Debatte über private Gesundheitsleistungen

v.l.n.r.: Anna Parr, Stefan Eichwalder, Corinna Milborn, Evelyn Kölldorfer-Leitgeb, Sonja Wehsely, Agnes Streissler-Führer, Matthias Wismar © GFP/APA/Hörmandinger

Beim Gesundheitspolitischen Forum diskutierten Expert:innen, wie Österreich Solidarität, Innovation und Versorgungssicherheit langfristig sichern kann. 

Über die Zukunft des österreichischen Gesundheitssystems entscheidet nicht wer Leistungen erbringt oder bezahlt, sondern das Zusammenspiel aller Bereiche. Diese Botschaft zog sich wie ein roter Faden durch das Gesundheitspolitische Forum „Privat. Öffentlich. Fair.“, das vor kurzem in Wien stattgefunden hat. Im Mittelpunkt standen die Herausforderungen eines Systems unter Druck: von steigenden Kosten und Personalmangel bis zu den Erwartungen der Patient:innen. Einigkeit herrschte darüber, dass Solidarität, Innovation und Versorgungssicherheit nur durch das Zusammenwirken öffentlicher, privater und gemeinnütziger Akteur:innen gesichert werden können. 

Den internationalen Rahmen setzte Matthias Wismar, Programme Manager beim European Observatory on Health Systems and Policies. Aus seiner Sicht greift das Entweder-oder zu kurz: Internationale Erfahrungen zeigen, dass nahezu alle Gesundheitssysteme auf Mischformen beruhen. Entscheidend sei daher weniger, wer Leistungen erbringt, sondern unter welchen Regeln dies geschieht. „Entscheidend ist, welche Regeln sicherstellen, dass beide zum Wohl der Patientinnen und Patienten zusammenarbeiten“, sagte Wismar. Private Anbieter könnten Innovation und zusätzliche Kapazitäten schaffen; zugleich brauche es klare regulatorische Leitplanken gegen Risikoselektion, Marktkonzentration und eine Zwei-Klassen-Versorgung. 

Mit der österreichischen Perspektive knüpfte Stefan Eichwalder, Leiter der Gruppe Gesundheitssystem im Gesundheitsministerium an. Steigende private Gesundheitsausgaben und stagnierende Kassenarztstellen führten immer häufiger zum sogenannten „Pay or Wait“-Dilemma – der Entscheidung zwischen Warten oder Bezahlen. „Die Gesundheitsversorgung darf kein Armutsrisiko werden“, brachte Eichwalder die Herausforderung auf den Punkt und sprach sich für faktenbasierte Entscheidungen und eine langfristige Absicherung des Systems aus. Er räumte auch mit dem Mythos der vergleichsweise hohen Kosten in Österreich auf: „Wenn man die öffentlichen und privaten Ausgaben trennt, ist Österreich in Europa bei den Gesundheitsausgaben pro Kopf im Mittelfeld.“ Denn die privaten Ausgaben liegen laut Statistik Austria bereits bei 24,4 % – Tendenz seit Jahren steigend. 

Dass Solidarität weit mehr bedeutet als die Finanzierung des Systems, machte Agnes Streissler-Führer, Vorsitzende des ÖGK-Landesstellenausschusses Wien, deutlich. Ein leistungsfähiges Gesundheitssystem brauche Vielfalt, getragen von gemeinsamer Verantwortung. Zugleich müsse die Sozialversicherung weiter an ihrer Effizienz arbeiten und der Prävention einen höheren Stellenwert einräumen. Der Zugang zur Versorgung müsse sich auch künftig am medizinischen Bedarf orientieren und nicht an den finanziellen Möglichkeiten der Menschen. „Im österreichischen Gesundheitssystem sollte die e-Card zählen, nicht die Kreditkarte“, sagte Streissler-Führer. 

Diesen Gedanken griff Anna Parr, Generalsekretärin der Caritas Österreich, auf und lenkte den Blick auf jene Menschen, die besonders auf ein funktionierendes solidarisches System angewiesen sind. Viele wechselten heute früher in stationäre Einrichtungen, weil sie sich die Betreuung zu Hause schlicht nicht mehr leisten können oder es zu wenig Angebote im extramuralen Bereich oder für die Betreuung zu Hause gibt. „Gesundheit endet nicht an der Krankenhaus-Tür – Langzeitpflege muss viel stärker mitgedacht werden“, betonte Parr. Angebote aus dem Gesundheitsbereich und der Langzeitpflege müssten daher enger verzahnt werden. Gerade angesichts des demografischen Wandels brauche es mehr Augenmerk auf Prävention, leistbare Pflegeangebote und attraktive Arbeitsbedingungen für Pflegeberufe. 

Wie das Zusammenwirken der verschiedenen Versorgungsbereiche gelingen kann, zeigte Evelyn Kölldorfer-Leitgeb, Generaldirektorin des Wiener Gesundheitsverbundes, auf. Entscheidend sei nicht die Trägerschaft, sondern dass Patient:innen am richtigen Ort mit der besten verfügbaren Expertise behandelt werden. „Unsere Kliniken sichern Tag für Tag die medizinische und pflegerische Versorgung aller Wiener:innen, ganz unabhängig vom Einkommen. Dafür braucht es auch in Zukunft starke Partnerschaften und ein Gesundheitssystem, das die Stärken aller Akteur:innen nutzt“, sagte Kölldorfer-Leitgeb. 

Auch Sonja Wehsely, Leiterin der Region EMEA bei Siemens Healthineers, warb dafür, den Blick stärker auf erfolgreiche internationale Beispiele zu richten. „Wenn wir unser Gesundheitssystem zukunftsfit machen wollen, brauchen wir den europäischen Wettbewerb der besten Ideen und den Blick über die eigenen Landesgrenzen. Digitalisierung, integrierte Versorgung und Telemedizin seien dabei wesentliche Bausteine eines zukunftsfähigen Systems. Patient:innen dürften an den Schnittstellen des Gesundheitssystems nicht verloren gehen, sondern müssten entlang ihres Versorgungspfads begleitet werden. (red)