Die Pollen fliegen schon …

Die ersten Frühlingsboten lassen Pollenallergiker alljährlich mitunter verzweifeln. Den Beginn der Frühjahrsallergene machen bereits im Februar die Pollen von Erle und Hasel, gefolgt von Birke, Weide, Pappel etc., sobald die Temperaturen weiter steigen. Meist ab Juni ist dann mit einer Belastung durch Gräser- und Getreidepollen zu rechnen. Im Herbst blühen schließlich Beifuß und Ragweed und komplettieren somit den Pollen-Kalender. Nicht selten leiden Allergiker somit mehrere Monate hindurch an Beschwerden. Grundsätzlich ist jede Allergie behandlungsbedürftig – nicht nur, um die Symptomatik zu lindern, sondern auch zur Vermeidung eines Etagenwechsels. Betreffen die Symptome ausschließlich Augen und/oder Nase und liegen keine zusätzlichen asthmatischen Beschwerden vor, so ist eine Selbstmedikation zur Symptomlinderung durchaus möglich.

Lokale Behandlung

Typische lokale Symptome sind Niesattacken mit Sekretion, Schleimhautschwellung und Juckreiz sowie juckende, tränende und gerötete Augen. Hilfreich sind lokal applizierbare H1-Anti­histaminika in Form von Augen- oder Nasentropfen bzw. -sprays. Beispiele sind etwa Levocabastin, Diphenhydramin oder Azelastin, die das Histamin vom Rezeptor verdrängen und somit dessen Wirkung verhindern. Azelastin wirkt zusätzlich mastzellenstabilisierend und entzündungshemmend. Auch die Cromoglicinsäure stabilisiert die Mastzellen und verhindert somit die Histaminausschüttung. Die Anwendung kann daher bereits vor der Pollenexposition erfolgen.
Ist die Nasenatmung erschwert, so können kurzfristig lokale α-Sympathomimetika in Form von Tropfen oder Sprays Abhilfe schaffen. Sie werden aufgrund ihrer abschwellenden und sekretionshemmenden Wirkung geschätzt. Zu den wichtigsten Vertretern zählen dabei u. a. Oxymetazolin, Xylometazolin und Naphazolin. Die Anwendung sollte jedoch auf maximal 10 Tage beschränkt sein.
Besonders empfehlenswert sind regelmäßige Spülungen mit kochsalz- oder meerwasserhältigen Nasensprays, wodurch die Allergene von der Nasenschleimhaut entfernt werden. Einige Produkte enthalten zusätzlich Moleküle, welche die Anhaftung der Pollen an der Nasenschleimhaut verhindern und somit prophylaktisch gute Effekte zeigen. Dabei bilden Komplexe aus pflanzlichen Extrakten einen widerstandsfähigen Film über die Schleimhaut, welcher als Schutzbarriere gegen Allergene und Keime wirkt. Auch befeuchtende Augentropfen schwemmen die Pollen aus und sorgen zusätzlich für eine kurzfristige Linderung der Beschwerden.

Rezeptfreie orale Antiallergika

Reicht die lokale Behandlung nicht aus, so ist häufig die zusätzliche Gabe eines oralen Antiallergikums erforderlich. H1-Antihistami­nika wirken als inverse Agonisten am H1-Rezeptor und blockieren somit die Histaminwirkung. Verwendet werden hauptsächlich Antihistaminika der zweiten Generation (z. B. Cetirizin, Loratadin, Desloratadin) und Fexofenadin als Vertreter der dritten Generation, die aufgrund ihrer H1-Rezeptor-Selektivität kaum mehr die unerwünschten Nebenwirkungen der „älteren“ Wirkstoffe aufweisen. Dazu zählten allen voran Müdigkeit, aber auch anticholinerge Symptome, wie beispielsweise Mundtrockenheit, Schwindel, Kopfschmerzen, Akkommodationsstörungen und Harnretention. Kontraindiziert sind orale H1-Blocker u. a. beim Engwinkelglaukom sowie in der Schwangerschaft und Stillperiode.

