Der Säugling schreit, quengelt und ist deutlich reizbar, obwohl er ansonsten gesund heranwächst. Zudem tritt häufig die sogenannte 3er-Regel auf: Schreien von mehr als 3 Stunden täglich an mehr als 3 Tagen pro Woche über einen Zeitraum von mehr als 3 Wochen kann ein Hinweis auf Säuglingskoliken sein. Das Wort Kolik leitet sich vom griechischen kolikós ab und bezeichnet ursprünglich den Dickdarm. Damit wird bereits deutlich, dass es sich um abdominelle Beschwerden handelt. Typische Symptome sind1:
Die Symptomatik beginnt typischerweise in der zweiten bis dritten Lebenswoche, erreicht ihr Maximum etwa in der sechsten Woche und verschwindet bei den meisten Kindern von selbst im Alter von etwa 3 bis 4 Monaten.2
Die genaue Ursache für Säuglingskoliken ist trotz jahrzehntelanger Forschung noch nicht vollständig geklärt. Wissenschafter:innen vermuten, dass es sich um ein multifaktorielles Geschehen handelt, an dem gastrointestinale, hormonelle, neurologische sowie psychosoziale Faktoren beteiligt sind.1, 2
Ein wesentlicher Faktor scheint eine Dysbiose der Darmflora zu sein. Studien zeigen, dass Säuglinge mit Koliken häufig eine geringere Vielfalt und Stabilität ihrer Darmflora aufweisen, mit weniger nützlichen Bakterien wie Bifidobakterien und Laktobazillen und einer erhöhten Konzentration an entzündungsfördernden Bakterien wie Proteobakterien. Durch die Fermentation von Kohlenhydraten und Proteinen durch solche Bakterien kann es zur übermäßigen Gasproduktion kommen. Diese bakterielle Fehlbesiedelung kann beispielsweise durch erhöhte Wasserstoffwerte in der Ausatemluft von Säuglingen mit Koliken nachgewiesen werden, was darauf hindeutet, dass Darmgase nicht effektiv ausgeschieden werden. Weitere mögliche gastrointestinale Faktoren sind gastrointestinale Entzündungsprozesse, ein noch unreifes Verdauungssystem und Nahrungsmittelunverträglichkeiten.
Die veränderte Darmflora kann über neuronale, endokrine und immunologische Wege, d. h. über die sogenannte Darm-Hirn-Achse, die Gehirnfunktion und das Verhalten des Säuglings beeinflussen. Serotonin im Darm spielt dabei eine wichtige Rolle für Stimmung und sozialen Umgang. Säuglinge mit Koliken weisen teils höhere Werte an Serotoninmetaboliten im Urin auf.
Koliken werden teilweise als Phase der normalen emotionalen Entwicklung des Säuglings gesehen, in der noch eine verminderte Fähigkeit zur Selbstregulation von Schreiepisoden besteht. Faktoren wie elterliche Angstzustände, mütterliche oder väterliche Depressionen während oder nach der Schwangerschaft sowie mütterliche Rauchgewohnheiten wurden mit einem erhöhten Risiko für Koliken in Verbindung gebracht.
Die Behandlung von Säuglingskoliken stellt Apotheker:innen vor besondere Herausforderungen, da die Ursachen vielfältig sind und es kein „Allheilmittel“ gibt. Der wichtigste Grundsatz in der Therapie ist das Ausschließen organischer Ursachen und die umfassende Aufklärung der Eltern.1, 2
Die Beratung der Eltern gilt derzeit als wichtigste Maßnahme, da Koliken im Regelfall eine gutartige, zeitlich begrenzte Phase ohne langfristige Folgen darstellen. Dennoch werden Kinder mit ausgeprägten Koliken nicht zu Unrecht als „Schreibabys“ bezeichnet und können Eltern an ihre mentalen Grenzen bringen. Eine Entschärfung der Situation ist daher entscheidend, um Überforderung und damit auch das Risiko für gefährliches Verhalten, etwa das Schütteln des Säuglings, zu minimieren. Eltern sollen darüber aufgeklärt werden, dass Koliken eine zeitlich begrenzte Phase sind und meist nach dem dritten oder vierten Monat enden. Beruhigungstechniken wie enger Körperkontakt, sanftes Wiegen, rhythmische Bewegungen oder leises Summen sind ebenso empfehlenswert wie das Vermeiden von Überstimulation.
Da eine Dysbiose der Darmflora als Ursache vermutet wird, ist der Einsatz von Probiotika ein gut erforschtes Feld. Lactobacillus reuteri ist der am besten untersuchte Stamm und konnte in mehreren Studien zeigen, dass er die Schreidauer bei gestillten Säuglingen signifikant reduzieren kann. Neuere Studien zeigen, dass Bifidobakterien die Anzahl der Schreiattacken und die tägliche Schreidauer ebenfalls reduzieren können, indem sie die Darmflora positiv beeinflussen und Entzündungsmarker senken.
Etwa 25 % der Fälle mit schweren Symptomen beruhen auf einer Kuhmilchproteinallergie. Falls dies bei gestillten Kindern der Fall ist, kann eine milchfreie Diät der Mutter gegebenenfalls helfen. Bei flaschengefütterten Kindern kann hingegen der Wechsel auf eine hydrolysierte Spezialnahrung die Schreidauer verkürzen. Da eine vorübergehende Laktoseintoleranz diskutiert wird, können Laktasetropfen (zur Vorverdauung der Milch) helfen, wobei die Studienlage hierzu widersprüchlich ist.
Säuglingskoliken sind eine häufige, gutartige, aber für Eltern sehr belastende Phase der frühen Entwicklung, bei der medizinische und psychosoziale Aspekte im Zusammenspiel stehen. Eine sorgfältige Abklärung, umfassende Beratung und gezielte unterstützende Maßnahmen sind entscheidend, um die Symptome zu lindern und die Eltern zu entlasten.