Beratungsleitfaden: Herpes labialis

Die Anzahl der Rezidive beschränkt sich bei den meisten Personen auf weniger als 2 pro Jahr, 5 bis 10 % der Betroffenen erleiden jedoch 6 und mehr Rezidive jährlich. Weltweit sind 70 bis 90 % aller Erwachsenen Träger des Herpes-simplex-Virus 1 (HSV-1).

Die überwiegend asymptomatisch verlaufende Primärinfektion mit HSV-1 findet in der Regel im Kindesalter statt. Die Ansteckung erfolgt meist durch die Mutter oder durch Kontakt mit anderen Kindern. Bei 5–10 % der Kinder manifestiert sich die Primärinfektion als Gingivostomatitis herpetica mit zahlreichen kleinen schmerzhaften Bläschen auf dem Zahnfleisch und auf der Innenseite der Wangen, aber auch auf der Zunge, den Lippen oder der Haut im Bereich um den Mund. Nach der Erstinfektion wandert das Virus über die Nervenbahnen in das Trigeminusganglion oder auch in die Spinalganglien ein, wo es latent persistiert und durch Reaktivierung zu Rezidiven führen kann.

Normalerweise verläuft die Erkrankung unkompliziert und heilt nach 10 Tagen ab. Eine Primärinfektion bei Erwachsenen manifestiert sich meist als ulzeröse Pharyngitis, die sehr schwer von anderen Infektionen der oberen Atemwege zu unterscheiden ist.

Auf den ersten Blick – Wirksames für die Selbstmedikation

Für alle gilt: Je früher angewandt, desto wirksamer!

  • Nukleosid-Analoga (Aciclovir, Penciclovir): hemmen die Synthese der viralen DNS, Verkürzung der Abheilzeit
  • Aciclovir und Hydrocortison: antiviral und entzündungshemmend
  • Docosanol: verhindert Aufnahme und Replikation des Virus, wirkt nur in der frühen Phase
  • Selen mit Siliciumdioxid (als Spray): austrocknend, juckreizstillend
  • Zinkoxid: austrocknend
  • Zinksulfat mit Heparin-Natrium: schmerzstillend und kühlend
  • Melissen-Extrakt: hemmt das Eindringen der Viren in die Zelle
  • Hydrokolloid-Pflaster, Herpes-Pflaster: schnelle Abheilung in der späten Phase (Prinzip der feuchten Wundheilung)
  • Wärmestift: Temperatur von 50–51 °C soll das Andocken des Virus an gesunde Hautzellen verhindern
  • Lokalanästhetikum: bei starken Schmerzen

Empfehlungen für das Gespräch an der Tara

Fragen, um die Voraussetzungen für eine Selbstmedikation zu überprüfen:

  • Wer ist betroffen? Bei Schwangeren, Säuglingen und Kleinkindern ist eine Abklärung beim ärztlichen Fachpersonal unbedingt erforderlich.
  • Lokalisation der Beschwerden und Symptome? Beim Auftreten am Auge und an der Nase ist ein Arztbesuch zu empfehlen.
  • Welche Beschwerden liegen vor, und welches Herpesstadium liegt vor? Sind Begleitsymptome vorhanden?
  • Unter welchen Umständen treten die Beschwerden auf? UV-Strahlung, grippale Infekte, Stress, Übermüdung, hormonelle Umstellungen, Zahnarztbesuch u. a.
  • Welche Mittel bzw. Hausmittel wurden bisher ausprobiert? Mit welchem Erfolg?

Eine Lippenherpes-Episode dauert unbehandelt etwa 7 bis 10 Tage und ist in ihrem Verlauf typischerweise durch mehrere Phasen gekennzeichnet; diese können sich in der Dauer und im Schweregrad individuell sehr unterscheiden.

Mögliche Symptome:

  • Spannungsgefühl, Brennen, Jucken und Kribbeln
  • Ausbildung von kleinen, in Gruppen angeordneten Bläschen, die mit wässriger, hochinfektiöser Flüssigkeit gefüllt sind. Wenn diese „aufplatzen“, bildet sich eine Kruste.
  • Die Bläschen können auch rund um den Mund, auf den Wangen, am Naseneingang und auch an den Ohrläppchen auftreten ⇒ Arztbesuch empfehlen!

