Qualitätszirkel – Fortbildung und Austausch auf Augenhöhe

ARZT & PRAXIS: Herr Dr. Glehr, Sie sind Arzt für Allgemeinmedizin in der Steier-mark. Wo liegen die Schwerpunkte in Ihrer täglichen Arbeit und was schätzen Sie daran besonders?

Dr. Reinhold Glehr: Als Allgemeinmediziner ist mein Aufgabengebiet naturgemäß sehr vielfältig und abwechslungsreich: Das fängt an bei der Diagnostik und Problemerörterungen verschiedenster Art und geht weiter mit der Therapiewahl, -kontrolle und -begleitung. Patienten mit medizinischen Problemen, die spezialisiertes Wissen oder eine besondere Therapie erfordern, leite ich an einen entsprechenden Facharzt weiter.
Neben der fachlichen Herausforderung schätze ich an meiner Tätigkeit die professionelle Auseinandersetzung mit dem Beziehungsaspekt, bei dem Vertrauen eine große Rolle spielt. Viele Patienten begleite ich über viele Jahre hinweg, baue eine Langzeitbeziehung zu ihnen auf – das ist das Schöne am Beruf des Allgemeinmediziners.

Sie sind in verschiedenen medizinischen Fachgesellschaften sehr aktiv, aktuell beispielsweise als Vizepräsident der ÖGAM …

Das Engagement in der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM) war mir von Beginn meines Berufslebens an wichtig. Die ÖGAM hat sich der Förderung der Allgemeinmedizin in Wissenschaft und Praxis verschrieben – eine dringend nötige Aufgabe, da die Besonderheiten des Faches von vielen nicht verstanden werden. Das hat sich in den letzten 30 Jahren glücklicherweise immer mehr gebessert.
Im Rahmen meiner Tätigkeit für die ÖGAM hatte ich Gelegenheit, an verschiedenen berufspolitischen Konzepten mitzuwirken. Ein zentrales Anliegen war mir immer die Qualitätssicherung als Teil des Berufsverständnisses.

Eine Forderung der ÖGAM ist die stärkere universitäre Verankerung der Allgemeinmedizin. Warum ist das wichtig?

Die Allgemeinmedizin ist ein eigenes Fach, das sich von allen anderen Fächern durch den generalistischen Ansatz und die stärkere Betonung des Beziehungs-aspektes unterscheidet. Für Studenten ist es wichtig, dass sie davon frühzeitig Kenntnis erhalten, ehe sie durch das Unverständnis vieler Lehrender aus spezialisierten Fächern negativ beeinflusst werden und Vorurteile aufbauen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung, von der Unterstützung der allgemeinmedizinischen Alltagsarbeit erhofft wird, sollte vor allem die Entscheidungen im Unsicherheitsbereich betreffen, wie die Erarbeitung von Wahrscheinlichkeiten bezüglich Diagnose und Therapie, welche Grundlage gemeinsamer Entscheidungen mit den Patienten sind.

Sie sind selbst Lehrbeauftragter an der Universität Graz …

Ich bin im fünften Studienjahr an einer Seminarreihe beteiligt, deren Thema Supervision und Reflexion ist. Was bedeutet es, Ärztin/Arzt zu sein? Was habe ich bisher im Rahmen der Famulaturen an Spannendem, Erschreckendem, Freudvollem und Belastendem erlebt? Wie kann ich mich schützen? Wie kann ich mich profilieren?

In der neuen Ausbildung verpflichtend ist die Lehrpraxis. Welchen Stellenwert messen Sie diesem Format bei?

Die Lehrpraxis ist in meinen Augen unverzichtbar, um künftigen Allgemeinmedizinern die Kernkompetenzen der hausärztlichen Tätigkeit zu vermitteln! Seit über 30 Jahren bin ich selbst mit großer Begeisterung Lehrpraxisleiter, sowohl für Studenten als auch postgradual. Ich habe diese Arbeit fast immer als persönliche berufliche Bereicherung empfunden, da eine Reflexion der Alltagstätigkeit stattfinden muss, und dies am besten gemeinsam mit einem in der Regel kritischen Geist als Gegenüber.

Mit der verpflichtenden Lehrpraxis in der Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin wird der Bedarf an Lehrpraxisstellen steigen. Ist das Angebot ausreichend?

Beim Interesse der Kollegen, sich zum Lehrpraxisleiter ausbilden zu lassen, gibt es derzeit noch reichlich Luft nach oben. Ich könnte mir vorstellen, dass die verschleppte Diskussion um die Finanzierung, die in manchen Bundesländern bezüglich Hausarztmedizin stattfindende verwirrende Politik sowie das Gefühl mancher Hausärzte, Bote eines Auslaufmodells zu sein, ohne dass die Tragfähigkeit neuer Modelle erwiesen ist, hier sicherlich eine Rolle spielen.

Von der Aus- zur Fortbildung: Sie gehören dem wissenschaftlichen Beirat der Akademie der Ärzte an, die in Österreich für ärztliche Fortbildung verantwortlich ist. Welche Aufgaben haben Sie hier?

