Künstliche Intelligenz (KI) wird bei Pflegenden noch eher skeptisch wahrgenommen. Genau deshalb zog sich dieses Thema wie ein roter Faden durch das Seminarprogramm 2025 hindurch. In einem Einführungsvortrag wurde die Frage aufgenommen, was KI besser kann als der Mensch – oder umgekehrt. Wir lernten, dass die Frage so falsch gestellt ist. Sie müsste heißen: Wofür ist jede Art von Intelligenz optimiert? Wie lassen sich beide zum Wohl der Patient:innen kombinieren? Der Referent brachte es so auf den Punkt: Die menschliche Intelligenz lebt in der Umwelt der Begegnungen. Die KI „lebt“ in der Umwelt der Berechnungen. Aber Achtung: Der eindrückliche Referent (W. Wiemeyer) demonstrierte in einem Live-ChatGPT-Chat, dass KI selbst zu einem hilfreichen Gesprächspartner werden kann – vorausgesetzt, dass wissende Profis einfühlsam die richtigen Fragen stellen.
So wurde es für manche Teilnehmende erstmals deutlich, dass diese neue Welt auch vor der Pflege nicht Halt macht. KI in der Arzneimitteltherapie, DiGA-Apps auf Rezept für die Bewegung, KI-Tools im Symptommanagement – das sind nur wenige Themen, die aus der wachsenden Vielfalt heraus vorgestellt wurden. Teilnehmende hatten auch die Gelegenheit, sich in einem Workshop praktisch mit den allgemeinen Angeboten, wie ChatGPT, Copilot, Claude, Le Chat etc., anzufreunden – und diskutierten Chancen, Grenzen sowie ethische Aspekte dieser neuen Technologien. Es wurde klar, dass die KI den größten Mehrwert bringt, wenn Fachpersonen die wissende und kontrollierende Instanz bleiben. Dies zeigte sich besonders bei der Frage, ob zukünftig nur noch KI oder weiterhin evidenzbasierte Leitlinien im Symptommanagement sinnvoll sind.
Die Vorträge und Workshops zeigten aber auch auf, dass trotz zahlreicher digitaler Angebote wie Webinare, Podcasts oder Apps der persönliche Beratungsbedarf in der Pflege groß bleibt, sei es im Bereich Sexualität, der Beratung bei Chemotherapie oder bei der Unterstützung junger Angehöriger. Die Rezidivangst bleibt ein psychoonkologisches, persönliches Thema für Pflegende, so auch Versorgungslücken in der palliativen Versorgung zu Hause. Hohe Hürden und Sensibilitäten erfordern viel Reflexion, Training, Austausch und Anleitung.
Sehr anregend wurde auch die persönliche Patientinnenperspektive erlebt – eine sehr junge Frau teilte mit uns ihre Erfahrungen als Betroffene von Brustkrebs und zugleich als Trägerin einer BRCA-Mutation. Sie wurde leider nicht vor unglaublichen Fehlleistungen in der Abklärungsphase verschont – und es zeigte sich, dass sie als Betroffene gar mit Falschaussagen im Bereich der jüngeren Wissenschaft Krebsgenetik konfrontiert wurde. Das Überleben nach diesen traumatischen Erlebnissen hat ihr zu bewundernswertem Wachstum verholfen, sodass sie jetzt auf ihre Weise wieder anderen Betroffenen helfen kann. Die Seminarteilnehmenden waren tief beeindruckt, und in der Evaluation zeigte sich, dass sie den Rang der besten Referentin des Seminars erreichte.
Weitere hervorragende Referent:innen aus Pflegewissenschaft und Medizin vermittelten ein Update zu aktuellen Praxisthemen wie zum Beispiel in medizinischer und radiotherapeutischer Onkologie, Mikrochirurgie bei schwerem Lymphödem, Knochengesundheit nach Krebs. Ein Einblick in das ganze Seminarprogramm ist für Interessierte auf www.sonk.ch möglich.
Ein präventionsorientiertes Abschlussreferat brachte die Kritik an der Werbung der Tabakindustrie in den Fokus. Was heißt iQOS? Es ist die Abkürzung für „I quit ordinary smoking“, was nichts anderes bedeutet als „Ich höre auf, normal zu rauchen“. Dafür rauchen nun viele Jugendliche die „nicht-ordinary“ E-Zigaretten, die sich in den letzten Jahren rasant verbreitet haben und heute als Einstieg zur Nikotinabhängigkeit gelten. Kinder und Jugendliche, die E-Zigaretten dampfen, haben ein 3- bis 4-fach erhöhtes Risiko, mit dem Tabakrauchen zu beginnen. E-Zigaretten werden nicht als Tabakprodukte, sondern als harmlose Verdampfer wahrgenommen. Das muss uns als Beauftragte im Gesundheitswesen, insbesondere in der Onkologie, kritisch stimmen.
Teilnehmende bestätigten, dass die Gespräche mit Kolleg:innen aus anderen Spitälern neue Perspektiven eröffnet hätten. Persönliche Begegnungen und das Netzwerken in den Pausen wurden sehr geschätzt. „Es war wertvoll zu sehen, wie andere Institutionen mit den aktuellen Herausforderungen umgehen“ – ein Kommentar, der für die Teilnahme an Weiterbildungen vor Ort spricht. Das ist menschliche Intelligenz in der Umwelt der Begegnungen.
Ankündigung: Das nächste Onkologiepflege-Seminar findet von 27. bis 28. August 2026 in St.Gallen statt.
Bleibe informiert über: www.sonk.ch