„Versorgungssicherheit muss anerkannt werden“   

© PHAGO/Bernhard Wolf

Monika Vögele, Generalsekretärin des Arzneimittel-Großhandelsverbands PHAGO, im Interview über Lieferengpässe, Medikamentenpreise und Anreize für eine stärkere europäische Arzneimittelproduktion. 

Lieferengpässe begleiten das Gesundheitssystem seit Jahren und haben sich seit dem Irak-USA-Krieg weiter verschärft. Wie gut ist Österreich derzeit auf länger andauernde Störungen bei Transportwegen, Rohstoffen oder Produktionsketten vorbereitet? Österreich ist besser vorbereitet, als es von außen oft sichtbar ist – aber nicht so gut, dass man sich zurücklehnen könnte. Der Arzneimittel-Vollgroßhandel ist dabei ein zentraler Stabilitätsfaktor. Wir halten an 23 Standorten rund 12 Millionen Packungen permanent auf Lager und sichern damit im Durchschnitt einen nationalen Bedarf von drei bis vier Wochen. Damit gelingt es uns, einen großen Teil der Lieferverzögerungen abzufedern. Gerade bei länger andauernden Störungen zeigt sich aber: Meldepflichten beugen Versorgungsengpässen nicht vor. Versorgungssicherheit entsteht nur durch funktionierende Strukturen, Lagerhaltung, Logistik, Monitoring und die enge Einbindung jener, die täglich mit Engpässen arbeiten. Der Vollgroßhandel muss daher bei allen Fragen der Arzneimittelversorgung von Anfang an eingebunden werden.

Wie ist die aktuelle Situation mit nicht oder schwer lieferbaren Medikamenten und wie hat sie sich in den letzten Wochen entwickelt? Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Lieferengpass und Versorgungsengpass: Nicht jede Lieferunterbrechung führt automatisch dazu, dass Patient:innen nicht versorgt werden können. 2023 war die Situation bei Kinderfiebersäften und Antibiotika sehr angespannt. Eine derartige Situation sehen wir derzeit glücklicherweise nicht. Die Lage ist auch im Vergleich zum Vorjahr etwas besser: Der Anteil der von uns als lieferkritisch eingestuften Arzneimittel liegt in den vergangenen Monaten konstant bei 12%. Negativ fallen besonders Augentropfen sowie Psycholeptika und weiterhin Antidiabetika auf. Hinzu kommen immer wieder einzelne Arzneiformen, die ersatzlos wegbrechen. Das fällt in der Statistik nicht auf, kann aber Patient:innen massiv betreffen. In solchen Fällen versuchen wir dann im Ausland Ersatz zu beschaffen und die vorhandenen Mengen werden sachgerecht auf Apotheken in ganz Österreich aufgeteilt.

Der europäische Pharmaverband fordert angesichts der US-Preispolitik höhere Medikamentenpreise in Europa, um Innovationen und die Versorgung zu sichern. Aus Sicht des Arzneimittelgroßhandels: Braucht es tatsächlich ein Umdenken bei den Arzneimittelpreisen? Ja, aber differenziert. Aus unserer Sicht geht es nicht darum, pauschal höhere Arzneimittelpreise zu fordern, sondern Versorgungssicherheit als Leistung anzuerkennen und angemessen zu finanzieren. Seit Jahren werden zentrale Leistungen – Lagerhaltung, verlässliche Belieferung, Monitoring, Mangelmanagement und die Beschaffung von Alternativen – als Selbstverständlichkeit erwartet, während die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, auch wegen zunehmender Regulatorik, immer schwieriger werden. Die Großhandelsspanne ist seit 2004 nicht indexiert, gleichzeitig sind Inflation, Personal- und Betriebskosten massiv gestiegen. Auch geopolitische Entwicklungen machen die Beschaffung nicht einfacher. Das führt zu einem Spannungsfeld: Auf der einen Seite explodieren die Kosten, auf der anderen Seite bleiben zentrale Vergütungsmechanismen im Kern unverändert. Man muss außerdem unterscheiden: Die große Mehrheit der Arzneimittel ist sehr günstig. Rund zwei Drittel aller Packungen, die wir an Apotheken ausliefern, liegen unter der Rezeptgebühr. Die eigentlichen Kostentreiber sind innovative, hochpreisige Spezialtherapien. Dadurch geht die Schere zwischen günstigen Standardmedikamenten und wenigen sehr teuren Arzneimitteln immer weiter auf. Gerade die millionenfach benötigten Standardmedikamente bilden das Rückgrat der Versorgung. Wird ihre Lagerung und Verteilung dauerhaft nicht kostendeckend vergütet, gerät die Versorgung unter Druck. Deshalb muss das Vergütungssystem jene Leistungen angemessen abbilden, die notwendig sind, um Arzneimittel jederzeit verfügbar zu halten – unabhängig davon, ob es sich um ein innovatives Spezialpräparat oder ein bewährtes Standardmedikament handelt.

Mit dem Critical Medicines Act will die EU die Produktion kritischer Arzneimittel stärker nach Europa holen und strategische Abhängigkeiten reduzieren. Was braucht es aus Ihrer Sicht, um die Versorgungssicherheit in Europa nachhaltig zu verbessern? Welche Anreize brauchen wir für einen Ausbau der europäischen Arzneimittelproduktion? Der Critical Medicines Act geht grundsätzlich in die richtige Richtung, weil er die Abhängigkeit Europas von wenigen außereuropäischen Produktionsstandorten reduzieren soll. Entscheidend wird aber sein, dass nicht nur der niedrigste Preis zählt, sondern auch Versorgungssicherheit, Lieferfähigkeit und Resilienz. Regulatorische Rahmenbedingungen dürfen die Arzneimittelversorgung nicht zusätzlich erschweren. Und ganz wesentlich: Der Arzneimittel-Vollgroßhandel muss als operativer Experte für Verfügbarkeit, Verteilung und Krisenmanagement in diese Strategien eingebunden werden. Bei allen wichtigen Initiativen auf europäischer Ebene sollte die österreichische Politik aber den Fokus auch auf jene Maßnahmen legen, die sie selbst unmittelbar beeinflussen kann. Versorgungssicherheit entsteht nicht nur in den Produktionsstätten Europas, sondern auch durch verlässliche nationale Strukturen. Österreich verfügt mit seinem Arzneimittel-Vollgroßhandel über ein leistungsfähiges Versorgungssystem, das Lieferengpässe täglich abfedert und Versorgungsengpässe vielfach verhindert. Diese Strukturen müssen gestärkt und langfristig abgesichert werden. (Das Interview führte Silke Tabernik)