Wichtig! Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf die verschiedenen Triggerfaktoren – durch Selbstbeobachtung können die individuellen Rezidiv-auslösenden Faktoren erfasst werden:

  • Stress, Anspannung, Überforderung, Aufregungen
  • Infektionen
  • hormonelle Veränderungen ⇒ Menstruation, Schwangerschaft
  • intensive Sonneneinstrahlung (besonders UV-B)
  • extreme körperliche Belastung ⇒ immunsupprimierender Effekt von körperlicher Überbelastung (z. B. Leistungssport)
  • Schlafstörungen, chronische Müdigkeit
  • lokales Trauma (z. B. Permanent Make-up, Rasieren, Zahnarzt)

Zu beachten! Bei Personen mit Immundefiziten sind die Häufigkeit und der Schweregrad bei Reaktivierungen deutlich größer.

Beratungstipps

  • wenn möglich, bekannte Triggerfaktoren meiden
  • Sonnenschutzmittel mit einem hohen Lichtschutzfaktor auf Gesicht und Lippen auftragen
  • Um eine Übertragung der Viren (auch auf den Genitalbereich) zu verhindern, sind Hygienemaßnahmen besonders zu beachten, z. B. häufiges Händewaschen, Antiseptika zur Händedesinfektion, keine gemeinsame Benutzung von Gegenständen (z. B. Besteck, Gläser).
  • Stressmanagement, autogenes Training, Yoga
  • Zahnbürsten nach Abklingen der Infektion wechseln
  • Vorsicht beim Umgang mit Kontaktlinsen
  • Krustenbildung meiden ⇒ Herpes-Patches verwenden oder Lippen mit entsprechender Pflege geschmeidig halten, z. B. Dexpanthenol Augen- und Nasensalbe, Vitamin-A-Augensalben
  • Stärkung des Immunsystems, Einschränkung von Genussmitteln, ausgewogene Ernährung

Selbstmedikation

Sobald die ersten Anzeichen eines Rezidivs wie Spannen, Jucken und Brennen auftreten, sollte mit einer Therapie begonnen werden ⇒ sind die Bläschen erst mal sichtbar, ist die Virenvermehrung nicht mehr zu stoppen. Zur Therapie des Lippenherpes werden topische Anwendungen (Cremes, Gele, Salben, Spray) bevorzugt. Mit galenisch geeigneten Präparaten kann die Virusreplikation während der Rezidive unterbrochen und der klinische Verlauf abgemildert oder verkürzt werden.

Wichtig! Topische Anwendungen vorzugsweise mit einem Wattestäbchen auftragen, um eine Übertragung auf andere Hautareale zu vermeiden.

  • Nukleosid-Analoga ⇒ hemmen die Synthese der viralen DNS; Aciclovir 5-mal täglich für 5 Tage; Penciclovir 6-mal täglich für 5 Tage ⇒ Verkürzung der Abheilungszeit und Linderung der Schmerzen
  • Kombination Aciclovir und Hydrocortison ⇒ antiviral und entzündungshemmend: Hemmung der vom Virus ausgelösten Entzündung und Förderung der Wundheilung
  • Docosanol ⇒ verhindert die intrazelluläre Aufnahme und Replikation des Virus, wirkt nur in der frühen Phase
  • Kombination Selen mit Siliciumdioxid (als Spray) ⇒ fördert das Austrocknen und Abheilen der Bläschen, lindert Juckreiz
  • Zinkoxid ⇒ fördert die Wundheilung durch Austrocknung der Bläschen
  • Kombination Zinksulfat mit Heparin-Natrium ⇒ kann sowohl bei geschlossenen als auch offenen Bläschen angewendet werden, schmerzstillend und kühlend
  • Melissen-Extrakt ⇒ hemmt das Eindringen der Viren in die Zelle
  • Hydrokolloid-Pflaster, Herpes-Pflaster ⇒ sorgen für eine schnelle Abheilung in der späten Phase (Prinzip der feuchten Wundheilung). Die Patches sind (fast) unsichtbar und lassen sich gut überschminken, außerdem Reduktion der Ansteckungsgefahr.
  • Wärmestift ⇒ erhitzt die betroffenen Stellen auf 50–51 °C und verhindert auf diese Weise das Andocken des Virus an gesunde Hautzellen
  • Lokalanästhetikum ⇒ bei starken Schmerzen

Weitere Optionen:

