Das Schlusswort: Wider den Stillstand

Neue Besen kehren gut, aber alte kennen die Ecken, heißt ein bekanntes Sprichwort. Als neuer Präsident der ­AUSTROMED, der Interessensvertretung der österreichischen Medizinprodukte-Unternehmen, bringe ich von beidem etwas mit: In der Funktion als Vertriebsleiter von Lohmann & ­Rauscher habe ich die Rahmenbedingungen, unter denen ­Medizinprodukte-Unternehmen in Österreich agieren, sehr genau kennengelernt – nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis. Gleichzeitig möchte ich mich als AUSTROMED-­Präsident nicht mit einem typisch österreichischen Zugang zufrieden geben, der heißt: „Es ist eben so, wie es ist, und so war es immer schon.“Die Branche in Österreich ist von einem enormen Kostendruck, stetig anwachsenden europäischen Vorgaben sowie politischen und wirtschaftlichen Einflüssen gezeichnet. Diese machen es immer herausfordernder, den Patienten innovative Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung stellen zu können und damit rasch deren Lebensqualität entscheidend zu verbessern. Wir als AUSTROMED wollen zeigen, dass die Innovationen, die unsere Branche hervorbringt, in ihrer Gesamtheit dem Gesundheitssystem sehr viele Vorteile bringen. Jedoch müssen wir auch aufzeigen, dass wir es derzeit nicht schaffen, diese Innovationen in der gewünschten Form – also attraktiv für den Hersteller und den Anwender – in den Markt zu bringen. Wir müssen uns auf jene Themen fokussieren, die uns als Branche weiterbringen und damit aber auch dem Gesundheitssystem, der Gesellschaft und den Playern im System Vorteile bringen: dem Arzt, der Pflege, dem Patienten, dem Spitalsbetreiber und – last but not least – den Unternehmen, die immerhin zur Standortsicherung und zur Schaffung von Arbeitsplätzen wesentlich beitragen. Wir laufen Gefahr, dass wir im europäischen Kontext nur mehr Mitläufer sind, wenn es um innovative Produkte und Methoden geht. Wir als Branche fordern daher entsprechende Strategien und Rahmenbedingungen, damit Österreich wieder als Innovator im Spitzenfeld mitspielen kann. Das sollte ja letztlich auch das Ziel unserer Regierung sein. Derzeit sind aber alle wichtigen Player im Gesundheitswesen damit beschäftigt, die erforderlichen Kostendämpfungsforderungen umzusetzen und Wege zu finden, die Qualität und Leistung mit rückläufigen Ressourcen möglichst unverändert aufrecht zu erhalten. Das kann auf Dauer nicht funktionieren und es liegt auf der Hand, dass Innovationen auf jeden Fall zu kurz kommen. Nicht nur der Spitalsbetreiber oder der Krankenkassenobmann ist gefordert, sich neuen Ideen zu öffnen, jeder einzelne Mitarbeiter im Gesundheitswesen ist gefragt. Nur wenn das Engagement aller auf ein Ziel, nämlich die Förderung von Innovation und Fortschritt, gerichtet ist, können wir erfolgreich sein.Das erfordert auch ein „durch die Decke Denken“, denn echte Innovationen sind mehr als nur neue Produkte mit einem Zusatznutzen. Das sind völlig neue Prozesse, die mit einem Produkt oder einer Leistung verbunden sind, so etwa ein Implantat, das mehr kann als nur ein Gelenk zu ersetzen – ein Implantat, das zum Beispiel auch den Osteoporose-Status des Patienten screent und bei Bedarf die Ausschüttung eines ­Arzneimittels auslöst. Wir benötigen hier wohl etwas mehr Anstrengung in eine Richtung, die über das hinausgeht, was der Gesetzgeber als „ausreichend gut versorgt“ definiert. Was wir dazu dringend benötigen, ist das Aufbrechen der Schrebergärten. Es ist nicht die Betrachtung des einzelnen Mediziners oder Ökonomen, die für den Durchbruch einer Innovation sorgen kann. Es ist ein sektorenübergreifendes Denken, das konsequent auf die Generierung von Mehrwert ausgerichtet sein muss und jene Produkte forciert, die im Gesamtsystem für eine positive Bilanz sorgen: für höheren Nutzen, für mehr Lebensqualität, für mehr Sicherheit und eine leistbare Versorgung. Das erfordert weit mehr als nur politische Lippenbekenntnisse und langfristige Ziele. Wir brauchen eine Aufbruchsstimmung im Gesundheitswesen, die wieder Mut macht, den Unternehmergeist fördert und rasch zu spürbaren Ergebnissen führt. Wir als Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen stehen bereit, um diesen Spirit zu unterstützen. Wir wollen aktiv unsere Expertise einbringen und wieder für eine positive Stimmung sorgen. Zum Wohle aller Gesundheitsdienstleister, der Patienten und der Unternehmen!

Ihr

Gerald Gschlössl

AutorIn: Gerald Gschlössl

Präsident AUSTROMED


MP 02|2016

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2016-04-22