Der wissenschaftliche Beirat beschäftigt sich vor allem mit der Qualitätssicherung der ärztlichen Fortbildung im Rahmen des Diplom-Fortbildungs-Programms (DFP) und bemüht sich um Rahmenbedingungen, die für die Erfüllung der gesetzlichen Vorgaben förderlich sind.

Was sagen Sie zum Ergebnis der ersten flächendeckenden Überprüfung des Fortbildungsnachweises?

Das Resultat der Überprüfung – mehr als 95 % der Ärzte haben den erforderlichen Nachweis erbracht – zeigt klar, dass die vom Ärztestand erwartete Fortbildungsleistung in hohem Maße erfüllt wird. Die Gesellschaft kann sich damit sicher sein, dass in Österreich berufstätige Ärzte in ihrem Bereich am neuesten Stand des Wissens sind.

Wie beurteilen Sie das Fortbildungsangebot hierzulande, insbesondere für das Fach Allgemeinmedizin?

Die Fortbildungsangebote in Form von Vorträgen, Artikeln, E-Learning-Modulen, Seminaren, Workshops und Lehrgängen haben eine erfreuliche Vielfalt erreicht. Speziell für die Allgemeinmedizin hat sich die Situation aus meiner Sicht wesentlich gebessert. Die besonderen Bedürfnisse unseres Faches werden von den meisten Fortbildungsanbietern zunehmend berücksichtigt.

Ergänzend zu Kongressen und Literaturstudium nehmen Qualitätszirkel eine wichtige Rolle in der allgemeinmedizinischen Fortbildung ein …

Qualitätszirkel sind eine gute und international bewährte Methode, Qualitätsförderung in der Medizin umzusetzen. Bei diesem Fortbildungsformat widmen sich Kleingruppen der gleichen hierarchischen Ebene – von einem Moderator geleitet – strukturiert, kontinuierlich und vertraulich einem Thema der Alltagsarbeit, um eine Qualitätsverbesserung zu erreichen. Dabei geht es um die Fragen: Wie machen wir unsere Arbeit wirklich? Ist es gut so? Wie können wir es besser machen? – Es geht um beruflichen Austausch mit dem Ziel der Optimierung, Entlastung und Berufszufriedenheit.In der Praxis sieht das so aus, dass sich 6–14 Teilnehmer treffen und unter der Leitung eines Moderators ein vereinbartes und gemeinsam vorbereitetes Thema bearbeiten. Die Relevanz für den Alltag hat dabei besondere Priorität. Bei der nächsten Sitzung werden dann die Umsetzungsmöglichkeiten der Ergebnisse der letzten Sitzung in der Praxiswirklichkeit diskutiert, ehe man sich einem neuen Thema zuwendet. Behandelt werden können alle Themen des Praxisalltags – egal, ob medizinischer, sozialer, organisatorischer oder ökonomischer Natur. Wichtig ist, dass die Teilnehmer ihr Thema gemeinsam suchen und bestimmen.

Was sind die Voraussetzungen für einen „gelungenen“ Qualitätszirkel?

Freiwilligkeit, Motivation und Ernsthaftigkeit sind die Voraussetzungen, die von einer Gruppe von Ärztinnen und Ärzten eingebracht werden müssen. Das berufliche Mikroklima ist von Gegend zu Gegend hinsichtlich dieser Werte sehr unterschiedlich geprägt. Es spiegelt aber auch die „Großwetterlage“ wider, die derzeit – zumindest aus meiner Sicht – unbegründet pessimis-tisch gelagert ist.
Wer sich einem Qualitätszirkel anschließt, muss sich natürlich bewusst sein, dass ein gewisser Zeitaufwand damit verbunden ist. Es muss Vertraulichkeit bestehen, um tatsächlich die Praxiswirklichkeit widerspiegeln zu können, und die Bereitschaft zu Vor- und Nachbereitung sollte vorhanden sein.

Welche Erfahrungen haben Sie als langjähriger Leiter eines Qualitätszirkels gemacht?

In unserem Qualitätszirkel sind wunderbare Konzepte und Ideen entstanden, die sich nachhaltig bewährt haben. Vor allem die ideale Zusammenarbeit zwischen Ärzten für Allgemeinmedizin und Fachärzten konnte anhand vieler Themen erarbeitet werden und hat gegenseitige Entlastung im Alltag gebracht. So hat sich beispielsweise die Netzwerk-Idee im Qualitätszirkel konkretisiert.

Welche Art der Fortbildung bevorzugen Sie persönlich?

Zeitlich nimmt das Lesen und Recherchieren nach wie vor den größten Raum ein. Veranstaltungen sind vor allem für die notwendige Diskussion unverändert von Bedeutung. E-Learning ist in den letzten Jahren verstärkt hinzugekommen und ist auch am Abend in entspannter Atmosphäre zu Hause möglich.

Interview mit: MR Dr. Reinhold Glehr

Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin


A&P 08|2017

Herausgeber: MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH
Publikationsdatum: 2017-10-20