Fortbildung in Wien: Lieblingskinder und neue Formate

ARZT & PRAXIS: Frau Dr. Jilch, Sie sind Oberärztin am Institut für Labor­medizin und Fortbildungsassistentin am ­Krankenhaus Hietzing. Was tut sich in puncto Fortbildung in Ihrem ­Krankenhaus?

Dr. Ruth Jilch: Als ­Fortbildungsassistentin bin ich für die allgemeine Fortbildung für alle Mitarbeiter des Krankenhauses zuständig. Unser Krankenhaus hat bereits seit mehr als 30 Jahren einen für Fortbildungen zuständigen Arzt, schon lange bevor fixe Stellen für Fortbildungsbeauftragte vom KAV in allen Krankenhäusern eingerichtet wurden – Letztere kümmern sich vorwiegend um die Einführungsausbildung der Turnusärzte und deren weitere Ausbildung.
Die regelmäßig organisierten krankenhausinternen Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte und Schwestern ­unseres Hauses (Plattform für ärztliche Weiterbildung und Kommunikation) sind DFP-approbiert und auch öffentlich zugänglich. Das Interesse ist groß, pro Veranstaltung haben wir zwischen 60 und 80 Teilnehmer, darunter auch Gäste aus dem niedergelassenen Bereich. Für die Kolleginnen und Kollegen im Haus bieten die Fortbildungen zudem die Möglichkeit, sich persönlich kennenzulernen und auszutauschen, was durch die Pavillonbauweise des KH Hietzing im Spitalsalltag manchmal zu kurz kommt. Bei der Themenwahl achte ich darauf, dass diese nicht zu spezifisch, sondern für viele Kollegen interessant sind, z. B. Neues im Bereich Diabetes, Adipositas, psychische Erkrankungen, Essstörungen etc.

Welche Rolle spielen Krankenhäuser im Fortbildungsangebot?

Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass die Krankenhäuser Fortbildungen anbieten. Bei uns gibt es einen krankenhaus­internen Kalender, in den zusätzlich zu den von mir organisierten Veranstaltungen auch alle abteilungsinternen Fortbildungen eingetragen werden. So bieten wir Interessierten eine möglichst breite Auswahl an Fortbildungen. Durch den näher rückenden 1. September 2016, wenn alle Ärzte erstmals einen Fortbildungsnachweis erbringen müssen, sind krankenhausinterne DFP-Punkte natürlich sehr begehrt: Sie sind zum einen bequem am Arbeitsplatz zu holen und zum anderen kostenlos.

Sie leiten auch das Fortbildungs­­referat in der Wiener Ärztekammer (ÄK). ­Arbeiten ÄK und Spitäler bezüglich ­Fortbildung zusammen?

Die ÄK ist sehr um eine Zusammen­arbeit mit den Spitälern bemüht und nach anfänglichen Schwierigkeiten wird diese auch immer besser. In gemeinsamen Sitzungen mit den Fortbildungsbeauftragten und Turnusärztevertretern besprechen wir regelmäßig mögliche Kollaborationen. Ein gutes Beispiel sind die Turnusärzte-Workshops, die von der ÄK finanziell unterstützt werden. Wir übernehmen das Honorar für die Vortragenden und Organisatoren. ­Dieses Angebot wird mittlerweile sehr gut angenommen.

Bleiben wir bei der ÄK. Wie sehen Ihre Aufgaben als Leiterin des Fortbildungsreferats aus?

Ich leite das Fortbildungsreferat seit 2012 und plane, unterstützt von meinen Fortbildungsassistentinnen Frau Stastny und Frau Butzendobler, die Fortbildungsveranstaltungen der Wiener Ärzte­kammer. Eine wichtige Aufgabe ist die Auswahl der Themen, Vortragenden und Veranstaltungsorte. Natürlich versuche ich auch, bei eventuellen Problemen von Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen und zu vermitteln.

Welche Ziele hat sich das ­Fortbildungsreferat gesetzt?

Ein wichtiges Ziel ist die Anhebung der DFP-Einreichungen für das Diplom, denn es gibt nach wie vor Ärzte ohne gültiges Diplom.
Obwohl natürlich jeder bis zu einem gewissen Grad für sich selbst verantwortlich ist, sehe ich das Fortbildungsreferat der ÄK als Dienstleister für die Ärzte, die ja schließlich genügend Geld in die Ärztekammer einzahlen. Meiner Meinung nach gehört es zu den Aufgaben der Ärztekammer, den Ärzten gute Fortbildungen kostenlos zu bieten und sie auch bei der Führung ihres DFP-Kontos zu unterstützen – wenn sie das wollen. Mit dem schriftlichen Einverständnis des Arztes können wir Einblick in sein DFP-Konto nehmen und dieses bearbeiten, d. h. Punkte verbuchen, DFP-Diplome beantragen etc. Diesen Service bieten mittlerweile auch andere Landesärztekammern an.
Seit zwei Jahren halten wir auch DFP-Sprechstunden in Wiens Spitälern ab. Unsere Fortbildungsassistentinnen kommen nach Möglichkeit einmal im Quartal in jedes Krankenhaus und beantworten vor Ort Fragen zum DFP-Konto und -Diplom, sammeln Unterlagen ein, verbuchen Punkte und ­stellen Diplome aus. Mittlerweile können wir diesen Service in fast allen Krankenhäusern in Wien anbieten und die Kollegen sind sehr begeistert.

