© MedUni Wien - feelimage Elisabeth Stögmann, Präsidentin Österreichische Alzheimergesellschaft (ÖAG), über neue Antikörpertherapien gegen Alzheimer-Demenz, die größten Versorgungslücken und Prävention.
Wie bewerten Sie die neuen Antikörpertherapien? Die Entwicklung der neuen Antikörpertherapien stellt zweifellos einen bedeutenden Fortschritt in der Alzheimer-Forschung dar. Erstmals verfügen wir über Therapieansätze, die direkt in krankheitsverursachende Prozesse eingreifen, insbesondere durch die gezielte Reduktion von Amyloid-Ablagerungen im Gehirn. Die bisherigen Studiendaten zeigen, dass dadurch bei bestimmten Patient:innen im frühen Stadium der Erkrankung eine Verlangsamung des Krankheitsverlaufs möglich ist, was einen Gewinn an Lebensqualität und Selbstständigkeit bedeuten kann. Gleichzeitig ist es wichtig, Patient:innen und ihren Angehörigen realistische Erwartungen zu vermitteln. Nach heutigem Wissensstand können diese Therapien Alzheimer weder heilen noch vollständig stoppen.
Was können die bisherigen Therapien? Die bisherigen Standardtherapien, insbesondere symptomatische Medikamente wie Cholinesterasehemmer oder Memantin, können vor allem zeitweise kognitive Symptome stabilisieren oder Beschwerden lindern. Sie greifen aber nicht direkt in den Krankheitsprozess ein. Die neuen Entwicklungen markieren daher einen Paradigmenwechsel, auch wenn die frühe Diagnostik, der Zugang und die sorgfältige Auswahl geeigneter Patient:innen zentrale Herausforderungen bleiben.
Wo sehen Sie die größte Versorgungslücke für Menschen mit Alzheimer-Demenz? Die größte Versorgungslücke beginnt häufig bereits bei der frühen Diagnosestellung. Viele Betroffene erhalten ihre Diagnose spät, wodurch wertvolle Zeit für Beratung, Therapieplanung und Unterstützung verloren geht. Gerade wenn neue krankheitsmodifizierende Therapien verfügbar werden, gewinnt die frühzeitige Diagnostik noch stärker an Bedeutung.
Gibt es weitere Defizite in der Versorgung? Große Defizite sehen wir in der langfristigen Begleitung von Betroffenen und ihren Familien. Alzheimer-Demenz betrifft ja nie nur die erkrankte Person selbst, sondern immer auch Angehörige, die oft über Jahre hinweg enorme Pflege- und Betreuungsleistungen übernehmen. Besonders dringend und flächendeckend braucht es Entlastungsangebote wie Tageszentren und eine mobile Betreuung. Genauso dringend und ebenfalls flächendeckend nötig sind aber auch andere niedrigschwellige psychosoziale Unterstützungsangebote, wie eine Demenzberatung. Wichtig ist auch eine bessere Vernetzung zwischen medizinischer Versorgung, Pflege und sozialer Unterstützung. Alzheimer-Demenz ist ja nicht ausschließlich ein medizinisches Problem, die Erkrankung stellt eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar, die multidisziplinäre Antworten verlangt. Hinter jeder Diagnose steht ein Mensch, und unser Ziel muss es sein, Betroffenen nicht nur mehr Lebenszeit zu ermöglichen, sondern vor allem mehr Lebensqualität und gesellschaftliche Teilhabe.
Kann man Alzheimer-Demenz vorbeugen? Wir wissen heute, dass Alzheimer-Demenz nicht vollständig vermeidbar ist, aber wir können das individuelle Risiko durchaus beeinflussen. Internationale Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Demenzerkrankungen mit veränderbaren Risikofaktoren zusammenhängt. Prävention beginnt daher nicht erst im Alter. Ein gehirngesunder Lebensstil über die gesamte Lebensspanne hinweg ist derzeit unsere beste Möglichkeit, das Risiko für eine spätere Demenzerkrankung zu reduzieren. Als Vorbeugung dienen generell Maßnahmen, die der Gefäßgesundheit zugutekommen. Also regelmäßige körperliche Aktivität, gesunde Ernährung, etwa in Form einer mediterranen Ernährung, eine gute Kontrolle von Bluthochdruck, Diabetes und Cholesterinwerten, Verzicht auf Nikotin und ein verantwortungsvoller Umgang mit Alkohol. Das Gehirn profitiert außerdem davon, wenn Menschen mental gefordert bleiben, soziale Kontakte pflegen und sich aktiv in ihren Alltag eingebunden fühlen. Alles das ist deshalb ebenso entscheidend. (Das Interview führte Sabine Stehrer)