Beratungsleitfaden: Mund- und Zahnpflege

Unter „Mundhygiene“ versteht man alle Maßnahmen, die Zähne, Zahnfleisch, Zunge und Mundschleimhaut gesund erhalten. Immerhin putzen sich 70 % der Österreicher:innen 2-mal pro Tag die Zähne. Es gibt aber nach wie vor einen hohen Nachholbedarf bei der Reinigung der Zahnzwischenräume. Auch wenn die meisten Menschen wissen, wie wichtig die Pflege der Zahnzwischenräume ist, verwenden nur ca. 15 % Zahnseide oder Interdentalbürsten. Eine Parodontitis ist die häufigste Ursache für Zahnverlust im Erwachsenenalter. Faktoren wie starkes Rauchen, Diabetes, Stress und lokale chronische Reize lassen den Zahnhalteapparat auf Bakterien empfindlicher reagieren. Aber auch genetische Faktoren scheinen eine Rolle zu spielen. Wenn die Zahnfleischentzündung über längere Zeit unbehandelt bleibt, kann sich eine Parodontose mit Knochenabbau, Zahnlockerung und schließlich Zahnverlust entwickeln.

Auf den ersten Blick – Wirksames für die Selbstmedikation

  • Desinfizienzien/Antiseptika: Amin-/Zinnfluorid, Chlorhexidin, ­Dequaliniumchlorid, Hexetidin, PVP-Jod, ätherische Öle
  • Pflanzenextrakte (entzündungshemmend, adstringierend und keimabtötend): Kamillenblüten, Salbei, Myrrhe, Rhabarberwurzel, Echinacea-Extrakt
  • Lokaltherapeutika: Benzydaminhydrochlorid (antiseptisch, entzündungs­hemmend und oberflächlich anästhesierend);Lidocain, Polidocanol ­(schmerzlindernd); ­Cholinsalicylat (schmerzstillend und entzündungshemmend); Dexpanthenol ­(fördert die Wundheilung); Hyaluronsäure; flüssiges Koenzym Q10
  • weitere Optionen: synthetischer Speichelersatz; Chlorophyll, Zinkazetat ­(Mundgeruch)
  • Zahnpflege: Fluoridierungsmaßnahmen, enzymhaltige Präparate

Empfehlungen für das Gespräch an der Tara

Fragen, um die Voraussetzungen für eine Selbst­medikation zu überprüfen:

  • Welche Beschwerden liegen vor (Schmerzen, Parodontose, Zahnfleischentzündung, Aphthen, Mundgeruch, Karies, Soor, Probleme mit Prothesen)?
  • Seit wann bestehen die Beschwerden?
  • Unter welchen Bedingungen treten die Beschwerden bevorzugt auf?
  • Liegt eine zahnärztliche Diagnose und/oder Empfehlung vor?
  • Welche Maßnahmen wurden bereits eingeleitet? Waren diese erfolgreich?

In der Mundhöhle wurden mehr als 700 verschiedene Mikroorganismen nachgewiesen. Sofort nach dem Zähneputzen legt sich wieder ein Speichelfilm (Pellikel) um die Zähne, an den sich aerobe Bakterien anhaften (z. B. Streptococcus mutans, der Haupterreger von Karies). Wenn die Plaque nicht entfernt wird, entsteht ein komplexer Biofilm (enthält auch anaerobe Bakterien, wie Porphyromonas gingivalis, verantwortlich für Parodon­titis), und nach einigen Tagen lagert sich Kalzium aus dem Speichel vor allem an der Zahninnenseite ein. Der Zahnbelag wandelt sich langsam in Zahnstein um; Farbstoffe aus Rotwein, Kaffee, Tee oder Tabak können zu unschönen Verfärbungen führen.

