Was bei Sportverletzungen hilft

Mit den ersten warmen Frühlingstagen kehren viele Menschen nach einer bewegungsarmen Winterpause wieder verstärkt zum Outdoorsport zurück. Laufen, Radfahren, Fußball – die Aktivitäten sind vielfältig, die körperliche Belastbarkeit ist oft noch eingeschränkt. Muskulatur, Sehnen, Bänder und Gelenke sind nach Monaten reduzierter Belastung besonders verletzungsanfällig. Typische Folgen sind stumpfe Weichteilverletzungen wie Verstauchungen, Prellungen und Blutergüsse, wofür in der Apotheke häufig um Hilfe gebeten wird. Eine fundierte Kenntnis über Pathophysiologie, die Differenzierung zwischen behandelbaren und abklärungspflichtigen Verletzungen sowie evidenzbasierte Selbstmedikation ist für Beratungsgespräche unerlässlich.

Verstauchung (Distorsion)

Eine Verstauchung entsteht, wenn eine mechanische Zugkraft auf ein Gelenk einwirkt und das Gewebe über seine physiologische Belastungskapazität hinaus dehnt, ohne dass es zu einer dauerhaften Luxation kommt.1 Am häufigsten betroffen ist das Sprunggelenk, insbesondere beim Inversionstrauma: Der Fuß knickt dabei übermäßig nach innen (Supination), häufig kombiniert mit einer gleichzeitigen Plantarflexion. Es resultieren Mikroläsionen bis hin zu partiellen oder vollständigen Rupturen der Bandstrukturen.2 Je nach Ausmaß der Schädigung werden drei Schweregrade unterschieden:3

  • Grad I (mild): Überdehnung mit Mikroläsionen der Fasern bei funktionell intakter Bandstruktur; minimale oder keine Instabilität
  • Grad II (moderat): partielle Ruptur mit deutlicher Hämatombildung, Schwellung sowie eingeschränkter Stabilität und Funktion
  • Grad III (schwer): vollständige Ruptur der Bandstrukturen mit erheblicher funktioneller Instabilität und vollständigem Funktionsverlust

Klinisch äußern sich alle Schweregrade durch lokalen Schmerz, Ödembildung und eine unterschiedlich ausgeprägte Funktionseinschränkung. Die posttraumatische Entzündungsreaktion ist physiologischer Bestandteil des Heilungsprozesses, kann jedoch durch Schmerz und Schwellung die Rekonvaleszenz initial verzögern.1

Ottawa Ankle Rules

Zur Beurteilung, ob eine radiologische Abklärung indiziert ist, haben sich die Ottawa Ankle Rules (OAR) als validiertes klinisches Instrument etabliert. Eine Bildgebung ist demnach empfohlen bei2:

  • Druckschmerz über den posterioren 6 cm oder der Spitze des Außen- bzw. Innenknöchels
  • Unfähigkeit zur Belastung unmittelbar nach dem Trauma oder bei der Erstvorstellung (weniger als 4 Schritte möglich)
  • Schmerz im Mittelfußbereich als Hinweis auf eine mögliche Fraktur

Behandlung und Selbstmedikation

Verletzungen des Grades I und II werden primär funktionell behandelt – frühzeitige Mobilisation und physikalische Therapie sind einer Ruhigstellung in der Wirksamkeit überlegen. Topische Präparate wie Gele mit Diclofenac oder Heparin eignen sich im Rahmen der Selbstmedikation gut zur Linderung von Schmerz und Schwellung. Bei Grad-III-Verletzungen hingegen ist eine ärztlich überwachte Behandlung erforderlich, inklusive initialer Ruhigstellung über mindestens 10 Tage – etwa mittels Schiene oder Gips –, bevor mit kontrollierten Mobilisationsübungen begonnen wird.2

Prellung (Kontusion)

Eine Prellung entsteht im Gegensatz zur Verstauchung nicht durch indirekte Zugkräfte, sondern durch eine plötzliche, direkte, stumpfe Gewalteinwirkung (Kompressionskraft) von außen auf das Gewebe. Dies geschieht häufig durch einen Schlag, Stoß oder Sturz, wobei das Gewebe gegen eine harte Unterlage oder einen darunter liegenden Knochen gedrückt wird. Bei einer Prellung kommt es zu einer Quetschung des Gewebes und zum Riss von Muskelfasern direkt an oder unmittelbar neben der Aufprallstelle. Dies führt zu Blutungen und der Bildung eines Hämatoms (Bluterguss) zwischen den Muskelzellen, gefolgt von einer Entzündungsreaktion. Im Gegensatz zur Verstauchung werden die Fasern meist nicht durch Längsdehnung, sondern durch den direkten Aufprall geschädigt.4 Auch hier erfolgt die klinische Einteilung in drei Schweregrade1, 3:

  • Grad I (mild): meist nur leichte Rötung oder kurzzeitiger Schmerz. Die Haut ist intakt, die Funktion kaum beeinträchtigt, und die Verletzung heilt schnell von selbst.
  • Grad II (moderat): deutlicher Schmerz, Schwellung (Ödem) und ein Bluterguss (Hämatom) entstehen, da Blutgefäße im Gewebe reißen. Die Beweglichkeit ist eingeschränkt.
  • Grad III (schwer): starke Schmerzen, ausgeprägte Schwellung und große Hämatome. Häufig sind Muskeln oder tieferliegendes Gewebe betroffen, was zu einer erheblichen Funktionsstörung führen kann.

