Statt Wirkstoffverschreibung soll IT-Lösung Lieferengpässe beheben

Die wachsende Zahl an Generika und Debatten über Lieferengpässe beschäftigt die Apotheken und das Gesundheitswesen weiter. Nachdem die Apothekerkammer, wie berichtet, mit dem Wunsch nach einer gesetzlichen Änderung hin zu einer Wirkstoffverschreibung durch Ärzte vorerst abgeblitzt ist, hat sie im Sommer Unterstützung vom Sprecher der Patientenanwälte, Dr. Gerald Bachinger, bekommen. Er fordert, dass Ärzte überhaupt nur noch den Wirkstoff verschreiben und Apotheken dann abgeben können, was gerade verfügbar ist. Bachinger und Apothekerkammerpräsidentin Mag. pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr argumentieren mit den seit vielen Monaten immer wieder bestehenden Lieferengpässen bei vielen Medikamenten. Eine sogenannte Aut-idem-Regelung könne das mildern, meint Bachinger und verweist auf zahlreiche EU-Länder, in denen das längst gelebte Praxis sei. Viele Apotheker erhoffen sich, dadurch auch den Aufwand in der Lagerhaltung vor allem bei den zahlreichen Generika reduzieren zu können.

Taskforce sucht Lösungen

Hintergrund für den Vorstoß ist eine Taskforce, die noch von Exgesundheitsministerin Mag. Beate Hartinger-Klein (FPÖ) eingerichtet wurde und eine Lösung für Lieferengpässe suchen sollte. Eingebunden waren alle Stakeholder der pharmazeutischen Lieferkette. Die Apotheker wiederum sollten einen Vorschlag für eine gesetzliche Änderung vorlegen. Doch der polarisiert nun ungemein. Während Patientenvertreter den Vorstoß begrüßen, kommt von Ärzten und Pharmabranche Ablehnung. Und nun könnte das Thema sogar zum Bumerang für die Apotheker werden.

Software für Ärzte

Während die Ärzte vorschlagen, stattdessen Hausapotheken auszubauen, wünscht sich die Industrie eine bessere Transparenz für die Ärzte. Die Hersteller sollen frühzeitig melden, wenn es zu Verzögerungen kommt oder Produkte nicht lieferbar sind, schlägt Pharmig-Generalsekretär Mag. Alexander Herzog vor. Das sollte dann auch in der Software des Arztes sofort sichtbar sein, meint er. Verschreibt ein Arzt ein nichtlieferbares Produkt, sollte ihm die Software das sofort anzeigen. Dann könnte er die Verschreibung gleich ändern. In Hinblick auf den Lageraufwand für die Apotheken bei Generika brächte das allerdings keine Entlastung. Die Ärzte könnten einer solchen Lösung hingegen viel abgewinnen, sagt der Vizepräsident und Obmann der Kurie der niedergelassenen Ärzte, MR Dr. ­Johannes Steinhart, im Gespräch mit der Apotheker Krone.

Ärzte drängen auf Rezepthoheit

Dass zahlreiche Medikamente nicht lieferbar sind, sei ein Argument für eine bessere Lagerhaltung und nicht für eine Änderung der Gesetzeslage, betont Steinhart: „Dass es als Bioäquivalenz gilt, wenn die Bioverfügbarkeit eines Generikums innerhalb von 80 bis 125 Prozent jener des Originalpräparates liegt, zeigt die enormen Unterschiede zwischen den einzelnen Produkten, die hier vom Apotheker nach Belieben – und nach der Zufälligkeit und Maßgabe der Lagerbestände – verkauft werden können sollen. Allerdings wissen nur Ärztinnen und Ärzte, was ihre Patienten im Einzelfall brauchen, und nicht der Verkäufer dieser Medikamente.“

Hausapotheken ausbauen?

Die Ärztekammer kann sich zudem vorstellen, den Spieß umdrehen: „Sollten die Apotheken keine flächendeckende Versorgung mehr garantieren können, bringt sich die Ärztekammer gerne mit Vorschlägen zur Problemlösung ein. Eine Ausweitung der Hausapotheken würde schlagartig die patientennahe Versorgung und das Patientenservice verbessern“, ist Steinhart überzeugt. Gleichzeitig würde dies eine Erleichterung für die anscheinend überlasteten Apotheken bedeuten. Mehr Hausapotheken würden zudem mehr „One-Stop-Shops“ für die Patienten bedeuten und so gerade für Menschen mit eingeschränkter Mobilität eine große Entlastung bringen, sagt der Ärztekammervizepräsident.

Kritik von Industrie

Nicht nur die Ärzte sind wenig begeistert vom Aut-idem-Vorstoß von Apothekern und Patientenanwalt – auch Pharmaverband und Generikahersteller sehen darin kein Mittel, um Lieferengpässe zu beseitigen. Pharmig-General Herzog: „Auch in den Ländern mit einer Aut-idem-Regelung gibt es Lieferengpässe. Hier ist nicht nur die Industrie gefordert, es braucht auch ein Mitwirken von Großhandel und Apotheken.“ Denn diese seien an den Problemen nicht ganz unbeteiligt, wenn etwa Preisunterschiede in Europa genutzt würden, um Medikamente in andere Länder zu verkaufen. Herzog betont, dass er die Verantwortung nicht weitergeben will, es brauche aber eine Zusammenarbeit aller, und jeder sei gefordert, „kommerzielle Einzelinteressen“ hintanzustellen, formuliert er. Die Industrie habe jedenfalls ein ureigenes Interesse, dass die Produkte verfügbar seien. „Und das sind sie auch. Von Lieferengpässen sind insgesamt nur 0,4 bis 0,7 Prozent aller Produkte betroffen.“

Auch der Österreichische Generikaverband spricht sich gegen eine Wirkstoffverordnung aus. Oftmalige Umstellung auf ein anderes Handelspräparat mit dem gleichen Wirkstoff führe zu Verunsicherung der Patienten und zu Fehl- oder Mehrfacheinnahmen. Wolfgang Andiel, Präsident des OeGV: „Die Therapietreue und der Therapieerfolg leiden darunter, und die daraus erwachsenden zusätzlichen Kosten sind höher als die Einsparungen.“

Kassen bieten Gespräche an

Hauptverbandsvorsitzender Dr. Alexander Biach rät den Apotheken statt zur Suche nach einer gesetzlichen Lösung nun zu Gesprächen mit den Kassen über gesamtvertragliche Lösungen für Lieferengpässe, aber auch Nachtdienste und Spannen. „Wenn die Apotheken Vertragspartner der Kassen sein möchten, sollten sie auch mit dem Vertragspartner reden, der das letztlich zahlt. Der Abschluss über die e-Medikation hat zuletzt auch gezeigt, dass man gemeinsam eine erfolgreiche Verhandlungslösung finden kann. Meine Tore für Gespräche stehen jedenfalls weit offen“, sagt Biach. Er würde es begrüßen, „das bewährte System“ der Vertragsverhandlungen fortzuführen.

AutorIn: Martin Rümmele

Apo-K 15+16|2019

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2019-08-30