Neuer klinischer Lehrstuhl für Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie

Optimale Voraussetzungen für praxisorientierte und innovative Lehre

ARZT & PRAXIS: Herr Professor Lamprecht, seit 1. Februar 2022 haben Sie den Lehrstuhl für Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie an der Medizinischen Fakultät der JKU Linz inne. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Prof. Lamprecht: Ich möchte den aktuellen Weg, der eine Kombination aus klinischer Versorgung, Lehre und Forschung für die Pneumologie in Linz bedeutet, fortführen und somit auch die Forschung im Bereich der Pneumologie in Österreich weiter stärken. Die Pneumologie ist aus meiner Sicht ein wichtiges internistisches Sonderfach, und es ist daher sehr zu begrüßen, dass es mit und an der JKU eine weitere universitäre Entfaltungsmöglichkeit für die Pneumologie in Österreich gibt.

Sie gestalten bereits seit 2019 die Medizinische Fakultät der JKU als stellvertretender Studiendekan maßgeblich mit. Was ist Ihnen im Bereich der ärztlichen Ausbildung wichtig? Welche Rolle schreiben Sie sich in der Nachwuchsförderung zu?

In der ärztlichen Ausbildung ist heutzutage ein sehr praxisorientierter Unterricht notwendig, sollen doch die jungen Kollegen bestmöglich auf ihr späteres Berufsleben vorbereitet werden. Ziel ist es, dass Personen, die sich für diese Ausbildung entscheiden, später auch versorgungswirksam werden, sprich, sich also tatsächlich als Arzt in einem Krankenhaus oder auch in der Niederlassung betätigen. Ich erachte es als wichtig, ihnen möglichst viel von der eigenen Erfahrung mitzugeben, damit die jungen Kollegen daraus ihre bestmöglichen Schlüsse ziehen können.

Welche Fortbildungsangebote können Sie (auch Nichtpneumologen) besonders empfehlen? Welche pneumologischen Grundlagen sollte jeder Arzt beherrschen?

Dazu zähle ich in jedem Fall die jährlich von der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) veranstalteten Fortbildungen, die zweifelsohne ein sehr breit interessiertes Publikum gut ansprechen können. Dies ist zum einen die Jahrestagung der ÖGP und zum anderen die Veranstaltung „Pneumo Aktuell“, in der über die aktuellsten Entwicklungen im Bereich der Pneumologie ein guter Überblick geboten wird. Als pneumologische Grundlage, die in Grundzügen jedem Arzt vertraut sein sollte, sehe ich die Funktionsdiagnostik der Lunge (Lungenfunktionsmessung), wobei bei weiterführenden Untersuchungen dann jedoch die Spezialisten in den Schwerpunktzentren gefragt sind.

Bei welcher Befundkonstellation braucht es die Expertise eines pneumologischen Schwerpunktzentrums bzw. wo liegen die (diagnostischen/therapeutischen) Grenzen des niedergelassenen Bereichs?

Werden in der Lungenfunktionsdiagnostik Auffälligkeiten erhoben, die einer weiteren Abklärung bedürfen, ist eine Überweisung an ein pneumologisches Schwerpunktzentrum sinnvoll. Hierzu zählen beispielsweise die Abklärung einer restriktiven oder einer obstruktiven Ventilationsstörung, der Verdacht auf eine interstitielle Lungenerkrankung oder auf ein Malignom im Bereich der Lunge, aber auch auffällige Verlaufsformen von Erkrankungen wie etwa schwerem Asthma oder pneumologische Infektionen wie zum Beispiel Tuberkulose oder atypische Mykobakteriosen.

Ihr Forschungsschwerpunkt sind Atemwegs- und Lungenerkrankungen.
In welchen Bereichen möchten Sie hier in Linz verstärkt Aktivitäten setzen?

Wir möchten in Linz konkret an drei Forschungsschwerpunkten verstärkt Aktivitäten setzen. Als ersten Schwerpunkt sehen wir die Intensivierung unserer klinischen wie auch der epidemiologischen Forschung im Bereich der obstruktiven Atemwegserkrankungen (Asthma und COPD). Unser zweiter Schwerpunkt ist die pneumologische Onkologie, wo wir als Lungenkrebszentrum sehr viel Wert auf die klinische Forschung legen. Als dritter Punkt ist die pneumologische Infektiologie zu nennen, die unabhängig vom Coronavirus immer mehr an Bedeutung gewinnt und auch verdient.

