„Es braucht einen Plan B“

Wie lässt sich die aktuelle Situation in der Medizintechnik aus Ihrer Sicht am besten beschreiben?

Niemand wird von sich behaupten wollen, auf eine Automatisierung oder Digitalisierung verzichten zu wollen. Das wird zu einer Re-Dimensionierung der Spitäler führen und für uns Krankenhaustechniker bringt das eine neue Herausforderung. Wir werden kaum zusätzliches Personal bekommen, denn in der Verwaltung aufzustocken, ist derzeit nicht opportun. Auf der anderen Seite wird die Technik im Krankenhaus immer mehr forciert und rückt näher an das Kerngeschäft heran. Medizin ohne Technik ist praktisch unmöglich geworden. Wer jetzt also die Technikabteilungen ausdünnt, begibt sich auf gefährliches Eis. Wir brauchen dringend eine Organisationsentwicklung in der Krankenhaustechnik, um diese Entwicklung zu antizipieren.

Welche Themen sind derzeit besonders virulent?

Spannend ist zum Beispiel die Entwicklung des 3-D-Drucks. Wenn Implantatfirmen Material, Druck und Software liefern, dann brauchen wir hier dringend Regelungen im Bereich der Haftung. Die neue Medical-Device-Richtlinie geht auf diese Frage nur am Rande ein – das ist nicht besonders vorausblickend, denn die Fragestellungen sind nicht Zukunftsmusik, sondern sind schon heute aktuell.
Die Fragen betreffen längst nicht mehr die Medizin oder die IT alleine, sondern sind ein komplexes Zusammenspiel aller Berufsgruppen. Restriktive Budgets in den Spitälern treffen auf den Technologiehype, Fragen der Datensicherheit sowie neue rechtliche Rahmen durch die Medizinprodukteverordnung sowie die Richtlinie der Netz- und Informationssicherheit, wo Krankenhäuser zur schützenswerten Infrastruktur gehören. Medizinprodukte sollen immer und überall vernetzt sein, aber gleichzeitig will man kein Geld in neue Prozesse investieren, ohne die es aber nicht gehen wird.
Wenn die Zulassungsverfahren für Produkte und Medizintechnik komplexer werden, werden auch die Preise steigen müssen. Hintertürchen werden genutzt, wie jetzt bereits bei den Apps, die oft nicht als Medizinprodukte zertifiziert sind, aber dennoch zur kommerziellen Anwendung kommen. Einerseits werden die Zulassungsbedingungen für Software strenger, andererseits haben wir in Österreich gar keine Zulassungsstelle mehr. Damit werden viele wichtige Innovationen, die im Zuge der Digitalisierungswelle kommen könnten, gehemmt.

Können sich Krankenhäuser dennoch von Industrie 4.0 etwas abschauen?

Es gibt durchaus Chancen, Geld einzusparen. Ein einfaches Beispiel sind Reinigungsroboter, die es ja schon gibt. So könnten etwa Fassaden automatisiert gereinigt werden – damit wäre auch ein Sicherheitsaspekt abgedeckt. Niemand muss die Technologie gleich kaufen, man kann auch über herkömmliche Reinigungsdienstleister die Leistung beziehen. Die Begehung von Dächern braucht nicht mehr über Industriekletterer erfolgen, sondern kann mit Drohnen durchgeführt werden. Das sind alles Themen, die in der Industrie schon längst an der Tagesordnung sind, aber noch weit weg vom konservativen Gesundheitssektor.

Von welchem Zeithorizont sprechen wir, in dem die Automatisierung auch in den Spitälern einen Durchbruch erleben wird?

Ich denke, dass es in den nächsten fünf Jahren Schlag auf Schlag gehen wird und für lange Diskussionen kaum mehr Zeit ist.

Wer wird die Automatisierung im Krankenhaus anstoßen?

Die Innovationen kommen sicher vonseiten der Medizintechnik. Wir werden aber kreative Ideen benötigen, wie wir die Forderungen mit der restriktiven Budgetpolitik in Einklang bringen können.

Welche Rolle spielen Fragen der Sicherheit?

Manchmal klingen die Bedrohungsszenarien wie in einem Action-Krimi, aber vieles ist denkbar und durchaus real: Sämtliche Behandlungsprozesse in einem Krankenhaus über Trojaner lahmzulegen, ist heute keine Kunst mehr. Lüftungsanlagen oder die Gebäudeleittechnik werden jetzt schon von extern gesteuert, das öffnet Hackerangriffen buchstäblich Tür und Tor. Einerseits haben wir immer höhere Anforderungen, auf Großgeräte remote zugreifen zu können, um die Wartung rasch und kostengünstig zu machen, andererseits macht uns das auch immer mehr angreifbar. Ausfallskonzepte sind erforderlich und Blackout-Szenarien müssen durchgespielt werden. Es braucht also bei aller Automatisierung und Vernetzung immer einen Plan B.
Bisher waren Spitäler aus ethischen Überlegungen meist Tabuthemen, wenn es um Terrorziele oder Angriffe ging. Doch die aktuelle Weltpolitik zeigt, dass diese ethischen Grundsätze längst keine so große Rolle mehr spielen. In den USA ist es schon üblich, Spitäler durch Sicherheitsschleusen zu betreten, und wir wissen, dass auch hierzulande die Gewaltbereitschaft von Patienten und Angehörigen gegenüber dem Personal zunimmt.

Diese Überlegungen sind aber schon sehr weit weg von der eigentlichen Kernleistung, nämlich der Patientenbehandlung. Wohin geht die Reise?

Wir haben immer höhere technische Ansprüche an die Medizin und das zieht weite Kreise in die Medizintechnik abseits der direkten Arbeit am Patienten. Die Sekundärprozesse wie Dokumentation oder Logistik müssen ohnehin schon weitgehend automatisiert ablaufen. Die Ärzte und das Pflegepersonal müssen sinnvoll durch die Technik entlastet werden. Neue Systeme wie Versorgungsassistenten, die automatisierte Bestellvorgänge abwickeln, können zum Beispiel die optimalen Warenflüsse gewährleisten. Das ist in der Industrie heute schon „business as usual“. Da müssen wir im Spital noch hinkommen.
Auch Pflegeroboter sind hierzulande schon im Einsatz, nur haben viele ein falsches Bild davon. Sie können das Personal entlasten und unterstützen, aber keineswegs ersetzen. Wir werden aufgrund der Personalengpässe noch dringend auf derartige „Hilfsmittel“ zurückgreifen müssen.

Interview mit: DI Martin Krammer, MSc

Präsident des Österreichischen Verbandes der KrankenhaustechnikerInnen www.oevkt.at office(at)oevkt.at

Foto: tom mesic 2014


MP 02|2017

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2017-04-11