Mögliche Erkrankungen in der Mundhöhle

Wird Plaque nicht regelmäßig mechanisch entfernt, entzündet sich das Zahnfleisch und kann sich zurückbilden ⇒ Zahnfleischbluten, Mundgeruch, erhöhte Schmerzempfindlichkeit durch freiliegende Zahnhälse.

Gingivitis: Durch bakterielle Zahnbeläge verursachte Zahnfleischentzündung; diese ist noch reversibel und kann sich durch intensive Mundpflege zurückbilden.

Stomatitis: Entzündung der Mundschleimhaut, meist ausgehend von einer Gingivitis

Parodontitis: Entzündung des Zahnhalteapparates; bei etwa 10 % der Betroffenen mit Gingivitis entsteht eine Parodontitis, häufigste Ursache für Zahnverlust im Erwachsenenalter; Parodontitis muss zahnärztlich behandelt werden, sonst drohen langfristig Zahnausfall durch Lockerung des Halteapparates, Verlust von Kieferknochen

Karies: weltweit die häufigste chronische Erkrankung; bei ca. 80–90 % der Menschen ist Streptococcus mutans in der Mundhöhle nachweisbar ⇒ metabolisiert Zucker aus der Nahrung zu schwachen Säuren; der daraus resultierende saure pH-Wert demineralisiert den Zahnschmelz, Kalzium und Phosphat werden herausgelöst, der Zahnschmelz wird porös, und es kommt zu Läsionen.

Erosionen: ausgelöst durch starke Säuren wie Phosphor- oder Zitronensäure, die in Getränken vorkommen (z. B. Softdrinks); zerstören bei häufigem Genuss irreversibel große Flächen des Zahnschmelzes und der darunter liegenden Dentinschicht; bis zu 40 % der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind davon betroffen.

Candida-Stomatitis (Mundsoor): Candidamykose der Mundschleimhaut mit einem typisch weißlichen flächigen Belag auf der Zunge und Wangenschleimhaut.

Aphthen: kleine, entzündete, äußerst schmerzhafte Bereiche im Mund ⇒ hauptsächlich an der Wangenschleimhaut, aber auch auf der Zunge und am Gaumen

Herpes simplex – Stomatitis aphthosa: HSV Typ 1 ist die am häufigsten vorkommende Art und in der Regel auf Mund und Lippen begrenzt.

Mundtrockenheit (Xerostomie): Verminderte Produktion von Speichel durch die Speicheldrüsen; die Ursachen können Flüssigkeitsmangel (zu geringe Trinkmenge), Flüssigkeitsverlust durch Schwitzen, Fieber, Durchfall, Erbrechen, Nebenwirkung von Medikamenten (Antidepressiva, Neuroleptika, Antiparkinsonmittel, Schlaf- und Beruhigungsmittel, Antihistaminika, Betablocker, Kalziumantagonisten, Diuretika, Retinoide), Kaffee, Nikotin und Atmung durch den Mund bei behinderter Nasenatmung sein.

Mundgeruch (Halitosis): verursacht durch mangelnde Mund- und Zahnhygiene oder schlechte Prothesenreinigung, Karies, Entzündungen im Mund- und Rachenraum, Austrocknen der Mundschleimhaut, Zungenbelag, aber auch Sinusitis, COPD und Magenerkrankungen

Einige Erkrankungen manifestieren sich in der Mundhöhle (z. B. AIDS, M. Crohn, Pemphigus vulgaris, Lupus erythematodes) ⇒ diagnostische Bedeutung der Mundhöhle bei der Früherkennung von Allgemeinerkrankungen.

Weitere Beschwerden in Mund und Rachen

    • weißlicher Zungenbelag (⇒ Verdacht auf Mundsoor)
    • Mundtrockenheit
    • Aphthen
    • Herpes simplex
    • mangelhafte Prothesenpflege, ­schlechtsitzende Prothese
  • Verbrennungen

Selbstmedikation

Bei ungewissem Gesundheitsstatus von Zahnfleisch, Mundhöhle und/oder Mundschleimhaut ist die Selbstmedikation nur als Erste-Hilfe-Maßnahme bzw. als Überbrückung bis zum Arztbesuch zu sehen.

