Notarztausbildung NEU

Prim. Priv.-Doz. Dr. Helmut Trimmel, MSc, Leiter der Abteilung für Anästhesie, Notfall- und allgemeine Intensivmedizin, bildet seit vielen Jahren Notärzte am Landesklinikum Wiener Neustadt aus. Als Leiter der Sektion für Notfallmedizin der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) war er auch maßgeblich an der Novelle der notfallmedizinischen Ausbildung beteiligt. ARZT & PRAXIS traf den leidenschaftlichen Notfallmediziner zum Gespräch.

ARZT & PRAXIS: Herr Dozent Trimmel, gemeinsam mit der ÖGARI haben Sie ein mehrstufiges Konzept zur Verbesserung der notfallmedizinischen Ausbildung vorgeschlagen, das nun nach und nach umgesetzt wird. Was war die Motivation hinter dieser Initiative?

Helmut Trimmel: Notärzte, die in Notfall­ambulanzen oder in der organisierten prähospitalen Notfallversorgung arbeiten, bedürfen einer qualitätsvollen Ausbildung. Österreich war bei der Aus­bildung von Notfallmedizinern europäisches Schlusslicht: Bisher waren lediglich ein Kurs von 60 Stunden und das Recht zur ärztlichen Berufsausübung erforderlich. Jeder Arzt, der drei Wochenenden in diesen Kurs investierte, erhielt ein Notarztdiplom – auch wenn er noch nie zuvor in einem Notfalleinsatzfahrzeug gesessen hatte. Das ist natürlich etwas dünn für das, was es wirklich braucht, um gute Notfallmedizin zu leisten, vor allem wenn wir uns überlegen, welche Erfordernisse die prähospitale Versorgung von schwer verletzten oder kritisch kranken Patienten jeden Alters mit sich bringt.
Das Ärztegesetz verpflichtet Ärzte seit jeher, dass sie mit einem Notfall umgehen können. Wir brauchen daher auch eine Notfallausbildung für jeden Arzt, der am Patienten tätig wird, genauso wie eine weiterführende Ausbildung für den Arzt im organisierten Notarztdienst. Darüber hinaus sollte es auch für Personen im innerklinischen Notfallbereich, insbesondere in Leitungsfunktionen mit organisatorischer Verantwortung, eine Spezialisierung geben. Dieses mehrstufige Ausbildungskonzept, das wir seitens der ÖGARI bereits vor rund einem Jahrzehnt entworfen haben, beinhaltet all diese Aspekte.

Welche Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung wurden bisher umgesetzt?

Trimmel: Schon mit der Novelle der Ärztlichen Ausbildungsordnung im Jahr 2015 hat die Notfallmedizin einen deutlich höheren Stellenwert erhalten. Darin wurde festgelegt, dass jeder Arzt bereits während der Basisausbildung ische Grundlagen erwerben muss. Seither werden in diesen ersten neun Monaten, die alle Ärzte postpromotionell durchlaufen, innerklinische notfallmedizinische Inhalte, wie z. B. das Vorgehen bei Asthmaanfällen, hypertensiven Krisen oder Herzinfarkten, sowie erweiterte Maßnahmen der Wiederbelebung strukturiert – und gesetzlich verpflichtend – vermittelt. Das wird in vielen Bundesländern mithilfe spezieller Kurse umgesetzt und von den jungen Kollegen sehr gut angenommen.
Ein zweiter Schritt ist bei den Inhalten der Facharztausbildungen gelungen: Notfallmedizinische Themen wurden in den jeweiligen Sonderfächern deutlich pointierter herausgearbeitet und als Lehrziele in den Ausbildungskatalog und in die Rasterzeugnisse aufgenommen. Dadurch verfügt nun jeder Arzt, egal, welches Fach er anstrebt, über eine gute, qualifizierte notfallmedizinische Grundausbildung.
Ärzte, die im organisierten Notarztdienst tätig und bei Einsätzen mit einem Notarzteinsatzfahrzeug oder Hubschrauber unterwegs sind, brauchen natürlich eine spezielle, vertiefte Ausbildung. Vergangenen Herbst wurde mit der Paragraf-40-Reform des Österreichischen Ärztegesetzes in enger Abstimmung mit der Österreichischen Ärztekammer nunmehr auch diese Ausbildung für Ärzte im organisierten Notarztdienst neu geregelt.

Was ist neu bei der Ausbildung zum Notarzt?

