„Wir müssen Versorgung strukturell transformieren“  

© Oliver Miller-Aichholz

Herwig Ostermann bleibt für weitere fünf Jahre Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG). Im Interview spricht er über Reformgespräche und seine Präferenzen.

Die Reformpartnerschaft von Bund, Ländern und Sozialversicherung soll bis Jahresende konkrete Ergebnisse liefern. Wie viel Bewegung sehen Sie derzeit im Prozess? Es gibt intensive Gespräche und erkennbare Bewegung. Entscheidend wird sein, die Verantwortlichkeiten auf den unterschiedlichen Ebenen klar zuzuordnen und die nächsten Umsetzungsschritte verbindlich festzulegen. Wie weitreichend die Reform tatsächlich wird, wird sich in der Konkretisierung und Umsetzung zeigen.

Die Gesundheit Österreich hatte selbst den Auftrag, Vorschläge zur einer künftigen Versorgungsstruktur zur erarbeiten. Was müsste aus Ihrer Sicht bis Jahresende noch konkret passieren? Das Papier der Reformpartnerschaft ist zunächst ein politisches Papier. Es ist wichtig, dass die Systempartner eine gemeinsame Linie und ein gemeinsames grobes Zielbild entwickeln. Gleichzeitig bleiben bei den vorliegenden Ergebnissen noch viele Dinge offen. Manche Beobachter hätten sich da und dort sicherlich mehr Konkretheit gewünscht. Darin liegt aber auch eine Chance: Das Papier lässt Raum für eine sinnvolle Weiterentwicklung des Gesundheitssystems und verunmöglicht auch Strukturveränderungen nicht. Zwei Bereiche halte ich dabei für besonders relevant. Der erste ist die Digitalisierung. Sie nimmt in den Reformüberlegungen relativ viel Raum ein. Der zweite große Bereich ist die strukturelle Weiterentwicklung der Versorgung: der demografische Wandel, Versorgungsanalysen, Gesundheitsversorgungszentren und neue integrierte Versorgungsformen. Es geht darum, Strukturen stärker am tatsächlichen Bedarf der Bevölkerung auszurichten. Hier braucht es allerdings einen längeren Vorlauf. Strukturveränderungen in der Versorgung lassen sich nicht innerhalb von zwei oder drei Jahren umsetzen. Wir sprechen eher über einen Transformationspfad von zehn oder 15 Jahren.

Über eine solche Transformation wird allerdings schon seit Jahren gesprochen. Man hat jetzt erstmals einen Diskussionsraum geschaffen, in dem man sich über längerfristige Strukturfragen verständigen kann. Wir wissen, dass Reformschritte einen längeren Planungshorizont brauchen. Eine kurzfristige Planung ist zwar notwendig, reicht aber nicht aus, wenn man tatsächlich Versorgungsstrukturen verändern will. Gerade bei neuen ambulanten Versorgungsformen geht es darum, Strukturen zu schaffen, in denen spezialisierte ambulante Leistungen gebündelt angeboten werden können. Bestehende Standorte können dabei auch neue Aufgaben übernehmen und sich weiterentwickeln.

Die öffentliche Diskussion reduziert sich häufig auf die Frage: Welches Krankenhaus bleibt, welches schließt? Ist das der falsche Zugang? Ich halte es für problematisch, die Diskussion darauf zu reduzieren. Eigentlich müsste die Ausgangsfrage lauten: Welche Versorgung braucht die Bevölkerung? Und wenn wir wissen, welche Defizite bestehen, können wir überlegen, mit welchen Strukturen wir diese Defizite am besten abdecken. Der medizinische Fortschritt verändert die Anforderungen an die Versorgungsstrukturen. Leistungen, die früher einen stationären Aufenthalt erfordert haben, können heute vielfach ambulant oder im tagesklinischen Setting erbracht werden. Das hat nicht nur ökonomische Vorteile. Es kann auch die Qualität der Versorgung verbessern und den Präferenzen der Patientinnen und Patienten entsprechen. Wenn eine Leistung ambulant genauso gut oder sogar besser erbracht werden kann, spricht viel dafür, sie auch in diesem Setting anzubieten.

Wenn sich Versorgungsstrukturen verändern, braucht es aber auch die Bevölkerung. Wie wichtig ist es, die Menschen in diesen Prozess einzubinden? Das ist aus meiner Sicht ganz zentral. Man sollte nicht nur den Dialog mit der Bevölkerung suchen, sondern auch die Hintergründe der Überlegungen und die Abwägungen zwischen verschiedenen Alternativen transparent machen. Wir sprechen schließlich über die Versorgung in zehn oder 15 Jahren. Dafür braucht es einen Entwicklungspfad. Gleichzeitig wird in der aktuellen Diskussion oft zu stark davon ausgegangen, dass sich der Status quo in die Zukunft fortschreiben lässt. Angesichts der demografischen Entwicklung, der verfügbaren personellen Ressourcen und der Anforderungen an die Versorgungsqualität wird das aber nicht überall möglich sein. Wenn man das verständlich vermittelt, kann der Dialog beginnen. Die Bevölkerung muss nachvollziehen können, warum sich Strukturen verändern und welche Versorgung dadurch künftig möglich wird.