Wo liegen Ihre persönlichen Forschungsinteressen? Welche Ihrer wissenschaftlichen Leistungen sind für Sie von besonderer Bedeutung?

Ich empfinde es als Freude, als Einzelperson oder im Team einen Beitrag zum Wissenszuwachs leisten zu dürfen. Für mich persönlich sind Beiträge vor allem im Bereich der COPD von Bedeutung, weil es hier möglich war, in der Epidemiologie dieser Erkrankung durchaus wichtige Aspekte mit eigenen Forschungsarbeiten zu beleuchten.

Sie sind wohl Oberösterreichs bekanntester Corona-Experte. Obwohl die Infektiologie schon vor Corona zu Ihrem Arbeitsalltag gehörte (z. B. Tuberkulose, Influenza, Pneumokokken), hat der Bedarf an infektiologischer Expertise und entsprechender Forschung und Versorgung seit der Pandemie doch deutlich zugenommen. Welches Resümee ziehen Sie? Und was ist noch zu erwarten?

Wir haben mittlerweile zwei sehr turbulente Jahre mit Infektionswellen und einer starken Belastung des Gesundheitssystems hinter uns. Wir haben gesehen, dass die Infektiologie ein Fach ist, das jedenfalls von zentraler Bedeutung ist, hat doch der Bedarf an infektiologischer Expertise sowie an entsprechender Forschung und Versorgung seit Beginn der Pandemie sehr deutlich zugenommen. Im Hinblick auf wissenschaftliche Arbeit haben sich eine kaum vergleichbare und äußerst wertvolle (inter-)nationale Kooperationsbereitschaft und ein besonders hohes Tempo beim Wissenszuwachs ergeben. Ich meine, dass für die Zukunft die Annäherung von der Pandemie an eine Endemie möglich ist. Wir erreichen allmählich ein Niveau, auf dem ein großer Teil der Bevölkerung zumindest vor einem schweren Verlauf geschützt ist und auch keine so starken Belastungen in den Spitälern mehr befürchtet werden müssen.
Gleichzeitig ist bei der Forschung nach besseren medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten jedoch noch sehr viel zu tun, und darauf muss der Fokus der nächsten Monate gerichtet sein. Die Probe aufs Exempel, ob die Situation bereits bewältigt ist und härtere Maßnahmen, wie wir sie in den vergangenen zwei Jahren erleben mussten (von Lockdowns bis hin zu Kontaktbeschränkungen), weitgehend vermieden werden können, werden der Herbst und der Winter 2022 liefern, denn es besteht vergleichsweise wenig Zweifel daran, dass der Sommer unproblematisch verlaufen wird.

Welches sind in Ihren Augen wichtige Zukunftsthemen in der Medizin?

Künftig wird wohl die Telemedizin eine immer größere Rolle spielen – sei es, dass sie in vielen Bereichen einen teilweisen Ersatz oder zumindest eine wesentliche Ergänzung für andere Leistungen darstellen wird. Weiters glaube ich, dass die Vernetzung von Experten aus dem niedergelassenen Bereich und der Klinik, aber auch über Zentren hinweg zunehmen wird. Es werden sich folglich Kooperationen eröffnen, die dem Wohl der Patienten dienen, das heißt, dass für den einzelnen Patienten die bestmögliche Behandlung sichergestellt wird, ohne dass der Patient hier allzu weite Wege auf sich nehmen muss.

Vielen Dank für das Gespräch!

Univ.-Prof. Dr. Bernd Lamprecht wurde am 24. Juli 1976 in Innsbruck geboren, ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Er promovierte im Jahr 2002, es folgte die Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin und anschließend zum Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie. 2012 erfolgte die Habilitation im Sonderfach Pneumologie. Fellowships und Forschungsaufenthalte führten ihn unter anderem nach Spanien und in die USA. Seit 2013 leitet Lamprecht die Klinik für Lungenheilkunde am Kepler Universitätsklinikum Linz. Ausgleich und Entspannung findet der renommierte Lungenfacharzt und Corona-Experte nicht nur bei Bewegung und Sport in der Natur, sondern auch beim Schachspielen und Lesen.