Typische Symptome sind lokaler Druckschmerz, Ödeme sowie eine oft sichtbare Ekchymose (Hautverfärbung/Bluterguss) distal der Verletzung. Je nach Schweregrad ist die aktive Beweglichkeit des betroffenen Körperteils erheblich eingeschränkt. Ultraschall ist die Methode der Wahl zur dynamischen Beurteilung von Hämatomen. Ein MRT ist bei tiefliegenden Verletzungen oder zur präzisen Bestimmung des Ausmaßes überlegen. Bei Verdacht auf eine knöcherne Beteiligung (insbesondere bei starkem Druckschmerz über Knochenstrukturen) sollte ein Röntgenbild angefertigt werden.4

Behandlung und Selbstmedikation

In der Akutphase wird das PRICE-Prinzip angewendet, um die Einblutung ins Gewebe zu minimieren (Protection, Rest, Ice, Compression, Elevation). Um Schmerzen und Schwellungen zu lindern, werden auch hier topische Präparate mit Heparin oder NSAR wie Diclofenac eingesetzt. Nach einer kurzen Ruhephase von ein bis drei Tagen sollte frühzeitig mit schmerzfreien, aktiven Bewegungsübungen begonnen werden, um die Heilung und die korrekte Ausrichtung der regenerierenden Fasern zu fördern.4

Bluterguss (Hämatom)

Das Hämatom ist weniger ein eigenständiges Krankheitsbild als vielmehr eine häufige Begleiterscheinung von Verstauchungen und Prellungen. Oberflächliche Hämatome (Suffusionen) sind in der Regel gutartig und selbstlimitierend, während tiefere intramuskuläre Hämatome hingegen zu Komplikationen wie einem Kompartmentsyndrom oder – bei verzögerter Resorption – einer Myositis ossificans führen können und ärztlicher Abklärung bedürfen.
Der charakteristische Farbwandel – von blau-lila über grün nach gelb – spiegelt die enzymatische Degradation des Hämoglobins über Biliverdin zu Bilirubin wider und gibt einen groben Hinweis auf den Heilungsfortschritt. Oberflächliche Hämatome resorbieren sich in der Regel innerhalb von ein bis zwei Wochen vollständig.1

Behandlung und Selbstmedikation

Im Vordergrund der OTC-Therapie steht die Förderung der Resorption sowie die Schmerzlinderung. Heparinhaltige Gele und Salben hemmen die lokale Gerinnungsaktivität, wirken antithrombotisch und fördern den Abbau des extravasalen Blutkoagulums. Sie sind besonders bei frischen, oberflächlichen Hämatomen indiziert und können mehrmals täglich auf die intakte Haut aufgetragen werden. Ergänzend kommen arnikahaltige Zubereitungen infrage, deren antiphlogistische Wirkung die Resorption unterstützt. Auf offene oder stark gereizte Haut dürfen weder Heparin noch Arnika appliziert werden.5, 6

Alarmzeichen, die eine ärztliche Konsultation erfordern, sind eine trotz Kompression rasch zunehmende Ausdehnung des Hämatoms, ausgeprägte Druckschmerzhaftigkeit der umgebenden Muskulatur, Sensibilitätsstörungen als Hinweis auf Nervenkompression sowie Hämatome unter laufender Antikoagulanzientherapie.1

Pflanzliche Alternativen: Arnika und Beinwell

Am besten belegt ist die topische Anwendung von Beinwell (Symphytum officinale). Ein Extrakt aus der Beinwellwurzel zeigte in klinischen Studien bei Sprunggelenkverstauchungen eine signifikante Reduktion von Ruhe- und Belastungsschmerzen sowie eine Verbesserung der Gelenkfunktion, wobei höhere Extraktkonzentrationen wirksamere Ergebnisse erzielten.2

Arnika (Arnica montana) ist eines der traditionsreichsten pflanzlichen Heilmittel bei stumpfen Verletzungen. In einer Vergleichsstudie zur Handosteoarthritis zeigte ein 50%iges Arnika-Gel hinsichtlich Schmerzlinderung und Handfunktion keine signifikanten Unterschiede gegenüber Ibuprofen-Gel – ein Hinweis auf eine klinisch relevante Wirksamkeit, auch wenn die Datenbasis für akute Sportverletzungen noch begrenzt bleibt.6

Für Ingwer (Zingiber officinale)6 und Kurkumin (Curcuma longa)3 liegen erste Hinweise auf antiphlogistische Wirkungen vor: Ein ingwerhaltiges Kombinationsgel zeigte bei Kniearthrose vergleichbare Ergebnisse wie Diclofenac-Gel, Kurkumin reduzierte in Tierversuchen Entzündungsmarker und verbesserte die Erholung nach Trauma und intensiver Belastung. Für den klinischen Einsatz bei akuten Sportverletzungen beim Menschen fehlen jedoch noch belastbare Daten.