© Helmut Lunghammer ÖDG-Präsident Harald Sourij über Fortschritte in der Diabetestherapie, was nötig wäre, um die Versorgung zu verbessern, und welche Entwicklungen ihm Hoffnung machen.
Sie sind nun seit etwa 20 Jahren im Bereich der Diabetologie tätig. Was sind die größten Fortschritte, die seither in der Therapie gemacht wurden? Im Bereich des Typ 2-Diabetes war die Entwicklung von neuen Substanzklassen zur Behandlung ein wesentlicher Fortschritt, allen voran von SGLT2-Hemmern und Inkretinmimetika. Diese Substanzklassen verbessern das kardiovaskuläre Risiko über eine reine Glukosesenkung hinaus. Als wir sie hatten, haben wir die Leitlinien neu geschrieben, und wir können heute klare, evidenzbasierte Therapieempfehlungen für definierte Patient:innengruppen abgeben. Das war vor 20 Jahren noch nicht der Fall. Bei Typ 1-Diabetes war in den vergangenen Jahren ein deutlicher Fortschritt bei der Diabetestechnologie zu erkennen, also was Glukose-Sensoren und sogenannte automated insulin delivery (AID)-Systeme anbelangt. Das sind Systeme, bei denen Glukosesensoren mit Insulinpumpen über einen zwischengeschalteten Algorithmus arbeiten, sodass eine bedarfsgerechte Abgabe der Insulindosis möglich ist. Diese Entwicklung hat das Leben von Menschen mit Typ 1-Diabetes doch deutlich erleichtert.
Was müsste die Politik tun, um die Versorgung von Menschen mit Diabetes zu verbessern? Nachdem in Österreich insgesamt 700.000 bis 800.000 Menschen von Diabetes mellitus betroffen sind, brauchen wir ein integriertes Versorgungskonzept. Dies auch, um in Zukunft die Versorgung in höchster Qualität gewährleisten zu können. Für Menschen mit Typ 2-Diabetes, die mit mehr als 90 Prozent aller Betroffenen ja die große Mehrheit der Menschen mit Diabetes ausmachen, gibt es den Plan für ein solches Konzept der integrierten Versorgung, wo es zu einer verschränkten, multiprofessionellen Behandlung von Menschen mit Typ 2-Diabetes kommt. Dieses Konzept beinhaltet auch eine klar vordefinierte Eskalationslogik, wenn eine Betreuung in der Primärversorgungsebene nicht mehr ausreichend gewährleistet ist. Als Basis der Versorgung brauchen wir außerdem ein weiterentwickeltes Disease Management Program (DMP) Therapie aktiv 2.0. Ein Diplom für Diabetes und metabolische Medizin, das Ärzt:innen detailliertes Wissen in diesem Bereich vermitteln soll, ist in Entwicklung. Und auch ein Diabetespass in der ELGA-Umgebung ist bereits detailliert geplant, der die Informationsweitergabe über die Versorgungsebenen ermöglichen soll. Um die Versorgung zu verbessern und besser zu verschränken, wäre es wichtig, die Pläne rasch zu realisieren und die Entwicklungen voranzutreiben, statt sich wie zuletzt in Diskussionen über eine weitere Fragmentierung der Versorgung zu verzetteln.
Welche wissenschaftlichen Entwicklungen machen Ihnen derzeit am meisten Hoffnung? Das sind einerseits stetige Weiterentwicklungen am Diabetestechnologiesektor, die es ermöglichen, dass die automatisierten Insulinabgabesysteme und Glukosesensoren für Menschen mit Typ 1-Diabetes permanent verbessert werden. Andererseits gibt es Entwicklungen im Bereich der Immuntherapie, die bei frühzeitigem Einsatz das Auftreten des Vollbildes eines Typ 1-Diabetes hinauszögern können. Es gibt aber auch spannende Entwicklungen im Bereich der Zelltherapie, wo insulinsezernierende Zellen in der Leber angesiedelt werden. Hier besteht aktuell die Herausforderung darin, Immunsuppressionsregime zu reduzieren oder zu vermeiden. Im Bereich des Typ 2-Diabetes macht die sehr rasche und breite Entwicklung sogenannter Nutrient-Stimulated Hormone-Based Therapies (NUSH) Hoffnung. Dabei geht es um Substanzen, die etwa am GLP1/GIP oder Glukagonrezeptor ansetzen und zu einer ausgeprägten Gewichtsreduktion führen können, zusätzlich zur Verbesserung von metabolisch assoziierter Fettlebererkrankung und von Inflammationsprozessen führen sowie auch das kardiovaskuläre Risiko senken. (Das Interview führte Sabine Stehrer)