Schlaf: die große Gehirnwäsche

Warum braucht der Mensch – wie auch andere Lebewesen – den täglichen Schlaf und begibt sich damit in einen Zustand, der weitgehend von Sinnesreizen entkoppelt ist? Ist es die körperliche Erholung allein, die sieben bis neun Stunden am Stück erfordert? US-Wissenschafter haben auf diese große Frage eine Antwort gefunden und bestätigen damit eine Annahme, die seit Jahren in Forscherkreisen diskutiert wird: Ein wesentlicher Aspekt des Schlafes ist die Informationsverarbeitung. Für eine Studie an der Universität Boston wurden bei Versuchsteilnehmern Gehirnströme gemessen, während sie in einem MRT-Gerät einschlafen mussten. Beim Schlafvorgang zeigte sich eine nachlassende Aktivität von Nervenzellen sowie eine regelrechte Spülung von Gehirnteilen durch den Liquor. Diese Vorgänge dauerten nur wenige Sekunden und zeigen, dass es durch den Schlaf offenbar zu einer Art „Gehirnwäsche“ kommt. Als mögliche Erklärung nannten die Autoren der Studie den niedrigen Sauerstoffbedarf der Neuronen im Ruhezustand. Dadurch würde Blut aus dem Kopf fließen, der Druck im Gehirn sinken und Liquor angesogen werden, um das Gefälle auszugleichen. Neben dieser Form der Reinigung des Gehirns geht man auch davon aus, dass der Schlaf dazu dient, Stoffwechselprodukte im Gehirn abzubauen.1 Damit lässt sich resümieren, dass die Nachtruhe mehrere Funktionen hat. Auch das Lernen und Erinnern wird durch guten Schlaf unterstützt, wobei dies auch für motorische Gedächtnisinhalte gilt.

Leider ist guter Schlaf für viele Österreicher keine einfache Sache, wie eine Studie der Medizinischen Universität Wien im Jahr 2018 ergeben hat. Rund die Hälfte der Befragten gab an, unter Durchschlafstörungen zu leiden. Die innere Unruhe ist laut dieser Untersuchung ein sehr großer Schlafräuber.2 Aus gesundheitlicher Sicht zählt nicht so sehr die Dauer des Schlafes, sondern vor allem die Schlafqualität, die Experte Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl im Interview betont (siehe Kasten). Diese kann durch Ausschalten von Störfaktoren wie blauwelligem Licht am Abend durch TV oder Laptop im Schlafzimmer verbessert werden. Experten raten auch dazu, das Smartphone/iPhone nicht im Schlafraum liegen zu haben. Weiters zählt die Regelmäßigkeit: Je regelmäßiger man – sofern beruflich möglich – die Zubettgehzeit einhält, desto eher kann sich der Organismus daran gewöhnen und seinen biologischen Rhythmus immer besser anpassen.

Pflanzen und Mikronährstoffe

Neben richtiger Schlafarchitektur und Entspannungstechniken zur Linderung von Unruhe können Pflanzen dabei helfen, besser ein- und durchzuschlafen. Baldrian, Passionsblume, Melisse und Hopfen wirken dabei auf sanfte Weise. Johanniskraut macht ebenfalls schläfrig und hilft bei Verstimmungen. Die Aminosäure Tryptophan hat schlafanstoßende Eigenschaften.

Das Hormon Melatonin steuert den Schlaf-wach-Rhythmus und kann ebenfalls unterstützend für das Ein- und Durchschlafen sein. Unter den Mikronährstoffen, die für den Schlaf eine Rolle spielen, sind besonders B-Vitamine und ihre Funktionen für das Nervensystem zu nennen. Zink wiederum wird für die Kognition benötigt und wirkt sich daher bei Schlafstörungen positiv auf die geistige Leistungsfähigkeit untertags aus. Für gestresste Menschen besteht außerdem ein Mehrbedarf an Magnesium.

