Ehrlichkeit als Antwort

Ein in den 1940er-Jahren erschienenes Buch wird in der aktuellen Pandemie wiederentdeckt. Es nennt sich „Die Pest“ und wurde von Albert Camus geschrieben. Das Buch enthält einen bemerkenswerten Satz: „Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit.“ Nimmt man dies als Maßstab für die aktuelle Pandemie, kommt man nicht umhin, genau das zu fordern: mehr Ehrlichkeit und mehr Transparenz in der Kommunikation der Vorgehensweise. Gewiss kann man von außen und im Nachhinein leicht klug sein, und vermutlich möchten auch die wenigsten an der Stelle sein, entscheiden zu müssen. Man kann es derzeit nicht nur nicht allen, sondern eher den wenigsten recht machen. Dennoch: Warum erfährt die Bevölkerung nicht die Wahrheit darüber, welche genauen Kriterien für Lockdowns und Öffnungen herangezogen werden? Anhand welcher konkreten Zahlen entschieden wird? Man hat zum Beispiel nicht den Eindruck, dass gelockert wird, weil eine bestimmte Zahl (Fallzahl, Basisreproduktionzahl, Spitalbettenbelegung) erreicht wird, sondern weil Interessenvertreter ungeduldig wurden. Warum hat man eine Corona-Ampel kreiert, die eine gezielte Isolation von Gebieten vorgesehen hat, wenn wir nun erst recht von einem nationalen Lockdown (light oder hard) in den nächsten taumeln? Wenn ein Großteil der Ansteckungen im privaten Bereich stattfindet, wie oft verlautbart wurde, warum sperrt man dann seit ewiger Zeit Restaurants? Auf welcher wissenschaftlichen Basis hier entschieden wird, bleibt im Dunklen. Damit meine ich nicht, dass unbedingt wieder alles aufsperren sollte, sondern dass die Bevölkerung Maßnahmen und Entscheidungen nachvollziehen können muss, um sie mitzutragen. Und dass den Menschen die Wahrheit zumutbar ist.
Ein Teil der Wahrheit wäre auch, auf die Bedeutung einer guten Durchimpfungsrate in ärmeren Ländern hinzuweisen. So wichtig ein rasches Tempo bei den Corona-Impfungen in Österreich und Europa auch ist (was aktuell zu einer Art Impfnationalismus führt), so wichtig ist auch eine gute Versorgung der Dritteweltstaaten mit Covid-19-Impfstoffen. Andernfalls entstehen völlig neue Fluchtmutationen, gegen die die gängigen Impfstoffe vielleicht nicht mehr so gut wirken. Damit wäre die Pandemie bei weitem nicht so schnell vorbei, wie wir gerne hätten.

Redaktion: Mag. Martin Schiller

Redaktionelle Leitung, Apotheker Krone


Apo-K 03|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-02-19