Das 5A-Modell in der Adipositasberatung

Menschen mit Adipositas erleben im Gesundheitswesen häufig Stigmatisierung und Schuldzuweisungen. Apotheker:innen kommt als niederschwellige Anlaufstellen eine wichtige Rolle zu: Sie können frühzeitig beraten, motivieren und Betroffene dabei unterstützen, realistische Therapieziele zu entwickeln. Entscheidend ist hierbei ein sensibler Umgang mit dem Thema. Adipositas sollte nicht als mangelnde Disziplin verstanden werden, sondern als chronische Erkrankung mit genetischen, hormonellen, psychosozialen und umweltbedingten Einflussfaktoren.

Beratung nach dem 5A-Modell

Für die Gesprächsführung empfehlen internationale Leitlinien zunehmend das sogenannte 5A-Modell. Ursprünglich aus der Raucherentwöhnung stammend, wurde es mittlerweile auf die Adipositasberatung übertragen.

Der erste Schritt („Ask“) besteht darin, das Thema respektvoll anzusprechen und zunächst um Erlaubnis zu fragen, über das Gewicht sprechen zu dürfen. Aufgrund negativer Erfahrungen reagieren viele Betroffene sensibel oder ablehnend auf das Thema. Eigenmotivation ist jedoch wichtig für den Erfolg der Therapie.

Im zweiten Schritt („Assess“) werden alle zur Anamnese benötigten Daten erhoben. Dazu zählen Essgewohnheiten, Bewegung, Schlaf, Stressbelastung, Begleiterkrankungen sowie bisherige Abnehmversuche. Wichtig ist dabei ein ganzheitlicher Blick auf die individuelle Lebenssituation.

Anschließend folgt im dritten Schritt („Advise“) die evidenzbasierte Information über gesundheitliche Risiken und realistische Therapieziele, wobei die Patient:innen über verschiedene Behandlungsoptionen aufgeklärt werden sollen. Bereits eine Gewichtsreduktion von 5–10 % kann Blutdruck, Blutzucker und metabolische Parameter deutlich verbessern.

Im Rahmen des vierten Schrittes („Agree“) sollten gemeinsam erreichbare Ziele definiert werden. Im Zuge des Shared-Decision-Making-Prozesses können Interventionen realistisch geplant werden.

Der letzte Schritt („Assist“) umfasst die langfristige Unterstützung bei der Überwindung etablierter Verhaltensmuster. Patient:innen kann auch von Apotheker:innen bei der Einführung neuer Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten geholfen werden, am besten eignet sich jedoch das Einbeziehen einer Bezugsperson.

Realistische Therapieziele setzen

Im Beratungsgespräch sollte vermittelt werden, dass bereits eine moderate Gewichtsreduktion klinisch relevante Vorteile bringen kann. Crash-Diäten oder stark restriktive Ernährungsformen führen häufig zu kurzfristigen Erfolgen mit anschließendem Jo-Jo-Effekt. Empfehlenswert sind deshalb langfristig umsetzbare Veränderungen des Lebensstils mit ausgewogener Ernährung, regelmäßiger Bewegung und ausreichend Schlaf.

Möglichkeiten der Selbstmedikation

Im Bereich der Selbstmedikation stehen nur wenige evidenzbasierte Optionen zur Verfügung. Ballaststoffpräparate können das Sättigungsgefühl unterstützen, ersetzen jedoch keine langfristige Lebensstiländerung. Pflanzliche „Fatburner“ oder Detox-Produkte sollten kritisch bewertet werden, da für viele Präparate keine ausreichende Evidenz vorliegt. Auch Nahrungsergänzungsmittel zur Gewichtsreduktion sind häufig mit unrealistischen Werbeversprechen verbunden.

Moderne Pharmakotherapie

In den vergangenen Jahren hat die medikamentöse Therapie der Adipositas deutlich an Bedeutung gewonnen. Insbesondere GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid zeigen relevante Effekte auf Gewichtsreduktion und metabolische Kontrolle. Dennoch handelt es sich nicht um „Lifestyle-Medikamente“, sondern um Therapien für ausgewählte Patient:innen im Rahmen eines umfassenden Behandlungskonzeptes.