 

Literatur:

1 Fultz NE, Bonmassar G, Setsompop K et al., Coupled electrophysiological, hemodynamic, and cerebrospinal fluid oscillations in human sleep. Science 2019 Nov 1; 366(6465):628–631

2 Medizinische Universität Wien: Österreicher leiden häufiger an Schlafproblemen als früher

 

 

„Vor allem eine schlechte Schlafqualität wirkt sich gesundheitlich aus“

Die Apotheker Krone sprach mit Prim. Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl, Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung (ASRA), über die Folgen von Schlafstörungen und blaues Licht als Schlafräuber.

Apotheker Krone: Schlafstörungen sind fast so etwas wie eine Volkskrankheit. Wie wirken sie sich auf die Gesundheit aus?
Reinhold Kerbl: Es ist nicht so sehr die Schlafdauer als solche, sondern es sind vor allem organische Schlafstörungen und schlechte Schlafqualität, die sich auf die Gesundheit auswirken, zum Beispiel die Schlafapnoe. Sie kann unter anderem sekundär zu Herz-Kreislauf-Problemen führen und das Schlaganfallrisiko erhöhen. Die Schlafdauer selbst ist individuell, oft reichen sechs bis sieben Stunden aus. Die frühere Annahme, jeder benötige acht Stunden Schlaf, wurde mittlerweile verworfen. Wichtig ist vor allem eine gute Schlafqualität im Sinne eines „erholsamen Schlafs“.

Wie erkennt man außerhalb eines Schlaflabors, ob die Schlafqualität in Ordnung ist?
Einen guten Hinweis gibt die Tagesbefindlichkeit. Wer sich untertags wohlfühlt, kann davon ausgehen, eine gute Schlafqualität zu haben. Symptome wie große Tagesmüdigkeit, Schläfrigkeit, Einnicken, morgens ein trockener Mund oder Kopfschmerzen können hingegen auf eine mangelnde Schlafqualität hindeuten. Auch psychische Veränderungen können durch Schlafmangel bedingt sein.

Studien besagen, dass wir heute um einiges kürzer schlafen als noch vor 50 Jahren. Worin sehen Sie den Grund?
Ja, Untersuchungen zeigen, dass wir heute um rund eine halbe Stunde kürzer schlafen als in der Vergangenheit. Das liegt daran, dass wir (scheinbar) „immer mehr zu tun haben“. Einen wesentlichen Anteil daran haben wohl die (sogenannten) sozialen Medien. Diese Art der sozialen Verpflichtung spielt als Schlafräuber eine große Rolle, vor allem bei Jugendlichen.

Wie stark ist der Einfluss von blauem Licht auf den Schlaf?
Blaues Licht, das von Mobiltelefonen und Tablets abgestrahlt wird, hat einen negativen Einfluss auf das Schlafverhalten. Es senkt die Produktion des Schlafhormons Melatonin oder zögert diese hinaus. Manche Geräte haben deshalb auch schon Einstellungsoptionen, um abends den Anteil des blauen Lichts zu senken. Der Medienkonsum am Abend ist insgesamt jedenfalls bedenklich, und das gilt wieder in besonderem Maße für Jugendliche. Ein Phänomen ist zum Beispiel das „Sleep Texting“, wo beispielsweise auch um 1 Uhr früh noch auf Nachrichten geantwortet wird – und das oft im Halbschlaf mit zum Teil sinnlosen Texten. Für die Schlafqualität ist das ein großes Problem. Gar nicht so selten ist bei Jugendlichen auch der Gebrauch des Smartphones oder Tablets bis in die Morgenstunden hinein. Viele besuchen dann am nächsten Tag die Schule nicht, weil sie nicht aus dem Bett kommen.

AutorIn: Prim. Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl

Vorstand der Abteilung für Kinder und Jugendliche des LKH Hochsteiermark/Leoben, Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung (ASRA)


AutorIn: Mag. Martin Schiller

Apo-K 22|2019

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2019-11-22