Mund- und Rachentherapeutika:

z. B. in Form von Gurgellösungen, Mundspülungen, Sprays, Pinselungen und Lutschtabletten.

Desinfizienzien/Antiseptika:

  • Amin-/Zinnfluorid
  • Chlorhexidin
  • Dequaliniumchlorid
  • Hexetidin
  • PVP-Jod
  • ätherische Öle

Pflanzenextrakte: entzündungshemmend, adstringierend und keimabtötend

  • Kamillenblüten, Salbei, Myrrhe
  • Rhabarberwurzel
  • Echinacea-Extrakt

Lokaltherapeutika

  • Benzydaminhydrochlorid ⇒ antiseptisch, entzündungshemmend und oberflächlich anästhesierend (Pastillen, Spray, Gurgellösung)
  • Lidocain, Polidocanol ⇒ schmerzlindernd
  • Cholinsalicylat ⇒ schmerzstillend, entzündungshemmend
  • Dexpanthenol ⇒ fördert die Wundheilung
  • Hyaluronsäure (0,2 %) ⇒ Linderung der Symptome von Parodontopathien (Gingivitis, Parodontitis)
  • flüssiges Koenzym Q10 (Spray) zur Entzündungshemmung bzw. zur Reduktion von Entzündungen

Weitere Optionen

  • synthetischer Speichelersatz
  • Chlorophyll gegen Mundgeruch
  • Zinkazetat zur Bindung von Schwefelverbindungen bei Mundgeruch

Empfehlungen zu Zahnpflege

  • Fluoridierungsmaßnahmen ⇒ Zahnpasten, Zahngele und Zahnlacke, Mundspüllösungen, Fluortabletten
  • Zahnpaste mit Aminfluorid (einige Minuten einwirken lassen)
  • enzymhaltige Präparate, z. B. mit Pepsin, Amylase, verschiedenen Proteasen u. a.

Beratungstipps

Wichtig! Regelmäßigen Zahnarztbesuch und professionelle Mundpflege empfehlen!

  • täglich morgens und abends mechanische Plaque-Entfernung, bevorzugt mit einer elektrischen Zahnbürste (Zahnbürste von Zahn zu Zahn führen und kurz anhalten)
  • Zähne erst 30 Min. nach Genuss von säurehaltigen Getränken putzen oder vorher mit Wasser spülen
  • zusätzlich Zahnseide und/oder Zahnzwischenraumbürste verwenden
  • als Ergänzung zum Zähneputzen bevorzugt abends: Verwendung einer plaqueauflösenden, fluoridhaltigen Spüllösung, mindestens 30 Sek. spülen
  • Zahnbürsten alle 1 bis 2 Monate wechseln
  • Zahnbürste nach Gebrauch mit dem Kopf nach oben trocknen lassen; nicht in einer Hülle aufbewahren
  • Zungenbürste bei Zahnbelag und Mundgeruch
  • Zahnersatz mindestens einmal täglich außerhalb des Mundes reinigen und unter fließendem Wasser abspülen
  • zuckerreduzierte Ernährung
  • gutes und richtiges Kauen
  • Zuckerfreie Kaugummis oder Pastillen überdecken Mundgeruch und fördern die Speichelbildung.
  • Rauchen meiden

Arztbesuch unbedingt empfehlen bei

  • Zahnschmerzen
  • blutenden, schlecht verheilenden Wunden
  • Knoten und Verdickungen
  • Schluck- und Kaubeschwerden
  • Eiterbildung am Zahnfleisch
  • Verdacht auf fortschreitende Parodontitis
  • Zahnfleischbluten bei jedem Zähne­putzen/Essen

Epilog

Gesunde Zähne und ein gesundes Zahnfleisch sind das Ergebnis sorgfältiger Mundhygiene und ­regelmäßiger Zahnarztbesuche.

