Beate Wimmer-Puchinger (BÖP), Gesundheitsministerin Korinna Schumann, Barbara Haid (ÖBVP), Oliver Scheibenbogen (API) © BMASGPK / Habermann Im Zuge eines Experiments von ORF und Anton Proksch-Institut zum Handy-Fasten bei Kindern und Jugendlichen bestätigt auch eine Befragung von Therapeut:innen zunehmende Probleme der Social-Media-Nutzung.
Instagram, TikTok, Snapchat und Co. gehören für viele unserer Kinder und Jugendlichen zum Alltag. Die rund 340 Expert:innen der Initiative „Gesund aus der Krise“ beobachteten ein problematisches Social-Media-Verhalten vor allem bei den Zehn- bis 13-Jährigen – von ihnen ist bereits ein Drittel betroffen. Je früher der Erstkontakt mit dem Smartphone, desto schlechter sei ihr späteres Wohlbefinden, erklärte Oliver Scheibenbogen, verantwortlicher Psychologe vom Anton Proksch Institut am Mittwoch. Intensive Nutzung könne sogar ADHS-ähnliche Symptome wie motorische Unruhe fördern.
70 Prozent der Therapeut:innen berichteten, dass die nächtliche Social-Media-Nutzung den Schlaf von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigt. Bei 79 Prozent würden Hobbys und andere Freizeitaktivitäten verdrängt. Drei Viertel der Behandler:innen berichteten, dass das Körperbild der Jungen stark (33 Prozent) bzw. stark (42 Prozent) beeinflusst wird. 74 Prozent beobachteten, dass direkte Gespräche und persönliche Begegnungen im Freundes- und Familienkreis abnehmen. 87 Prozent der Expert:innen sehen Eltern mit der Mediennutzung ihrer Kinder überfordert.
Barbara Haid, Präsidentin des Österreichischen Berufsverbands für Psychotherapie (ÖBVP), bezeichnete die Zahlen als „extrem erschreckend“. Social Media sei ein „personalisiertes, unglaublich gefährliches Suchtmittel“. Viele Kinder und Jugendliche würden zunehmend Schwierigkeiten haben, in der realen Welt zurechtzukommen. Beate Wimmer-Puchinger, Gesamtleitung „Gesund aus der Krise“ und Präsidentin Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP): „Die Erfahrungen unserer Behandler:innen sowie internationale Studien lassen nur einen Schluss zu: Wir müssen unsere Jugend vor exzessivem Social-Media-Konsum schützen. Deswegen unterstützen wir das von der Regierung beschlossene Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige. Wir wissen aber auch, es braucht mehr: Wir haben für begleitende Aufklärungsmaßnahmen zu sorgen.“
Wie stark sich ein Verzicht auf das Smartphone auswirken kann, zeigte das ORF-„Dok-1-Handyexperiment, an dem knapp 46.000 Jugendliche teilnahmen. Drei Wochen lang verzichteten sie ganz oder teilweise auf ihr Handy. Untersucht wurden Auswirkungen auf Schlafqualität, Stress und psychisches Wohlbefinden.
Fazit: Das Handy-Fasten verbesserte die psychische Gesundheit deutlich – am stärksten in der Gruppe, die komplett auf das Handy verzichtet hat. Der Anteil jener Jugendlichen ohne depressive Symptome stieg um rund 15 Prozent. Leichte bis mittelgradige depressive Symptome gingen um 10 Prozent zurück, bei den schweren Depressionen gab es einen Rückgang von 2,9 auf 1,7 Prozent. Zudem verringerten sich Ein- und Durchschlafstörungen um mehr als 20 Prozent. Auch problematisches Internet-Nutzungsverhalten ging während des Experiments zurück: Lag der Anteil zu Beginn noch bei knapp 71 Prozent, sank er nach drei Wochen auf 58 Prozent.
Gesundheitsministerin Korinna Schumann (SPÖ) zeigte sich bei der Präsentation zuversichtlich, dass das geplante Gesetz zum Social-Media-Verbot Ende Juni „auf den Weg gebracht“ werde. Bemerkenswert: Bei der Studie sprachen sich zwei Drittel der Schüler:innenselbst sich für ein Social-Media-Verbot aus. (APA/tab)