Bei jedem Säuglingshusten an Pertussis denken

Differenzialdiagnose Husten: Wann besteht ein klinischer Verdacht auf Pertussis?

Dr. Volker Strenger: Der typische Pertussispatient präsentiert sich a- oder subfebril mit seröser Rhinitis, nichtproduktivem Husten, vor allem nächtlichen Attacken und zähem Schleim. Bei Jugendlichen kommt es zudem häufig zu Schweißausbrüchen. Die klinische Präsentation ist altersabhängig – ihre Zuordnung gestaltet sich im Säuglings- und Erwachsenenalter besonders schwierig. Ältere Personen etwa, die oft durch eine länger zurückliegende, aber nicht aufgefrischte Impfung nur eine unzureichende Immunität haben, zeigen häufig einen untypischen Verlauf mit unspezifischem Husten über viele Wochen. Unbehandelt besteht hier neben der allgemeinen körperlichen Schwächung vor allem die Gefahr der Weiterverbreitung. Bei Säuglingen steht der Husten nicht immer im Vordergrund. Stattdessen kommt es hier häufig zu einer ausgeprägten Hyperleukozytose, Hypoxie, Apnoe und/oder schweren Pneumonie mit Lungenversagen.

Welche Antibiotikatherapie kommt beim Keuchhusten zum Einsatz?

Zur antibiotischen Therapie werden in erster Linie Makrolide oder auch Trimethoprim plus Sulfamethoxazol eingesetzt. Eine Therapie hat nur in den ersten ein bis zwei Wochen nach Symptomenbeginn einen positiven Effekt auf den Krankheitsverlauf. Bis 5 Wochen nach Auftreten der ersten Symptome soll eine Therapie dennoch begonnen werden, um weitere Ansteckungen zu verhindern – danach nur noch bei Personen, die mit vulnerablen Personen, mit Schwangeren oder kleineren Kindern zu tun haben.

Besonders gefährdet für eine Ansteckung und einen schweren Verlauf sind Säuglinge in den ersten ungeimpften Lebensmonaten. Was gilt es hier zu beachten?

Die Mehrheit der Pertussisinfektionen bei Säuglingen ist lebensbedrohlich. Die Atemwegsveränderungen und Blutbildveränderungen können letztlich zum Lungenversagen führen. Viele schwere Verläufe landen bei uns auf der Intensivstation, die Mortalitätsrate ist hoch. Daher sollten vor allem Säuglinge und Kinder bereits beim klinischen Verdacht auf Pertussis einer antibiotischen Therapie zugeführt werden. Nur wenn der Therapiebeginn innerhalb der ersten zwei Wochen nach Beginn der Symptome stattfindet, kann die Schädigung des pulmonalen Flimmerepithels verhindert und damit der Krankheitsverlauf positiv beeinflusst werden. Zur frühzeitigen Diagnosestellung kann ein direkter Erregernachweis mittels PCR hilfreich sein. Diese ist im Vergleich zur häufig durchgeführten Antikörperserologie im Akutstadium wesentlich aussagekräftiger. Leider wird die PCR im niedergelassenen Bereich derzeit von den Kassen nicht erstattet, weswegen die Patienten sie aus eigener Tasche zahlen müssen oder zur weiteren Abklärung in eine Klinik weiterverwiesen werden.

Seit Kurzem wird im Impfplan Österreich auch die Pertussisimpfung in der Schwangerschaft empfohlen …

Damit wird eine diaplazentare Übertragung der Pertussisantikörper auf den Fötus ermöglicht, um auch die Kleinsten in den ersten Lebensmonaten noch vor der 6-fach-Impfung möglichst wirksam zu schützen. Die Pertussisimpfung wird als Teil des Kombinationsimpfstoffes Tetanus-Diphtherie-Polio-Pertussis ab dem 2. Trimenon, idealerweise zwischen der 27. und 36. Schwangerschaftswoche und unabhängig vom Abstand zur letzten Impfung mit Pertussiskomponente, empfohlen.

In den vergangenen Jahren kam es in Österreich zu einer Zunahme der gemeldeten Pertussisfälle. Was führte zu dieser Entwicklung?

Waren es in den Nullerjahren noch um die 500 Fälle, so liegen wir jetzt bei mehr als 2.000 pro Jahr. Dabei ist auch ein Anstieg des Erkrankungsalters zu sehen. Erwachsene, die der empfohlenen Auffrischungsimpfung alle 10 Jahre nicht nachkommen, tragen zur Verbreitung der Erreger bei. Niedergelassene Ärzte spielen daher auch eine wichtige Rolle bei der Impferinnerung. Wir Kinderärzte bedauern in diesem Zusammenhang, dass wir die Erwachsenen, die als Eltern ihre Kinder zu uns begleiten, nicht gleich mitimpfen dürfen. Wir würden damit zur Anhebung der Durchimpfungsrate und zum Herdenschutz beitragen.

Seit Beginn der Pandemie wurde weniger geimpft. Auch in den gynäkologischen Praxen sollten über mehrere Monate hinweg keine Grippe- und Pertussisimpfungen bei Schwangeren durchgeführt werden. Wird sich das auf die Fallzahlen auswirken?

Es hat in den ersten Monaten der Pandemie unterschiedliche Empfehlungen zum Impfen gegeben. Ich habe nie verstanden, was dagegen spricht, notwendige Impfungen auch in der Pandemie zu verabreichen. Leider ist damit zu rechnen, dass nicht alle Impfungen inzwischen nachgeholt wurden und daher Erkrankungen wie Pertussis oder auch Masern in Zukunft möglicherweise vermehrt auftreten könnten. Daher ist es wichtig, dass versäumte Routineimpfungen nachgeholt werden.

Welche Konsequenzen hat die Pandemie auf die klinische Versorgung der Keuchhusten-Patienten?

Wir sehen, dass die „Corona-Maßnahmen“ auch gegen andere respiratorische Erreger wirken. Dadurch ist auch mit weniger Pertussis-Infektionen zu rechnen. Andererseits sehen wir, dass Eltern mit kranken Kindern jetzt oft länger warten, bevor sie Gesundheitseinrichtungen aufsuchen. Das führt natürlich dazu, dass Kinder erst vorgestellt werden, wenn sie kränker sind und eventuell später behandelt werden. Und natürlich muss man auch mit Folgen durch nicht verabreichte Impfungen rechnen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview mit: Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Volker Strenger

Klinische Abteilung für Pädiatrische Pulmonologie und Allergologie, Medizinische Universität Graz; Leiter der Arbeitsgruppe Infektiologie der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde


Redaktion: Dr. Isabella Bartmann

AEK 07|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-04-09