Das Argument „Die Versorgung wird besser“ überzeugt die Bevölkerung allerdings nicht immer. Wie lässt sich Qualität konkreter definieren? Wir sprechen noch zu wenig darüber, was eigentlich eine gute und adäquate Versorgung ist. Wir haben teilweise sehr abstrakte und stereotype Bilder davon. Grundsätzlich können wir anhand unserer Modelle relativ gut abschätzen, wie viele Menschen bestimmte Leistungen in bestimmten Altersgruppen benötigen. Daraus lässt sich ein Versorgungsbedarf ableiten. Eine gute Versorgung bedeutet für mich zunächst, dass Menschen möglichst niederschwellig Zugang zu den notwendigen Leistungen haben, dass die Versorgung strukturiert erfolgt und dass die Patientinnen und Patienten im System begleitet werden. Gleichzeitig sollten Leistungen möglichst dort erbracht werden, wo sie sinnvoll und qualitativ gut erbracht werden können.

Was erwarten die Menschen Ihrer Erfahrung nach konkret vom Gesundheitssystem? Wenn man mit Menschen spricht, hört man häufig zwei Dinge: Sie wollen im Bedarfsfall schnell versorgt werden. Und sie wollen, dass sich jemand Zeit für sie nimmt. „Schnell versorgt“ bedeutet allerdings nicht automatisch, dass das nächstgelegene Krankenhaus die richtige Lösung ist. Bei einem Schlaganfall beispielsweise ist entscheidend, dass die richtige Versorgung entlang der Rettungs- und Behandlungskette funktioniert. Und der Wunsch nach Zeit und Zuwendung verweist auf eine andere Dimension: Gesundheitsversorgung muss stärker bevölkerungsorientiert werden. Gerade in der Primärversorgung geht es nicht ausschließlich um medizinische Leistungen im engeren Sinne. Auch soziale Interventionen, Gesundheitsförderung, Gesundheitsbildung und Sozialarbeit können eine wichtige Rolle spielen.

Damit sprechen Sie auch das Thema Gesundheitskompetenz an. Warum suchen Menschen beispielsweise abends eine Spitalsambulanz auf, obwohl ihr Anliegen möglicherweise anderswo besser aufgehoben wäre? Das hat viele Ursachen. Ein Teil der Bevölkerung verfügt über weniger Gesundheitskompetenz oder hat schlicht keinen guten Zugang zu den entsprechenden Angeboten. Hinzu kommen soziale und arbeitsweltliche Faktoren. Gerade Menschen in unsicheren Arbeitsverhältnissen können Arzttermine während üblicher Ordinationszeiten oft nur schwer wahrnehmen. Das lässt sich nicht allein durch Appelle an die individuelle Gesundheitskompetenz lösen.

Welche Rolle spielen dabei Primärversorgungseinheiten? Eine Primärversorgungseinheit beschäftigt sich idealerweise sehr konkret mit ihrem Versorgungsprofil: Welche Menschen leben in unserem Einzugsgebiet und welchen Versorgungsbedarf haben sie? Welche Strukturen gibt es in meinem Umfeld? Wie viele Menschen sind beispielsweise pflegebedürftig? Welche Partner brauche ich, um diese Bevölkerung gut zu versorgen? Wir haben dafür auch ein entsprechendes Tool entwickelt, mit dem sich die Bevölkerung im Einzugsgebiet und die Rahmenbedingungen analysieren lassen. Der Versorgungsauftrag ist für mich eines der zentralen Gestaltungselemente eines Gesundheitssystems. Es muss klar sein, wer in welcher Situation für die Versorgung verantwortlich ist. Das lässt sich auch in der regionalen Strukturplanung abbilden. Letztlich geht es darum zu definieren, wer für welche Versorgungsebene zuständig ist. Das bringt auch für die Bevölkerung Versorgungssicherheit. Wenn ich weiß, wer für meine Versorgung verantwortlich ist, kann ich mich im System besser orientieren und bewegen.

Wie könnte eine solche Aufteilung der Versorgungsebenen aussehen? Auf der primären Versorgungsebene haben wir unterschiedliche Formen: Primärversorgungseinheiten und -netzwerke, aber natürlich auch die allgemeinmedizinische Versorgung in ihren verschiedenen Ausprägungen. Auf der spezialisierten Ebene gibt es wiederum unterschiedliche Schwerpunkte bis hin zur Spitzenmedizin. Ein Bereich, bei dem ich derzeit besonders viel Gestaltungspotenzial sehe, ist die ambulante spezialisierte Versorgung. Genau hier setzen auch die Überlegungen zu neuen integrierten Versorgungsformen beziehungsweise Gesundheitsversorgungszentren an. Wichtig ist dabei, dass bei all diesen Überlegungen der Primärversorgung eine besondere Bedeutung zugemessen wird, und zwar in Hinblick auf Kontinuität und Koordination. Der Patient sollte in seiner Versorgung begleitet werden und nicht bei jedem Kontakt wieder von vorne beginnen müssen.

Was wäre also das Zielbild hinter der Reform? Ich sehe das Potenzial darin, das Gesundheitssystem konsequenter auf den ambulanten Bereich auszurichten – und zwar in seinen unterschiedlichen Facetten, von der Primärversorgung bis zur spezialisierten ambulanten Versorgung. Das bedeutet einen strukturellen Wandel. Man versucht, Leistungen in jenem Versorgungssetting anzubieten, in dem sie möglichst unmittelbar, niederschwellig und qualitativ hochwertig erbracht werden können. (Das Interview führte Martin Rümmele)