  • L-Lysin ⇒ soll die Aufnahme von Arginin reduzieren, das die Herpesviren für die Vermehrung benötigen
  • Lippenpflege mit Melissen-Extrakt und UV-Schutz zur Vorbeugung
  • Schutzstift gegen Fieberblasen mit Echinacea und L-Lysin zur Stärkung der Widerstandskräfte
  • Lippenpflegestifte mit Sonnenschutzfaktor
  • Immunstimulanzien/-modulatoren, z. B. Echinacea, Thuja, Färberhülsenwurzel (besonders in der Remissionsphase)
  • Antiseptika bei Superinfektion der geschädigten Haut, z. B. Povidon-Jod
  • nichtsteroidale Antiphlogistika, wie z. B. Acetylsalicylsäure, Ibuprofen beim Auftreten schmerzhafter Bläschen
  • Homöopathie

Arztbesuch empfehlen:

  • Schwere Krankheitsverläufe und Komplikationen sind selten. Unter gewissen Umständen ist eine Abklärung beim Arzt notwendig:
  • Säuglinge, Kleinkinder
  • Schwangerschaft, Stillzeit
  • immunsupprimierte Personen
  • häufige Rezidiven > 6 Episoden/Jahr
  • bei fehlendem Behandlungserfolg nach spätestens 1 Woche
  • starke Bläschenbildung oder multifokale Ausprägung, z. B. Ausweitung auf Kinn und Nase
  • starke Lokalreaktion mit Schwellung und Rötung der Haut
  • Verdacht auf Vorliegen einer bakteriellen Superinfektion
  • Erkrankung, die nicht auf die Lippenregion begrenzt ist (Herpes genitalis, Herpes zoster, Keratitis herpetica)
  • bei Augenbeteiligung (bei Verschleppung in das Auge besteht Gefahr des Verlustes des Augenlichtes!)
  • Patient:innen mit Neurodermitis oder ausgedehnten Ekzemen (Gefahr des Ekzema herpeticatum)

Epilog

Durch das Wissen über Triggerfaktoren sowie notwendige Verhaltensmaßnahmen zur Vermeidung einer Reaktivierung können Rezidive vermieden werden.

Auch sollte der Hinweis nicht fehlen, dass Menschen ganz unterschiedlich auf die verschiedenen Triggerfaktoren reagieren. Eine Selbstbeobachtung ist wichtig, um die individuellen Rezidiv-auslösenden Faktoren zu erfassen.

Abwehrkräfte stärken

Da eine geschwächte Abwehrlage den Ausbruch von Herpesinfektionen begünstigt, ist eine allgemeine Stärkung der Abwehrkräfte (z. B. durch Saunabesuche, Wechselduschen, moderaten Ausdauersport und vitaminreiche Ernährung) als vorbeugende Maßnahme sinnvoll. Immunstimulierende Heilpflanzen wie Echinacea, Thuja, Färberhülsenwurzel, schwarze Holunderbeere, Zistrose und Kapland-Pelargonie haben eine anregende und unterstützende Wirkung auf das Immunsystem und stärken dieses in den Remissionsphasen.

Prophylaxe

Als vorbeugende Maßnahme bei häufig wiederkehrenden Rezidiven hat sich L-Lysin bewährt. L-Lysin ist eine essenzielle Aminosäure, die bei der unterstützenden Therapie von Herpes und der Präventivprophylaxe eingesetzt wird. L-Lysin verdrängt eine andere essenzielle Aminosäure, und zwar das L-Arginin, das bei der Vermehrung der Herpesviren eine ganz entscheidende Rolle spielt. L-Arginin ist in vielen Nahrungsmitteln (Nüsse, Schokolade, Erbsen, Weizenkeime, Kürbiskerne etc.) enthalten und hat sehr viele positive Wirkungen im Körper. Um die beiden Aminosäuren im Körper im Gleichgewicht zu halten bzw. sogar einen kleinen L-Lysin-Überschuss zu erreichen, ist die Substitution mit L-Lysin eine sinnvolle Maßnahme im „Kampf“ gegen Herpesviren.

Warnhinweise

Bereits ab dem ersten Kribbeln besteht hohe Ansteckungsgefahr. Aus diesem Grund soll während eines Bläschenschubs auf direkte und indirekte körperliche Kontakte (Küssen, Benutzen des gleichen Glases oder Bestecks) mit anderen Personen (insbesondere mit Säuglingen und Kleinkindern) verzichtet werden. Nach jeder Behandlung der Bläschen ist auf eine gründliche Handhygiene zu achten. Salben und Pasten können auch mithilfe eines Wattestäbchens aufgetragen werden, welches nach der Anwendung entsorgt wird. Kontaktlinsenträger sollen während der Infektion auf das Tragen von Linsen verzichten, da es beim Linsenwechseln zu einer gefährlichen Infektion der Augen kommen kann.