© AHF/Klaus Ranger Während eine politische Einigung über eine Gesundheitsreform noch weit weg sein dürfte, forderten Fachleute beim Austrian Health Forum (AHF) in Schladming Umsetzungen statt Endlosdebatten.
Die Diskussion über die Zukunft des österreichischen Gesundheitssystems leidet nicht an einem Mangel an Konzepten. Vielmehr fehlt es an konsequenter Umsetzung. Diese Botschaft prägte das Austrian Health Forum (AHF) in Schladming, bei dem Vertreter:innen aus Politik, Sozialversicherung, Pflege, Medizin und Industrie über die anstehende Gesundheitsreform diskutierten. Der Tenor war bemerkenswert einheitlich: Österreich verfügt bereits über zahlreiche erfolgreiche Versorgungsmodelle und Pilotprojekte. Die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, neue Ideen zu entwickeln, sondern funktionierende Lösungen endlich flächendeckend in die Regelversorgung zu überführen.
Besonders deutlich formulierte dies Katharina Reich, Sektionschefin im Gesundheitsministerium. Das Gesundheitssystem neige dazu, Verantwortung zwischen den Akteuren hin- und herzuschieben. Notwendig sei stattdessen ein gemeinsames Zielbild für die Versorgung. Gleichzeitig warnte sie vor einer zunehmenden „Projektitis“. Österreich habe viele gute Pilotprojekte hervorgebracht, nun brauche es den Mut, diese nachhaltig ins System zu integrieren. Auch neue Versorgungsformen wie „Hospital at Home“ müssten ernsthaft weiterentwickelt werden. Das Problem dabei: Länder und Kassen müssen Gelder lockermachen.
Diese Forderung zog sich durch zahlreiche Diskussionsrunden des Forums. Immer wieder wurde darauf verwiesen, dass die Evidenz für viele innovative Modelle längst vorliege. Was fehle, seien klare Zuständigkeiten, Finanzierungssicherheit und politische Entschlossenheit. Wie breit die Basis erfolgreicher Projekte bereits ist, zeigten die vorgestellten Praxisbeispiele. Elisabeth Potzmann, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands, verwies auf die Acut Community Nurse oder die School Nurse, die zeigen würden, wie Prävention, Pflegekompetenz und wohnortnahe Versorgung gestärkt werden können. Potzmann plädierte dafür, die tradierten Grenzen zwischen den Berufsgruppen und Institutionen zu überwinden. Die Zukunft der Versorgung liege in multiprofessionellen Teams, in denen Pflege, Therapie und Medizin gleichberechtigt zusammenarbeiten.
Auch Michael Sacherer, Präsident der Ärztekammer Steiermark, verwies auf erfolgreiche Beispiele wie HerzMobil. Das telemedizinische Versorgungsmodell für Herzpatient:innen habe gezeigt, dass sektorübergreifende Zusammenarbeit messbare Verbesserungen bringen könne. Sein Appell: Es sei nicht notwendig, funktionierende Projekte in jedem Bundesland erneut zu testen. „Es reicht wahrscheinlich, wenn wir es ein oder zweimal sehen“, betonte Sacherer. Entscheidend sei nun der Mut zur Ausrollung.
Alexander Biach, Generaldirektor der SVS, kritisierte vor allem die mangelnde Transparenz. Es gebe keine umfassende Übersicht darüber, welche erfolgreichen Projekte österreichweit bereits existieren. Statt eines gemeinsamen Lernprozesses dominiere häufig ein „Schrebergartendenken“, bei dem Zuständigkeiten und Finanzierung zwischen Institutionen verschoben würden. Biach forderte deshalb eine österreichweite Planung der Versorgungsaufträge, eine klare Aufgabenverteilung zwischen den Akteuren und eine systematische Erfolgsmessung. Nur so könne aus einzelnen Leuchtturmprojekten eine nachhaltige Strukturentwicklung entstehen.
Ähnlich argumentierte NÖGUS-Geschäftsführer Volker Knestel. Er schilderte die Umsetzung integrierter Versorgungsmodelle als äußerst komplexen Prozess. Insbesondere unterschiedliche Finanzierungslogiken und technische Schnittstellen würden die Überführung erfolgreicher Projekte in den Regelbetrieb erschweren. Das Beispiel des Gesundheitszentrums Gmünd zeige jedoch, dass die Zusammenführung von stationären und ambulanten Leistungen gelingen könne, wenn alle Partner bereit seien, gemeinsam neue Wege zu gehen.
Arno Melitopulos-Daum, Leiter Versorgungsmanagement der Österreichischen Gesundheitskasse, sprach von einem Gesundheitssystem, das ohne klares Zielbild operiere. Solange nicht definiert werde, wohin sich die Versorgung entwickeln solle, bleibe jede Reformdiskussion Stückwerk. Auch Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH, verwies auf die enorme Belastung des Systems. Derzeit würden nahezu sämtliche Ressourcen benötigt, um die laufenden Versorgungsleistungen aufrechtzuerhalten. Dadurch fehle die Kraft für notwendige Reformprozesse und strategische Weiterentwicklung.
Ute Van Goethem, Präsidentin des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie (FOPI), warnte vor einem schleichenden Verlust von Forschungsaktivitäten in Europa. Während Europa im Jahr 1990 noch rund 40 Prozent der weltweiten Forschungsausgaben auf sich vereinte, seien es heute nur noch 21 Prozent. Österreich müsse deshalb attraktivere Rahmenbedingungen für klinische Forschung schaffen. Van Goethem forderte insbesondere unbürokratischere Genehmigungsverfahren für klinische Studien sowie einen besseren Zugang zu innovativen Therapien. Forschung, Innovation und Versorgung müssten stärker zusammengedacht werden, um Patient:innen frühzeitig von medizinischen Fortschritten profitieren zu lassen. (rüm)