie die umfassende Aufklärung bezüglich Nutzen und möglicher akuter Impfreaktionen sind entscheidend. Ein Impfgespräch mit Impfskeptiker:innen bedeutet Auseinandersetzung mit mangelnder Information, mit Falschinformation, mit vor allem über Social Media erzeugten Emotionen und weltanschaulichen Phänomenen. Die Gespräche benötigen Empathie, Gelassenheit und vor allem Zeit. Diese sollte aufgrund des großen gesamtgesellschaftlichen Benefits bei Vermeidung der Erkrankungen jedenfalls honoriert werden.

Impfskepsis

  • Individuelle Sorgen und Ängste, gesellschaftliche Überzeugungen sowie Berichte aus der sozialen Umgebung spielen bei Vorbehalten gegen Impfungen eine große Rolle.
  • Mit motivierender Gesprächsführung gelingt es meist, die Skepsis zu überwinden, ohne die Patient:innen zu einer Entscheidung zu drängen. Es sollte aber stets eine eigene Entscheidung sein – ob dafür oder dagegen.