Impfpflicht: medizinisch und ethisch argumentierbar!

Impfpflicht für Gesundheitsberufe, Impfpflicht für alle? Die Diskussionen kochen auf – oft oberflächlich und emotional. Die aktuellen Masernausbrüche und ein Fall schwerer  Rötelnembryopathie sind die Spitze des Eisbergs. Es ist 5 vor 12; in Österreich bestehen gewaltige Impflücken.

Versagt hat auch die Gesundheitspolitik. Wenn ganze Generationen grundimmunisierter, prinzipiell impfwilliger Erwachsener Impflücken haben, dann liegt das nicht an deren Weltanschauung und auch nicht (nur) an fehlender Motivation oder an Wissenslücken. Jahrzehntelang wurde nur Tetanus aufgefrischt, aber nicht Pertussis. Kinderärzte impfen die Kinder, warum nicht auch die Eltern? Apotheker würden gern impfen, dürfen aber nicht. Die Masernimpfung wird jetzt beworben, jahrzehntelang wurde kein Erwachsener danach gefragt. Und bei HPV ist die österreichische Politik überhaupt um Jahre zu spät aufgewacht.

Das Problem ist auch hausgemacht! Hier sind endlich gesundheitspolitische Maßnahmen und ein standardisiertes Konzept zur Verankerung der Impfungen in der Erwachsenenmedizin nötig.

Für gefährlich halte ich die laufende Diskussion und die vorschnelle Ablehnung einer Impfpflicht unter dem Aspekt Kollektivschutz, wenn 1.) medizinische Grundlagen unbeachtet bleiben und wenn 2.) die Autonomie unreflektiert zur höchsten Prämisse erhoben wird, mit dem Argument, jeder, der möchte, könne sich ja selber schützen. – Eben nicht! Säuglinge, Hochaltrige, Immungeschwächte können das eben nicht.

An dieser Argumentation irritiert, dass sie oft unter einem „ethischen Deckmäntelchen“ geführt wird. Mit einer ethischen Bewertung hat das jedoch wenig zu tun. Zum einen setzt jeder ethische Diskurs eine Erhebung der Fakten und ein Abwägen der Alternativen voraus. Diese Fakten (zum Beispiel wie viele Menschen auf Herdenschutz angewiesen sind, weil sie selbst gar nicht geimpft werden können etc.) wären also überhaupt einmal die Basis. Zum zweiten gibt es neben dem Argument der Autonomie auch andere ethische Prinzipien, die abzuwägen sind. (zum Beispiel Fürsorge und Gerechtigkeit). Und neben individualethischen gibt es auch gesellschaftsethische Überlegungen … Autonomie ist EIN ethisches Prinzip, aber nicht das einzige.

Eine Argumentation, die vorschnell nur auf die Eigenverantwortung und die Autonomie abstellt, lässt beides vermissen: eine Analyse der medizinischen Fakten und eine differenzierte ethische Abwägung.

Susanne Hinger

AutorIn: Susanne Hinger

Apo-K 12|2019

Herausgeber: Ärztekrone Ges.m.b.H
Publikationsdatum: 2019-06-21