Leistungskataloge entrümpeln und neu strukturieren!

„Katalog sollte neu strukturiert werden“

 

Welche Positionen sind denn Ihrer Meinung nach obsolet?

Der Kassenvertrag mit der OÖGKK hat sich in den 33 Jahren, die ich in der Praxis tätig bin, in seiner Grundstruktur nicht verändert – die Medizin und die Bedürfnisse der Patienten haben sich aber deutlich gewandelt.
Er ist sehr unübersichtlich und kompliziert, die verschiedenen Regelungen der Limitierung sind nicht immer durchschaubar und nachvollziehbar. Auch die Art und Höhe der Honorierung ist zu hinterfragen, viele Einzelleistungen sind aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht korrekt kalkuliert. Als Beispiel seien hier die ärztlichen Gespräche oder die Wundversorgung genannt. Manche Positionen und Regelungen sind einfach nicht mehr zeitgemäß. So werden in OÖ beispielsweise noch immer antiluetische Kuren, Goldkuren bei chron. Polyarthritis, der TINE-Test, eine Magenausheberung, eine manuelle Plazentalösung und Zangenentbindung honoriert. Ob es sinnvoll und nach heutigen Qualitätsstandards verantwortbar ist, unfallchirurgische Leistungen wie die Einrichtung von Frakturen (auch Nasenbeinfrakturen), Allgemeinnarkosen oder Konservenbluttransfusionen in einer normalen Allgemeinpraxis zu erbringen, sei dahingestellt. Diese Aufstellung ließe sich noch weiter fortsetzen.

Welche Leistungen fehlen im Leistungskatalog?

Man muss sicher festhalten, dass in den letzten Jahren in OÖ einige wichtige Leistungen in den Kassenvertrag aufgenommen wurden. Hier sind die Spirometrie, die Langzeitblutdruckmessung sowie das DMP „Therapie aktiv – Diabetes im Griff“ zu nennen. An Leistungen, die in einer modernen allgemeinmedizinischen Praxis erbracht werden sollten, aber derzeit nicht honoriert werden, sind beispielweise die ABI-Messung (oszillometrisch oder mit Doppler-Sonde) und die immer häufiger werdenden Nahtentfernungen nach Operationen zu nennen. Auch einige Laboruntersuchungen sollten akut in der Allgemeinpraxis erbracht und verrechnet werden können. Dazu gehört die quantitative D-Dimer-Bestimmung zum Ausschluss einer Beinvenenthrombose oder Pulmonalembolie. Diese wird nur Internisten und Pulmologen bezahlt, obwohl diese deutlich seltener als Allgemeinmediziner mit diesen Krankheitsbildern im Akutfall konfrontiert werden. Für den gezielten und sparsameren Einsatz von Antibiotika wäre die Bestimmung des CRP und der Streptokokkenschnelltests auch für Erwachsene eine sinnvolle Leistung. Auch ein Schnelltest auf Herzenzyme könnte im Akutfall diagnostisch sehr hilfreich sein. Schließlich sei auch noch die Kaliumbestimmung als notwendige Kontrolle häufiger Therapien genannt, wobei leider durch die Probenbehandlung zur Einsendung des Serums in ein Labor häufig unkorrekte Werte herauskommen.

Wie könnte man den Leistungskatalog verbessern?

Ich glaube, dass der Leistungskatalog völlig neu strukturiert werden sollte. Es sollten häufige und weniger aufwendige Leistungen in einer Pauschale abgegolten werden. Die in der Pauschale enthaltenen Leistungen müssen aber genau aufgeschlüsselt werden. Dazu sollten apparativ und vor allem zeitlich aufwendigere Leistungen in Form einer betriebswirtschaftlich kalkulierten Einzelleistungshonorierung abgegolten werden. Zur Erstellung des Leistungskataloges sollte man auch auf internationale wissenschaftliche Daten zurückgreifen.

Was denken Sie über die von Bundesland zu Bundesland unterschiedliche Honorierung von Leistungen?

Es ist nicht nachvollziehbar, warum Leistungen in einem Bundesland honoriert werden und in anderen nicht. Beispiele sind hier die Spirometrie oder die Langzeitblutdruckmessung.
Auch die unterschiedliche Höhe der Honorierung ist für mich nicht verständlich. Dies bezieht sich auch auf die unterschiedliche Honorierung gleicher Leistungen bei Fachärzten und Allgemeinmedizinern. Es sollte möglich sein, dass man sich in Österreich auf einen gut strukturierten Leistungskatalog einigt.

 

Dr. Erwin Rebhandl
Arzt für Allgemeinmedizin, Haslach an der Mühl
Kassier der OBGAM

 

„Völlig neues Verrechnungssystem“

 

Welche Positionen sind denn Ihrer Meinung nach obsolet?