Trimmel: Wer in Zukunft im organisierten Notarztdienst tätig werden will, muss eine mindestens 33-monatige klinische Ausbildung absolvieren sowie exakt definierte Kenntnisse und Fertigkeiten erwerben. Darin enthalten sind auch ein Lehrgang mit 80 Stunden („Notarztkurs“) sowie 20 supervidierte Notarzt­einsätze, die gemeinsam mit einem erfahrenen Notarzt absolviert werden müssen. Die klinischen „Skills“, die in dieser Zeit erlernt werden müssen, sind nun genau vorgegeben. Dazu zählen etwa Narkoseeinleitung, Atemwegssicherung, Durchführung von Geburten, die Akutbehandlung von internen oder neurologischen Notfallpatienten ebenso wie die Traumaversorgung, damit der Auszubildende den Erfordernissen der organisierten Notfallmedizin gerecht werden kann. Die Ärztekammer hat für die praktischen Inhalte ein eigenes Logbuch erstellt. Damit haben wir jetzt eine Ausbildungsordnung auf europäischem Niveau, die sicherstellt, dass die Qualifikation der Ärzte im organisierten Rettungsdienst gewährleistet ist. Bis Ende Juni 2022 gelten übrigens noch Übergangsregeln.

Mit dieser Novelle können erstmals auch Ärzte ohne Ius practicandi – also ohne Berechtigung zur selbstständigen Berufsausübung – als Notärzte eingesetzt werden. Was waren die Gründe für diese Maßnahme, die auch zu vielen Diskussionen mit der Ärztekammer geführt hat?

Trimmel: Die Ärzteausbildung hat sich seit 2015 stark verändert. Früher wurde der organisierte Notarztdienst neben Allgemeinmedizinern in der Wartezeit auf eine Facharztausbildung oft aus den Assistenzärzten in Ausbildung zum Facharzt, z. B. für Anästhesie oder Innere Medizin, rekrutiert. Diese hatten ja meist zuvor den Turnus absolviert und waren damit bereits berufsberechtigt. Die Kollegen haben dann während der Facharztausbildung zusätzlich Notarztdienste gemacht und das System in den Krankenhäusern aufrechterhalten. Diese Gruppe fiel seit der Ausbildungsreform 2015 jedoch zunehmend weg, da immer weniger Ärzte in die Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin und immer mehr direkt in eine Facharztausbildung gehen. Daher die Bitte des Ministeriums an die ÖGARI, ein Konzept zu erstellen, unter dem auch vorstellbar wäre, dass Ärzte schon vor dem Erwerb der selbstständigen Berufsberechtigung im jeweiligen Fach als Notärzte tätig werden können.

Was sind die Voraussetzungen, damit Ärzte ohne Ius practicandi eigenständig im Notfalleinsatzfahrzeug unterwegs sein können?

Trimmel: Wie bereits erwähnt, dauert die klinische Phase der Ausbildung fast drei Jahre – was in etwa der Dauer des eins­tigen Turnus entspricht. Nach positivem Abschluss aller gesetzlich festgelegten Erfordernisse können Ärzte ohne Ius practicandi im Rahmen ihres Anstellungsverhältnisses an einer Klinik für den organisierten Notarztdienst tätig werden. Sie sind jedoch nicht zur selbstständigen Berufsausübung als Notarzt, etwa beim Roten Kreuz oder beim ÖAMTC, berechtigt. Häufig steht ihnen auch ein Oberarzt für etwaige Rücksprachen zur Verfügung – dies ist aber keine Voraussetzung, da die Ausbildung die Kollegen zum selbstständigen Einsatz befähigt und berechtigt. Im Sinne der Qualitätssicherung kann diese Berechtigung zur Einsatztätigkeit auch jederzeit widerrufen werden.

Klinische Ausbildung statt 60 Stunden Kurs – das ist ein großer Unterschied in der Qualität, aber auch, was den Aufwand betrifft. Sind die Kliniken darauf vorbereitet?

Trimmel: Viele Kliniken – wie auch unsere – bilden ihre Notärzte schon seit vielen Jahren hochqualitativ aus. Dort wird die Ausbildung längst so gelebt, wie sie nunmehr auch gesetzlich verankert wurde. Das erkennt man beispielsweise daran, dass schon jetzt zahlreiche Anträge vorliegen, die Prüfung für die Kollegen ohne Ius practicandi schon im Herbst 2019 anzubieten.
Bis dato wollten von 40 Ärzten, die einen Notarztkurs besucht haben, vielleicht fünf oder zehn tatsächlich auch im organisierten Rettungsdienst tätig werden. Der Rest nahm teil, um notfallmedizinische Grundkenntnisse zu erhalten oder aufzufrischen. Die neue, bessere Ausbildung kostet zwar auch mehr Geld, man muss aber bedenken, dass die Anzahl der Absolventen des gesamten (!) Curriculums zurückgehen wird. Wer die komplette Notfallausbildung absolviert, will in den organisierten Notarztdienst. Um diesen Bedarf zu decken, müssen wir in Österreich etwa 300 Notärzte im Jahr ausbilden.

