Demenzvorbeugung: Hypertonie meiden, bewusst leben

Im Mai dieses Jahres hat die Weltgesundheitsorganisation WHO erstmals eine Leitlinie zur Demenzprävention („Risk Reduction of Cognitive Decline and Dementia“) veröffentlicht. Die ­Guidelines enthalten zahlreiche Empfehlungen für eine Modifikation des Lebensstils und eine Bewertung der Evidenz für die Wirksamkeit der Maßnahmen.

Maßnahmen mit hohem Empfehlungsgrad sind demnach:1

  • körperliche Aktivität
  • Einstellen des Tabakkonsums
  • Blutdruckmanagement
  • Diabetesmanagement

Sport und Bewegung, eine gute Einstellung des Blutdrucks und ein gutes Diabetesmanagement mit entsprechenden Lebensstilinterventionen werden mit mittlerer Evidenz bewertet. Hinsichtlich eines Rauchstopps ist die Evidenz derzeit interessanterweise noch niedrig. Weitere Empfehlungen betreffen eine ausgewogene Ernährung, eine Umstellung auf mediterrane Kost, die Einstellung eines Normalgewichts, Dyslipidämiemanagement und Interventionen bei Alkoholkonsum in schädlichen Mengen. All diese Maßnahmen sollen zum Einsatz kommen, wenn die Kognition noch nicht beeinträchtigt ist. Hinsichtlich sozialer Aktivitäten verweist die WHO darauf, dass es keine Beweise für eine Reduktion des Demenzrisikos gibt. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, wie wichtig die Teilnahme am sozialen Leben für das Wohlbefinden und die Gesundheit im Allgemeinen ist. Als niedrig stuft man auch die Evidenz für kognitives Training ein, dennoch wird eine bedingte Empfehlung für derartige Aktivitäten ausgesprochen. Bei der Einschätzung zum Beitrag von Depressionen halten sich die WHO-Experten zurück. In der Leitlinie heißt es nur, dass Belege fehlen, wonach die Verabreichung von Antidepressiva das Risiko für Demenz senkt.1

Auch die Deutschen Gesellschaften für Neurologie und Psychiatrie haben in ihrer S3-Leitlinie „Demenzen“ aus dem Jahr 2016 ein kleines Kapitel zu Vorbeugung und möglichen Risikofaktoren verfasst. Man empfiehlt darin regelmäßige körperliche Bewegung sowie aktives geistiges und soziales Leben. Auch in dieser Leitlinie wird festgehalten, dass vaskuläre Risikofaktoren und Erkrankungen wie Hyper­tonie, Diabetes mellitus, Hyperlipidämie und Adipositas erhebliche Risikofaktoren für eine spätere Demenz darstellen. Eine frühzeitige leitliniengerechte Behandlung trage daher zur Primärprävention einer späteren Demenz bei.2

Einige Studien haben ergeben, dass leichter bis moderater Alkoholkonsum protektive Effekte bezüglich des Auftretens einer Demenz zeigt. Die Autoren der S3-Leitlinie äußern sich dazu allerdings klar. Es sei nicht möglich, eine Schwellendosis wie auch eine bestimmte Art des Alkohols anzugeben. Außerdem wird aufgrund der toxischen Eigenschaften Alkohol nicht zur Prävention von Demenz empfohlen.2