Was erwarten Sie am 1. September 2016 – bilden sich Österreichs Ärzte ausreichend fort?

Wünschen würde ich mir natürlich, dass 100 % der Ärzte ein gültiges Diplom haben. In der Realität wird es aber sicher einige geben, die im September 2016 kein gültiges Diplom haben ­werden. Momentan schaut es so aus, dass die angestellten etwas hinter den niedergelassenen Ärzten liegen. Die angestellten Ärzte sind aber das kleinere Problem. Spitalsärzte fahren eher auf Kongresse, bekommen Sonderurlaub und teilweise auch finanzielle Unterstützung. Sie ­haben zumeist die nötigen DFP-Punkte, es mangelt nur an der Dokumentation.
Bei den niedergelassenen Ärzten sehe ich das größere Problem: Erstens wird ihnen die Fortbildung nicht bezahlt, zweitens müssen sie ihre Ordination schließen und haben in dieser Zeit auch kein Einkommen. Wir achten deshalb darauf, unsere Veranstaltungen am Abend oder am Wochenende und für Mitglieder der Ärztekammer kostenlos abzuhalten. Und wir sehen, dass ­unsere Veranstaltungen mehrheitlich von niedergelassenen Ärzten besucht werden.

Wie macht sich Wien im Vergleich zu den anderen Bundesländern?

Von den über 12.000 Wiener Ärzten benötigen gut 9.000 ein Diplom. Ich freue mich, sagen zu können, dass Wien derzeit die Liste der Bundesländer anführt, was insofern bemerkenswert ist, als wir mit Abstand das Bundesland mit den meisten Ärzten sind.

Ein weiteres deklariertes Ziel Ihres Referats ist die Fortbildung der ­jungen Kollegen. Gibt es hier spezielle ­Ansatzpunkte?

Uns war es von Anfang an wichtig, auch für die jungen Kollegen mehr zu tun. Immer wieder klagen junge Ärzte über die teilweise schlechte Ausbildung. Der Grund dafür liegt vielfach darin, dass die älteren Kollegen einfach zu wenig Zeit haben, ihre jungen Kollegen auszubilden. Leider ist es besonders in Wien verbreitet, dass die Patienten gleich in eine Ambulanz gehen, auch in Fällen, wo das nicht nötig wäre. Verschärft wird das Zeitproblem durch die Reduktion der Ärztearbeitszeit auf 48 Stunden. Das alles ist für die Ausbildung nicht förderlich.
Wir möchten dem entgegenwirken und die jungen Ärzte mehr fördern. Neben den bereits erwähnten Turnusärzte-Workshops haben wir zum Beispiel den MedMonday eingeführt. Diese Veranstaltung findet regelmäßig am Montagabend im Billrothhaus, dem Sitz der Gesellschaft der Ärzte, statt. Verschiedene Themen werden in Form von Fallbesprechungen abgehandelt, teilweise auch interaktiv mit Saalvoting. Die ursprünglich für junge Ärzte ins Leben gerufene Veranstaltung lockt mittlerweile ein bunt gemischtes Publikum an – ebenso wie die meisten unserer anderen Formate, z. B. Collegium Publicum, Open Air Lunge oder die Giftigen Samstage.

Auf welche Veranstaltung sind Sie besonders stolz?

Das Format „Medizin im Museum“ ist eines meiner Lieblingskinder. Die Idee dahinter: Medizinische Gesellschaften werden eingeladen, ein Programm zusammenzustellen, d. h. Themen und Vortragende zu nominieren; die Ärztekammer Wien stellt die Räumlichkeit, in diesem Fall das Kunsthistorische Museum, und den Termin zur Verfügung. Für viele, vor allem kleinere Gesellschaften, ist das eine sehr gute Möglichkeit, sich vor einem breiteren Publikum zu präsentieren. Wir unterstützen die Gesellschaften auch durch die Übernahme von Reise- und Hotelkosten, wenn die Vortragenden aus anderen Bundesländern kommen. ­Heuer findet „Medizin im Museum“ sieben Mal statt. Die Veranstaltung ist immer ausgebucht. Das schöne Ambiente, Führungen im Anschluss an die medizinischen Vorträge und Kinderbetreuung sind ein besonderes „Zuckerl“.
Ich möchte außerdem noch zwei neue Veranstaltungen erwähnen: den „Neuro­logischen Donnerstag“ und die „Wiener Medizinischen Tage“.
In der neuen Ausbildungsordnung ist die Neurologie in der Ausbildung zum praktischen Arzt gefallen, das heißt, es gibt keine verpflichtende neurologische Ausbildung mehr für Ärzte in Ausbildung zum Allgemeinmediziner. Das ist eigentlich fatal, denn neurologische Krankheitsbilder wie Schwindel, Schlaganfall, Parkinson oder Multiple ­Sklerose sind Erkrankungen, die man als Allgemeinmediziner nicht selten sieht und sehr wohl erkennen muss. Die Neurologen sind deshalb auf uns zugekommen mit dem Vorschlag, speziell in diese Richtung eine Fortbildungsreihe für Ausbildungsärzte zu starten. Und so wurde der „Neurologische Donnerstag“ geboren, der heuer vier Mal im Technischen Museum stattfinden wird.
Für die „Wiener Medizinischen Tage“ haben wir das Palais Liechtenstein als Veranstaltungsort gewählt. Der kleine Kongress wird an einem Wochenende im November stattfinden und neben interessanten Vorträgen und Symposien auch praktische Workshops bieten.