Wirkstoffe aus der Natur

Aus dem Bereich der Arzneipflanzen ist das Extrakt der Tragantwurzel (Astragalus membranaceus radix) zu nennen, das in der TCM schon lange bekannt ist. Mittlerweile wird die ursprünglich im Norden Chinas beheimatete Pflanze auch in Mitteleuropa kultiviert und hat Einzug in die ergänzende Behandlung bzw. die Prophylaxe von Allergien gehalten. Das Extrakt der Tragantwurzel ist in Kapselform erhältlich. Zu den wichtigsten Inhaltsstoffen zählen Polysaccharide, Triterpensaponine, Aminosäuren, Fettsäuren und Isoflavonoide. Das Extrakt wirkt immunmodulierend und fördert die Bildung schützender IgG-Antikörper. Bei regelmäßiger, zweimal täglicher Einnahme, beginnend bereits ­4 Wochen vor Allergenbelastung, reagiert der Körper mit vermehrter IgG-Ausschüttung. Dadurch können Allergene ohne die belastende Histaminausschüttung eliminiert werden. Bei bereits bestehenden Beschwerden wird die doppelte Dosis eingenommen.
Eine neue Option ist die Gabe von Beta-Lactoglobulin (BLG) aus der Familie der Lipocaline. Es handelt sich dabei um ein spezielles Milchprotein, das auch Hauptbestandteil der Molke ist und für den sogenannten „Bauernhofeffekt“ verantwortlich zu sein scheint. Lipocaline können Mikronährstoffe binden und beeinflussen das Immunsystem positiv. BLG ist in Form von Lutschtabletten erhältlich und wird bereits prophylaktisch empfohlen.

Mikronährstoffe und Mikrobiom

Allergiker profitieren grundsätzlich von Mikronährstoffen, die das Immunsystem unterstützen und eine überschießende Reaktion des Immunsystems mildern. Dazu zählen etwa Zink sowie die Vitamine D und C. Letzteres ist außerdem als Kofaktor von Hydroxylierungsprozessen wesentlich am Abbau von Histamin beteiligt. Die zusätzliche Gabe von Calcium kann ebenfalls nützlich sein, da es die Freisetzung von Histamin aus den Mastzellen vermindert.
Auch die Darmflora ist Bestandteil des Immunsystems und spielt daher eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Allergien. Ist das Mikrobiom des Darms aus dem Gleichgewicht geraten – sei es durch Antibiotikagaben, falsche Ernährung etc. – so können potenzielle Allergene vermehrt die Darmwand passieren und in den Blutkreislauf gelangen. Eine Sanierung des Darmmikrobioms mit spezifischen Probiotika ist daher für Allergiker jedenfalls empfehlenswert. Langes Stillen gilt bereits seit Langem als besonders wirksame Prophylaxe zur Vermeidung von Allergien im Kindesalter. Dies scheint ebenso auf den Einfluss der Muttermilch auf das kindliche Mikrobiom zurück­zuführen zu sein, da sich darin reichlich probiotische Substanzen finden.

Zusätzliche Tipps für den Alltag

Die beste Allergieprophylaxe ist natürlich die Allergenkarenz. Wichtig ist, die Fenster tagsüber geschlossen zu halten – morgens und abends kurzes Stoßlüften ist ausreichend. Abendliches Haarewaschen reduziert die Pollenkonzentration am Kopfpolster. Die Wäsche sollte nicht im Freien getrocknet werden, häufiges Staubsaugen (mit Filter!) entfernt Allergene aus Teppichen und Polstermöbeln. Empfehlenswert sind außerdem Pollenfilter im Auto. Aufenthalte im Freien sollten sorgfältig geplant werden, pollenfreie Gebiete (Gebirge, Meer) sind dabei vorzuziehen bzw. Allergenspitzen zu vermeiden. Hilfreich ist auch das Tragen einer Sonnenbrille. Machen Sie Ihre Kunden auf möglich Kreuzallergien mit Nahrungsmitteln aufmerksam. So reagieren etwa Patienten mit Baumpollenallergie häufig auf Kern- und Steinobst, Hasel-, Wal- oder Erdnüsse. Gräser­allergiker sollten Hülsenfrüchte, Getreidekörner, Tomaten und Melonen meiden, bei Allergie gegen Kräuterpollen ist bei rohem Gemüse und Gewürzkräutern Vorsicht geboten.

AutorIn: Mag. pharm. Kornelia Baumgartner

Apothekerin in Graz


Apo-K 06|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-04-02