© ÖeGV Wolfgang Andiel, Präsident des Österreichischen Generikaverbandes, über Einsparungspotenziale und die Entwicklungen im Gesundheitssystem, die ihn positiv überraschen würden.
Was ist im zweiten Halbjahr 2026 die größte Herausforderung, die sich dem Österreichischen Generikaverband stellt? Durch die geopolitischen Krisen wird der Druck weiter steigen, der sich durch strukturell anhaltend niedrige Preise ergibt. Auch wenn der Konflikt im Nahen und Mittleren Osten bisher keine akuten Lieferengpässe ausgelöst hat, verteuern sich Energie, Rohstoffe, Produktion und Logistik spürbar und verschärfen die wirtschaftliche Situation.
Wie wird sich der Critical Medicines Act der EU auf Österreich auswirken? Als EU-Initiative zur Behebung von Lieferengpässen und zur Stärkung der Versorgungssicherheit wird der Critical Medicines Act erste wichtige Impulse zur Stärkung der europäischen Produktion setzen. Dies insbesondere durch die verpflichtenden Resilienz- und Liefersicherheitskriterien in der öffentlichen Beschaffung. Doch das greift zu kurz, solang hier in Österreich rund 90 Prozent der Arzneimittel weiterhin über den Erstattungskodex (EKO) abgewickelt werden. Entscheidend wird daher sein, ob die erwähnten Kriterien in das Erstattungssystem integriert werden.
Was erwarten Sie sich von der Gesundheitsreform? Die angekündigte Gesundheitsreform dürfte auch den Arzneimittelsektor betreffen. Sollte dabei das Billigstprinzip fortgeführt werden, sind negative Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit und den Produktionsstandort Europa mittelfristig kaum zu vermeiden.
Generika gelten ja auch immer als Mittel zur Kostendämpfung. Sehen Sie noch Einsparungspotenzial? Der etablierte Generikamarkt hat sein Einsparungspotenzial weitgehend ausgeschöpft. Die Kombination aus hohen Preisabschlägen beim Markteintritt und der Gleichpreislogik nach der dritten Welle, also der Tatsache, dass nach Markteintritt des dritten wirkstoffgleichen Generikums alle Präparate ihren Preis auf das billigste Generikum senken müssen, lässt kaum Raum für weitere Einsparungen, ohne die Versorgungssicherheit zusätzlich zu belasten. Das eigentliche Potenzial liegt in den nächsten zehn Jahren.
Worum handelt es sich dabei? Arzneimittel mit einem Marktvolumen von rund 2,5 Milliarden Euro werden patentfrei. Entscheidend ist daher, Generika möglichst früh in die Erstattung zu bringen und die Preisunterschiede vor der dritten Welle konsequent zu nutzen. So kann der Generika-Anteil deutlich erhöht und ein erheblicher finanzieller Spielraum für Innovationen geschaffen werden.
Welche Entwicklung im Gesundheitssystem würde Sie positiv überraschen? Positiv überraschen würde mich ein Paradigmenwechsel im Erstattungssystem für Generika: weg von der ausschließlichen Fokussierung auf den niedrigsten Preis, hin zu einer Erstattungspolitik, die Versorgungssicherheit und Resilienz aktiv fördert. Die Berücksichtigung von Resilienzkriterien in der EKO-Preisbildung, wie sie der Critical Medicines Act empfiehlt, wäre dafür ein wichtiges Signal. (Das Interview führte Sabine Stehrer)