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Jung und depressiv

Frau A., 25, betritt sichtlich nervös die Apotheke und überreicht Rezepte mit den folgenden Wirkstoffen:

Zudem möchte sie zusätzlich einen Sonnenschutz für den Sommer und ein Präparat mit Johanniskraut kaufen, da sie gelesen hat, dass dies eine pflanzliche Ergänzung bei Depressionen sei.

Frage, die man hier stellen muss: Wie lange nehmen Sie Sertralin schon ein?

Seit einigen Monaten hat Frau A. mit Depressionen zu kämpfen. Deshalb wurde ihr vom Hausarzt vor einem Monat Sertralin in der Stärke 50 mg verschrieben. Sie startete mit täglich einer halben Tablette für ­2 Wochen, und seit 2 Wochen nimmt sie eine ganze Tablette morgens. Besserung hat sich jedoch noch keine eingestellt, daher fragt sie nach einer pflanzlichen Ergänzung wie Johanniskrautkapseln.

Sertralin wird laut S3-Leitlinie „Unipolare Depression“ zur pharmakologischen Behandlung von unipolaren Depressionen eingesetzt. Dabei wird mit einer Dosierung von 50 mg Sertralin gestartet, in den meisten Fällen wird nach 2 Wochen auf 100 mg erhöht. Das Dosisschema 25 mg/50 mg ist nur bei Panikstörungen oder sozialen Angststörungen indiziert.

Frau A. nahm aber initial 25 mg Sertralin ein, die Dosierung wurde nach 2 Wochen auf 50 mg gesteigert. Nachdem sich bei ihr nach 4 Wochen leider überhaupt keine Besserung ihrer depressiven Symptomatik zeigte, sollte man die Therapie hinterfragen. Bei adäquater Dosierung setzt die Wirkung von Antidepressiva rasch ein, bei 70 % aller gebesserten Patienten innerhalb der ersten beiden Wochen der Behandlung.

Hier kann mit dem Arzt abgeklärt werden, warum mit einer so niedrigen Initialdosierung therapiert wurde und die Dauertherapie mit 50 mg fortgesetzt wird, da eine Standardtagesdosis von 100 mg möglich ist. Weiters kann ein sog. „Switching“ angedacht werden, wenn nach 4 Wochen keine Besserung der Symptomatik erzielt wurde. Dabei wird der Patient auf ein Antidepressivum einer anderen (oder derselben) Wirkstoffgruppe umgestellt, in der Hoffnung auf besseres Ansprechen.

Die Kombination von Johanniskraut mit SSRI sollte möglichst vermieden werden, in der Selbstmedikation muss man der Patientin dringend davon abraten. Aufgrund der gegenseitigen Wirkungsverstärkung kann es zum Serotoninsyndrom kommen, das sich durch unspezifische Symptome wie Schwitzen, Verwirrtheit und Zittern zeigt.
Zudem kann in Betracht gezogen werden, dass bei mit Isotretinoin behandelten Patienten über Verstärkung von Depressionen berichtet wird.

Weiters nimmt Frau A. die „Pille“ zur hormonellen Verhütung ein. Johanniskraut kann hier die kontrazeptive Sicherheit der Pille gefährden. Johanniskraut ist ein Induktor von CYP3A4, und Ethinylestradiol wird über CYP3A4 metabolisiert. Dadurch kommt es zu einem Wirkverlust der Kon­trazeption, für die Patientin bemerkbar durch Zwischenblutungen. Die Einnahme von Isotretinoin zur Aknebehandlung erfordert aber unbedingt eine zuverlässige Verhütung, da es stark teratogen wirkt und schwere, lebensbedrohliche Missbildungen des Ungeborenen verursachen kann.

Weitere Wechselwirkungen von Johanniskraut sind möglich mit:

  • Immunsuppressiva wie Ciclosporin, Tacrolimus
  • Makrolidantibiotika wie Clarithromycin
  • Benzodiazepinen
  • Kalziumkanalblockern
  • einigen Statinen
  • Gerinnungshemmern wie Phenprocoumon, Apixaban, Rivaroxaban
  • anderen wie Amiodaron, Sildenafil, Tamoxifen, Trazodon

Sonnenschutz

Die Einnahme von Johanniskraut kann die Haut „photosensibel“ machen. Da die Patientin schon mit Isotretinoin behandelt wird, das die Haut ebenfalls empfindlich für die Sonne macht, sollte auch deshalb von der Einnahme von Johanniskraut abgeraten werden. Vor allem bei hellhäutigen Personen kann die Einnahme bestimmter Medikamente zu heftigen Sonnenbränden oder Erythemen führen.

Neben Johanniskrautpräparaten können verschiedene Arzneistoffe photosensibilisierend wirken, wie etwa:

  • Isotretinoin
  • Antibiotika (Ciprofloxacin, Tetracycline, Sulfonamide)
  • Amiodaron
  • Kalziumkanalblocker: Amlodipin, Diltiazem, Nifedipin
  • Furosemid, Hydrochlorothiazid