© photopixel – stock.adobe.com Ein neuer Bericht zu organisierter Kriminalität sieht im wachsenden Online-Handel mit gefälschten Medikamenten und synthetischen Opioiden eine bislang unterschätzte Gefahr für Europa.
Während die UN-Kommission für Verbrechensverhütung und Strafrechtspflege (CCPCJ) Anfang Juni in Wien über neue Formen der organisierten Kriminalität diskutierte, schlägt die Globale Initiative gegen transnationale organisierte Kriminalität (GI-TOC) Alarm. In einem aktuellen Bericht beschreibt der internationale Thinktank den illegalen Online-Handel mit Arzneimitteln und synthetischen Opioiden als rasch wachsenden Markt, der erhebliche Risiken für die öffentliche Gesundheit birgt. Professionell gestaltete Online-Shops, oft mit Emojis und Marketingelementen versehen, würden die Grenzen zwischen Straßendrogen und legitimen Arzneimitteln gezielt verwischen, um Käufer zu täuschen.
Gefälschte Medikamente gelangen demnach über leicht zugängliche Online-Marktplätze mit anonymen Zahlungs- und Liefermöglichkeiten in Umlauf. Die Anbieter seien vor allem auf Telegram und im Darknet aktiv. Besonders problematisch sei, dass hochwirksame synthetische Opioide häufig als andere Medikamente getarnt werden. So warnte etwa die Berliner Polizei im Oktober 2025 vor gefälschten Tabletten mit den Aufschriften „Oxycodon“ und „Xanax“, die äußerlich kaum von den Originalpräparaten zu unterscheiden waren. Die enthaltenen Wirkstoffe waren teilweise bis zu 500-mal stärker als Heroin. Nach Einschätzung der GI-TOC-Autor:innen könnte die Kombination aus einem wachsenden Schwarzmarkt für verschreibungspflichtige Arzneimittel und der zunehmenden Verbreitung synthetischer Opioide zu einem oft übersehenen Treiber einer europäischen Opioidkrise werden.
Im klassischen Drogenhandel wird gewöhnlich zwischen Straßendrogen wie Heroin, Kokain oder MDMA und pharmazeutischen Produkten unterschieden. Die Nachfrage nach verschreibungspflichtigen Medikamenten werde laut GI-TOC bislang überwiegend durch Originalpräparate gedeckt, die über übermäßige Verschreibungen, gefälschte Rezepte oder Diebstähle in den illegalen Markt gelangen. Auf Online-Marktplätzen verschwimmen diese Grenzen laut GI-TOC jedoch zunehmend. In Telegram-Kanälen finden sich neben Kokain, MDMA und Amphetaminen auch Xanax, Ozempic, Ketamin, Viagra oder Tramadol. Die Produkte würden häufig als Originalware beworben, obwohl Käufer:innen Herkunft und Zusammensetzung kaum überprüfen können. Im frei zugänglichen Internet nutzen Händler zudem rechtliche Grauzonen, indem sie Substanzen als Forschungschemikalien („Research Chemicals“) deklarieren.
Die Lieferketten verbinden laut den Expert:innen Herkunftsländer wie China, Indien und Pakistan über das Darknet mit Zwischenhändlern und Kunden in Europa. Als Rückgrat dieses Handels dienen internationale Post- und Kurierdienste. Aufgrund deren enormer Sendungsmengen sei eine wirksame Kontrolle nur schwer möglich. Zudem entziehen sich die kriminellen Akteure hinter diesem Handel zunehmend herkömmlichen Bekämpfungsstrategien. Die übliche Trennung zwischen Drogenhandel und Arzneimittelkriminalität spiegele die Realität des Marktes nicht mehr wider. Gleichzeitig überschneiden sich die Zuständigkeiten von Strafverfolgungs- und Zollbehörden, was die Verfolgung der Täter zusätzlich erschwert. (tab)