Ich glaube, man sollte keine Leistungen streichen, da es immer wieder Kollegen gibt, die spezielle Ausbildungen bzw. Schwerpunkte in ihrer Praxis haben. Ob die Geburt als Notfall drin sein muss, sei dahingestellt.

Welche Leistungen fehlen im Leistungskatalog?

Man könnte sich vieles überlegen, zum Beispiel: Es fehlt die Ordination zu Tagesrandzeiten (innerhalb der ausgewiesenen Ordinationszeiten!) als Anreiz in der laufenden Diskussion, Telefonkonsultation, Ordinationszähler analog Position 8 für jede Ordination nach der 4. (?) oder meinetwegen 7.
Ordination im Quartal, Versorgung von schwierigen Patienten (Ordination mit Dolmetsch, Ordination mit nicht der deutschen Sprache mächtigen Patienten, Obdachlosen, Krebs- beziehungsweise Palliativpatienten etc.), Angehörigenberatung, Koordinationszuschlag für langes Herumtelefonieren, Alkoholkranke analog zu Drogenkranken, Lungenfunktion!!, 24h-RR und EKG, Naht- bzw. Klammernentfernung (dzt. sehr gering honoriert), zusätzliche Laborleistungen: CRP, INR (ist gerade kostendeckend zum derzeitigen Tarif!), D-Dimer, Troponintest, Impfungen sollten Kassenleistung sein, Anreiz zur Förderung von Modernisierung in jeder Hinsicht – Wien ist da Schlusslicht.

Wie könnte man den Leistungskatalog verbessern?

Man könnte nach Beobachtung der Abläufe in verschiedene Praxen Standards festlegen und danach ein völlig neues System der Verrechnung etablieren. Vielleicht wäre auch eine Bezahlung nach Stechuhr statt nach Leistung sinnvoll? Mein Vorschlag wäre ein Listensystem zu etablieren.

Was denken Sie über die von Bundesland zu Bundesland unterschiedliche Honorierung von Leistungen?

Ich halte das für absoluten Schwachsinn, ebenso wie die Unterschiede die zwischen den GKK und den kleine Kassen gemacht werden.

 

Dr. Barbara Degn
Ärztin für Allgemeinmedizin, Ärztin für Psychotherapie, 1210 Wien
Vorstandsmitglied der ÖGAM, ÖGPAM, WIGAM

„Ein österreichisches Unikum“

 

Welche Positionen sind Ihrer Meinung nach obsolet?

Da kenne ich die Kataloge zu wenig, aber z.B. die BSG braucht man eigentlich nicht mehr …

Welche Leistungen fehlen im Leistungskatalog?

Alle Schnelltest bzw. „On-site-Tests“ wie der CRP-Test, die Streptokokken-Schnelltests, der Troponin-Test, der D-Dimer-Schnelltest etc. Außerdem sollten die Messungen von RBB und WBB aufgenommen werden.

Wie könnte man den Leistungskatalog verbessern?

Durch eine Angleichung zwischen den Bundesländern und zwischen den Gebietskrankenkassen und den kleinen Kassen. Ich würde mir auch eine Übernahme der ÖQUASTA-Kosten und der Kosten für die Materialien der Schnelltests und eine Pauschalisierung gekoppelt mit einem Listensystem und einer bedarfsorientierten Staffelung wünschen.

Was denken Sie über die von Bundesland zu Bundesland unterschiedliche Honorierung von Leistungen?

Das ist ein Unikum, aber Österreich-spezifisch und für das „System“ symptomatisch.

 

Univ.-Prof. Dr. Manfred Maier
Vorstand der Abteilung Allgemeinmedizin,
Zentrum für Public Health, MedUni Wien

 

„Honorierung teilweise unmoralisch gering“

 

Welche Positionen sind denn Ihrer Meinung nach obsolet?

Obsolet erscheint mir in unserem Leistungskatalog der BGKK nicht wirklich etwas, unmoralisch die Honorierung so mancher Positionen (z.B. Katheter setzen 3,76 Euro, Rektaluntersuchung 2,69 Euro).

Welche Leistungen fehlen im Leistungskatalog?

Eine adäquate Vergütung des Zeitaufwandes sowohl für Gespräch und Zuwendung als auch für bürokratischen Mehraufwand (ABS, Dokumentationen etc. – gar nicht zu denken, wie das ausufern kann, wenn ELGA kommt …) fehlt wirklich.

Wie könnte man den Leistungskatalog verbessern?