Die ÄK Wien bietet auch jedes Jahr ein umfassendes Seminarprogramm an. Was ist Ihnen bei der Auswahl der ­Themen und Vortragenden wichtig?

Bei der Planung des Seminarprogramms nutzen wir unsere Erfahrungswerte. Im Wintersemester sind die Seminare erfahrungsgemäß besser besucht als im Sommersemester, weshalb wir im ­Winter auch mehr Seminare anbieten. Bezüglich der Themen orientieren wir uns an vergangenen Jahren, d. h. wir schauen, was besonders gut angekommen ist. Immer ausgebucht sind z. B. EKG-Kurse, Englisch für Mediziner und Themen wie Diabetes oder Fettstoffwechsel. Insgesamt versuchen wir, ein möglichst abwechslungsreiches Programm mit kompetenten Vortragendenvn anderen Veranstaltungen der Wiener ÄK kostenpflichtig (Anm. der Redaktion: 40 Euro).

Arbeiten Sie mit anderen Landesärztekammern zusammen?

Ja, durchaus. Gemeinsam mit der Ärzte­kammer für Niederösterreich haben wir 2015 die „Lange Nacht der Fortbildung“ ins Leben gerufen. Die Abendveranstaltung fand im Apothekertrakt von Schloss Schönbrunn statt und war mit über 450 Teilnehmern ein voller Erfolg. Deshalb ist auch für 2016 eine „Lange Nacht der Fortbildung“ geplant, sie wird heuer in der Burg Perchtoldsdorf in Niederösterreich stattfinden. Die Location ist sowohl für Wiener als auch für ­Niederösterreicher gut erreichbar und bietet Platz für bis zu 700 Besucher.
Prinzipiell schicken wir die Einladungen für alle unsere Veranstaltungen an die Landesärztekammern der einzelnen Bundesländer, aber auch an die deutschen und Schweizer Landesärztekammern. Wir haben nämlich die Erfahrung gemacht, dass sowohl die Kollegen aus den Bundesländern als auch einige Kollegen aus dem deutschsprachigen Ausland ihre Fortbildung gerne mit einem Wochenende in Wien ­kombinieren.

Unterstützt das Fortbildungsreferat der ÄK Wien auch andere ­Fortbildungs­formate – abgesehen von ­Veranstaltungen?

Ja, wir engagieren uns hier insofern, als bestimmte Veranstaltungen (z. B. Medizin im Museum, MedMonday) aufgezeichnet werden. Ärzte, die nicht die Möglichkeit haben, die Veranstaltungen persönlich zu besuchen, können sich die Vorträge im Internet anschauen. Zu jedem Vortrag gibt es einen Fragebogen, den man ausfüllen und abschicken kann, um sich so DFP-Punkte zu holen. Dieses Angebot wird ganz gut angenommen. Besonders bei den jungen Kollegen ist E-Learning sehr beliebt, aber auch älteren Kollegen, die nicht mehr so mobil sind, kann ich diese Art der Fortbildung empfehlen. Insgesamt eignen sich das E-Learning und das DFP-Literatur­studium in Fachzeitschriften sehr gut für niedergelassene Ärzte, die nicht immer aus der Ordination wegkönnen.
Das Fortbildungsreferat der ÄK Wien bietet außerdem seit zwei Jahren eine eigene Fortbildungs-App. Da sind zum einen die Termine und Programme unserer Veranstaltungen und Seminare abgebildet mit der Möglichkeit, sich direkt über die App anzumelden. Und zum anderen kommt man über unsere App zu verschiedenen E-Learning-Angeboten.

Welche Art der Fortbildung bevorzugen Sie persönlich?

Da ich als Labormedizinerin den Großteil meines Arbeitstages vor dem Bildschirm verbringe, reizt mich die Fortbildung am Computer weniger. Ich besuche viele Veranstaltungen, z. B. alle unsere spitalsinternen Fortbildungen und auch internationale Kongresse mit für mein Fachgebiet spezifischen Themen.

Interview mit: OÄ Dr. Ruth Jilch

Institut für Labormedizin, Krankenhaus Hietzing


A&P 04|2016

Herausgeber: MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH
Publikationsdatum: 2016-05-10