Die S2k-Leitlinie zur Kariesprophylaxe bei bleibenden Zähnen enthält sieben Kernempfehlungen für Patient:innen und Ärzt:innen zur Kariesprophylaxe. Die Empfehlungen sind praxisnah und sollten eine möglichst breite Zielgruppe ansprechen.

Leitlinie zur Kariesprävention für bleibende Zähne

Die sieben Empfehlungen der Leitlinie sehen vor, dass die/der Patient:in drei Maßnahmen täglich selbst anwenden kann und die restlichen vier in Absprache mit der/dem Zahnärzt:in durchgeführt werden.

Maßnahmen der Patientin/des Patienten

  • Biofilm entfernen, d. h. tägliche und gewissenhafte Mundhygiene 2-mal täglich zwei bis drei Min. lang mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta. Durch das Putzen und die Verwendung von Zahnzwischenraumbürsten und/oder Zahnseide sollen der bakterielle Biofilm (Plaque) und Speisereste möglichst vollständig entfernt werden.
  • Zahnfreundliche Ernährung mit wenig Zucker (Reduktion von zuckerhaltigen Speisen und Getränken). Die Bakterien im Biofilm wandeln Zucker in Säuren um, die dem Zahnschmelz Mineralien entziehen und ihn angreifen. Es wird empfohlen, auf zahnfreundliche Süßungsmittel umzusteigen, z. B. Xylit.
  • Zuckerfreien Kaugummi nach den Mahlzeiten kauen, um den Speichelfluss anzuregen, die Selbstreinigung des Mundes zu fördern und die zahnschädlichen Säuren zu neutralisieren.

Maßnahmen bei der Ärztin/beim Arzt

  • Prophylaxeprogramme nutzen
  • Fluoridierungsmaßnahmen
  • Chlorhexidin-Lack (Chlorhexidinanteil von mindestens 1 %) zum Schutz durchbrechender bleibender Zähne oder freiliegender Wurzelbereiche.
  • Fissurenversiegelung (Backenzähne) ⇒ sinnvoll bei kariesgefährdeten Fissuren (Grübchen); empfehlenswert für Kinder und Jugendliche, kann aber im Einzelfall auch das Kariesrisiko von Erwachsenen senken.

Zahnpasten mit Fluorid verwenden

Die Anwendung fluoridhaltiger Zahnpasten 2-mal täglich ist laut S2k-Leitlinie eine wichtige Maßnahme zur Kariesprophylaxe. Fluoride verhindern die Entmineralisierung des Zahnschmelzes durch Bildung einer Kalziumfluorid-Schutzschicht mit dem Kalzium aus dem Speichel. Diese Schutzschicht muss 2-mal täglich erneuert werden.

Flüssiger Zahnschmelz

Mikrofeines Hydroxylapatit lagert sich in einer hauchdünnen Schicht auf den Oberflächen an und bildet bei regelmäßiger Anwendung eine schützende Schicht aus künstlichem Zahnschmelz auf der Zahnoberfläche.

Mundspülungen

„Mundwasser“ ist ein Oberbegriff, hinter dem sich verschiedene Produkte und Anwendungsbereiche verbergen. Das klassische Mundwasser ist meist ein Konzentrat mit einem hohen Anteil an ätherischen Ölen und wird vor der Anwendung mit Wasser verdünnt. Im Gegensatz dazu sind „Mundspüllösungen“ schon fertig für den Gebrauch. Vor allem Erwachsene mit Zahnfleischproblemen oder Parodontitis sollten Mundspülungen langfristig und regelmäßig anwenden. Sie sollen die Mundpflege unterstützen, dürfen jedoch das Zähneputzen und die mechanische Plaque-Entfernung (z. B. Zahnseide, Interdentalbürsten) nicht ersetzen.