Ernährung gegen Gedächtnisabbau

Auch wenn für Demenzvorbeugung durch Ernährung noch klare, eindeutige Beweise fehlen, so gibt es immerhin zahlreiche Publikationen, in denen für eine bestimmte Zusammenstellung der Kost positive Effekte auf die Gedächtnisleistung nachgewiesen wurden. Ein Review (bestehend aus 18 Studien) aus dem Jahr 2016 kam zu dem Schluss, dass sich die mediterrane Kost vorteilhaft auf das Gedächtnis und die Sprachbeherrschung auswirkt. Wissenschafter vermuten, dass eine Kombination der mediterranen Kost mit der DASH-Diät (Dietary Approaches to Stop Hypertension) die positiven Effekte verstärkt.3 Bei der DASH-Diät werden zuckerarme, fettarme und salzarme Lebensmittel bevorzugt. Die Diät wurde speziell für Bluthochdruckpatienten entwickelt.
Weiters gibt es auch Belege, wonach Grünteeextrakt und eine gute Versorgung mit Beta-Carotin und Vitamin D den kognitiven Abfall bremsen können.3 In der VITACOG Study wurden Auswirkungen einer Vitamin-B-Supplementierung bei Personen über 70 Jahren untersucht. Verglichen mit Placebo ergab sich eine signifikante Verzögerung des kognitiven Abbaus durch die Kombination aus Vitamin B6, Vitamin B12 und Folat. Dieser Effekt lag vermutlich an der Reduzierung von Homozystein.4 In der Finnish Diabetes Prevention Study verbesserte eine Senkung des Anteils an gesättigten Fettsäuren in Kombination mit einer Steigerung der körperlichen Aktivität die kognitive Performance bei übergewichtigen Personen mit einem Durchschnittsalter von 68 Jahren.

 

Natürliche Substanz als Gedächtnisstütze

Interessante Forschungsansätze gibt es zur Substanz Spermidin, die natürlicherweise in Weizenkeimen, grünem Pfeffer, Birnen, Pilzen, reifem Käse, Soja, Erbsen und Brokkoli vorkommt. In einer Studie an der Berliner Charité wurde der Einfluss eines spermidinreichen Weizenkeimextrakts auf die Lernfähigkeit und das Gedächtnis von älteren Personen mit Abnahme der Gedächtnisleistung untersucht. Erste Ergebnisse zeigen, dass der Pflanzenextrakt im Vergleich zur Placebo-Kontrollgruppe Verbesserungen erwirkte.* Univ.-Prof. Dr. rer. nat. Frank Madeo vom Institut für Molekulare Biowissenschaften der Universität Graz forscht intensiv zu diesem Thema und hat eine Erklärung für den möglichen Wirkmechanismus: „Es wurde gezeigt, dass Spermidin einen zellulären Reinigungsprozess auslöst, infolgedessen steigt die Erinnerungsleistung älterer Gehirne von Fruchtfliegen wieder auf jugendliches Niveau. Erinnerungsprozesse bei tierischen Organismen wie Fliegen oder Mäusen sind auf molekularer Ebene jenen des Menschen ähnlich.“ Madeo verweist auf die Tatsache, dass die Konzentration von Spermidin im Körper mit steigendem Alter abnimmt. „In Tierversuchen kann diese Abnahme durch Spermidinfütterung aufgehalten werden.“

* Wirth M et al., The effect of spermidine on memory performance in older adults at risk for dementia: A randomized controlled trial. Cortex 2018; 109:181–188

Literatur:

1 Risk reduction of cognitive decline and dementia: WHO guidelines. Geneva: World Health Organization. 2019

2 Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S3-Leitlinie „Demenzen“. Jänner 2016

3 Rakesh G, Szabo ST, Alexopoulos GS et al., Strategies for dementia prevention: latest evidence and implications. Ther Adv Chronic Dis 2017; 8(8–9):121–136

4 de Jager CA, Oulhaj A, Jacoby R et al., Cognitive and clinical outcomes of homocysteine-lowering B-vitamin treatment in mild cognitive impairment: a randomized controlled trial. Int J Geriatr Psychiatry. 2012

5 Lehtisalo J, Lindström J, Ngandu T et al., Association of Long-Term Dietary Fat Intake, Exercise, and Weight with Later Cognitive Function in the Finnish Diabetes Prevention Study. J Nutr Health Aging 2016; 20(2):146–54

Wissenschaft: Univ.-Prof. Dr. rer. nat. Frank Madeo

Institut für Molekulare Biowissenschaften, Universität Graz

© Robin Consult Lepsi


AutorIn: Mag. Martin Schiller

Apo-K 15+16|2019

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2019-08-30