Wie sieht es mit Ärzten aus, die Bereitschaftsdienste übernehmen?

Trimmel: Wichtig ist eine klare Unterscheidung zwischen dem kassenärztlichen Bereitschaftsdienst und dem organisierten Notarztdienst. Die allgemeinmedizinischen Not- und Bereitschaftsdienste sind von der neuen Notarztausbildung überhaupt nicht betroffen. Natürlich wird es auch weiterhin häufig der Fall sein, dass der Hausarzt als Erster am Notfall­ort ist – seine Qualifikation ist ausreichend, um Notfälle primär zu versorgen und die Zeit zu überbrücken, bis der organisierte Notarztdienst vor Ort sein kann. Man darf allerdings von jemandem, der ganz andere berufliche Aufgaben zu erfüllen hat, nicht erwarten, dass er eine Versorgung auf dem Niveau eines professionellen Notarztes erbringen kann. Selbstverständlich können aber auch Allgemeinmediziner die Angebote weiterhin nutzen, um ihr Wissen zur Notfallversorgung zu vertiefen. So wird es auch künftig möglich sein, etwa nur den Theorieteil der Notfallausbildung zu absolvieren und diesen mit einem Zertifikat abzuschließen. Darüber hinaus werden auch spezielle Kurse unter dem Titel „Helfen, bis der Notarzt kommt“ angeboten.

Welche Forderungen aus Ihrem Konzept zur notfallmedizinischen Ausbildung sind jetzt noch offen?

Trimmel: Ein noch offener Punkt betrifft die Spezialisierung für Kollegen, die längerfristig in Notfallaufnahmen arbeiten wollen. Diese Einrichtungen sind wichtige Schlüsselzonen beim Eintritt der Patienten ins Krankenhaus. Wir glauben daher, dass es sinnvoll ist, die Qualifikation jener Kollegen, die als Schlüsselpersonal in Notfallaufnahmen arbeiten, zu vertiefen und mit einem Qualitätssiegel zu versehen – als dritte Stufe der Notfallausbildung. Statt eines eigenen Facharztes streben wir eine sogenannte Spezialisierung – früher Additivfach – an. Diese kann nach Abschluss der Ausbildung zum Allgemeinmediziner oder Facharzt bestimmter Sonderfächer absolviert werden. Im Gegensatz zu anderen Spezialisierungen würde die Notfallmedizin jedoch keine Einengung, sondern eine Erweiterung der Kompetenzen darstellen und vielen Fächern offenstehen. Ich hoffe, dass es keine weiteren zehn Jahre dauern wird, bis wir auch bei diesem Vorhaben einen Konsens mit allen zuständigen Personen herstellen können und es zu einer zügigen Umsetzung kommt.

Was macht gute Notfallmedizin Ihrer Meinung nach aus?

Trimmel: Gute Notfallmedizin bedeutet für mich, dass es eine Klinikanbindung gibt, die eine laufende Qualitätssicherung gewährleistet. Gut ist sie außerdem dann, wenn sie zielorientiert den richtigen Patienten erreicht. Es wäre sinnlos und ineffizient, zu jedem Patienten, der den Notruf wählt, auch einen Notarzt zu schicken. Wir haben in Österreich sehr kompetente Personen im Rettungsdienst, die vieles abfangen und abarbeiten können. Außerdem ist Notfallmedizin eine Tätigkeit, die hohes Engagement erfordert und nur dann gut funktioniert, wenn man sie gerne und freiwillig macht. Daher soll und darf auch niemand dazu gezwungen werden. Um Steve Jobs, den Mitbegründer und langjährigen CEO von Apple zu zitieren: „Der einzige Weg, großartige Arbeit zu leisten, ist, zu lieben, was man tut.“ Das ist auch der wesentliche Punkt in der Notfallmedizin: Die Tätigkeit muss Freude bereiten und man muss auch ein bisschen dafür brennen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview mit: Prim. Priv.-Doz. Dr. Helmut Trimmel, MSc

Leiter der Abteilung für Anästhesie, Notfall- und allgemeine Intensivmedizin, Landesklinikum Wiener Neustadt

Foto: MedMedia – Oliver Miller-Aichholz


AutorIn: Dr. Isabella Bartmann

 

 


A&P 07|2019

Herausgeber: MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH
Publikationsdatum: 2019-09-02