Ich bin der Meinung, dass der Leistungskatalog besonders in der Allgemeinmedizin vereinfacht und entrümpelt werden müsste. In der Unzahl der Positionen ist man oft in Gefahr, verschiedene Positionen einfach zu vergessen. Ein Beweis dafür ist, dass „neue Leistungen“ nach Einführung oft nur in einem geringen Maße ausgeschöpft werden. Ein Beispiel aus Baden-Württenberg und dem dortigen Hausarztmodell zeigt, dass eine Honorarordnung, „die auf einem Bierdeckel Platz hat“, trotzdem die Bedürfnisse abdeckt.

Was denken Sie über die von Bundesland zu Bundesland unterschiedliche Honorierung von Leistungen?

Dafür gibt es keinerlei Berechtigung. Die Honorierung sollte schon längst bundesweit angeglichen werden.

 

Dr. Thomas Horvatits
Arzt für Allgemeimedizin, Kobersdorf
Präsident der BUGAM

„Honorar für chirurgische Eingriffe erhöhen“

 

Welche Positionen sind obsolet?

Der Leistungskatalog aller Kassen gehört generell überarbeitet. So gibt es bei der NÖGKK die Position Nr. 11 (= Konsilium am Krankenbett), die wir noch nie abgerechnet haben.
Andere Positionen, auf die verzichtet werden kann, gehen von Eigenblutinjektion und Aderlass über Parazentese des Trommelfells bis Naht eines Dammrisses III inklusive Naht der Sphinctermuskulatur oder Zahnextraktion.

Welche Leistungen fehlen im Leistungskatalog?

Eine Honorierung für die oft sehr aufwändigen Verbandswechsel z.B. bei Ulzera cruris, auch wenn kein Kompressionsverband angelegt wird, Verbandswechsel bei Kleinkindern, z.B. bei Verbrennungen, Nahtentfernungen, die manchmal lange dauern. Das Anlegen einer Schiene zum Ruhigstellen von Fingern oder Handgelenken etc. bei Infektionen oder bei gelenksnaher Naht ist essenziell, kann aber überhaupt nicht abgerechnet werden. Es fehlen Positionsnummern für die Entfernung von Fremdkörpern aus dem Auge (z.B. unter dem Lid). Auch das Entfernen eines Rings, der nicht mehr vom Finger geht, ist keine triviale Aufgabe. Die Kontrolle der Antikoagulation beim Hausbesuch mit dem CoaguChek®-Gerät ist aufwändiger als in der Ordination und sollte einen Zuschlag bekommen (wie beim EKG!). Ohrenspülungen bei Hausbesuchen gehören höher honoriert. Auch bedeutet die Blutabnahme beim Hausbesuch einen Mehraufwand, der abgegolten werden sollte, ebenso wie das Stellen eines Kurantrages, was oft geraume Zeit in Anspruch nimmt. Ein schriftlicher Bericht, den Patienten vor Operationen mitbekommen (mit Diagnosen, Allergien, Risiken, Dauermedikamenten und besonderen Hinweisen für die Anästhesie und den Operateur) wird nicht honoriert, obwohl dafür schon manchmal 15–20 Minuten vergehen.
Die ärztliche Koordinationstätigkeit wird immer aufwändiger und wird bei der Gebietskasse überhaupt nicht honoriert.
Was die Laborwerte betrifft, so sind folgende Untersuchungen heute nicht mehr wegzudenken und gehören unbedingt adäquat honoriert: D-Dimertest auf Thrombose und Lungenembolie, der Troponin-Test auf Herzinfarkt sowie Schnelltests auf Streptokokkeninfekte im Rachenbereich und auf Influenza und andere Viruserkrankungen.

Wie könnte man den Leistungskatalog verbessern?

Insgesamt müssen die Honorare für alle kleinen chirurgischen Eingriffe und Wundversorgungen deutlich erhöht werden, da der Aufwand für das sterile Material, die Reinigungsarbeiten nach dem Eingriff und die Sterilisation hoch ist. Das Honorar für die rektale Untersuchung oder für die Ohrenspülung ist lachhaft niedrig, ebenso gehört das Honorar für das Setzen eines Katheters erhöht.

Was denken Sie über die von Bundesland zu Bundesland unterschiedliche Honorierung von Leistungen?

Man kann schon über gewisse Vereinheitlichungen nachdenken, aber trotzdem wird es bundesländerweise Unterschiede geben. Ein Hausbesuch in Tirol auf der Alm ist wohl ungleich aufwändiger als in der Großstadt.

 

Dr. Karl Danzinger
Arzt für Allgemeinmedizin, Allentsteig

Dr. Gustav Kamenski
Arzt für Allgemeinmedizin, Angern/March
Präsident der NÖGAM

 

In der nächsten Ausgabe lesen Sie die Antworten aus den anderen Bundesländern.