Evidenzbasierte Selbstmedikation

Völlegefühl und abdominelle Distension zählen zu den häufigsten gastrointestinalen Symptomen und treten bei 19 % bzw. 9 % der Allgemeinbevölkerung auf. Als abdominelle Distension bezeichnet man eine objektiv messbare Zunahme des Bauchumfangs, die mit einem Völlegefühl einhergehen kann, aber nicht muss. Bei Patient:innen mit Reizdarmsyndrom oder funktioneller Dyspepsie liegen die Prävalenzen bei über 60 %. Ende 2025 erschien ein europäischer Konsensus der European Society of Neurogastroenterology and Motility (ESNM) und United European Gastroenterology (UEG) zum klinischen Management funktioneller Blähungen und abdomineller Distension.

Diagnose

Die Diagnose erfolgt nach Ausschluss organischer Erkrankungen und stützt sich auf Anamnese, körperliche Untersuchung und das Vorliegen von Warnzeichen. Fehlen solche Hinweise, sind Laboruntersuchungen, Bildgebung oder Endoskopie in der Regel nicht erforderlich. Für die Diagnosestellung werden die Rom-IV-Kriterien herangezogen: Funktionelle Blähungen und abdominelle Distension gelten als gesichert, wenn sie wiederholt auftreten, die Hauptsymptome darstellen und keine Überschneidung mit anderen funktionellen Störungen wie Reizdarmsyndrom, funktioneller Dyspepsie, funktioneller Diarrhö oder Obstipation besteht.

Behandlung

Die Therapie orientiert sich an den zugrunde liegenden pathophysiologischen Mechanismen, zu denen viszerale Hypersensitivität, Dysmotilität, Dysbiose und die sogenannte abdominophrenische Dyssynergie zählen. Der Behandlungsansatz folgt einem Stufenschema, beginnend mit Ernährungsmodifikation, gefolgt von medikamentösen und – bei entsprechender Indikation – interventionellen Maßnahmen.

Die Evidenzlage ist insgesamt als schwach einzustufen, was der Konsensus selbst offen benennt: Viele Empfehlungen beruhen auf Expertenmeinungen oder Good-Practice-Statements, da kontrollierte Studien mit belastbaren Endpunkten weitgehend fehlen. Die stärkste relative Evidenz (moderat) besteht für die Low-FODMAP-Diät, trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin sowie Sekretagoga wie Linaclotid bei begleitender Obstipation. Als niedrig eingestuft werden SSRI, Rifaximin, ausgewählte Probiotika, die Spasmolytika Otiloniumbromid und Pinaverium sowie kognitive Verhaltenstherapie; für Simethicon gilt die Evidenz ebenfalls als niedrig, eine Empfehlung wird aber nicht ausgesprochen. Sehr niedrige Evidenz liegt für Biofeedback, laktosereduzierende Diät, körperliche Aktivität, Buspiron, Hypnotherapie, Tegaserod und die glutenfreie Diät vor.

Phytotherapie als Lücke im Konsensus

Pflanzliche Arzneimittel werden im Konsensus nicht systematisch bewertet. Pfefferminzöl, Kümmelöl und weitere Phytopharmaka werden lediglich im Kontext des Reizdarmsyndroms kurz erwähnt, ohne eigenständige Empfehlung für funktionelle Blähungen. Dabei verfügen einige dieser Mittel über eine gut dokumentierte Datenlage. Für Pfefferminzöl hat das HMPC der EMA den „well-established use“ für funktionelle Magen-Darm-Beschwerden anerkannt, für Kümmelöl den „traditional use“ zur Linderung von Verdauungsbeschwerden wie Blähungen und Flatulenz. Weitere Phytopharmaka wie Erdrauchkraut, Kamillenblüte und Ingwerwurzelstock zeigen ebenfalls positive Effekte bei Magen-Darm-Beschwerden wie Krämpfen und Blähungen. Auch für diese Pflanzen liegen anerkannte HMPC-Monografien vor. Für die Apothekenberatung ist diese Lücke relevant, denn Phytopharmaka mit anerkannter Monografie stellen eine gut verträgliche Therapieoption dar, die im Rahmen der Selbstmedikation – insbesondere bei leichten bis mittelschweren Beschwerden – sinnvoll eingesetzt werden kann.