„Gewöhnt, unter schwierigen Bedingungen zu agieren“

Wo konkret wünschen Sie sich, dass wir Gesundheit neu denken, wo wird „Altes“ bleiben?

Potzmann: Tatsächlich hat sich durch die Krise ein Window of Opportunity geöffnet. Nun kommt es darauf an, was wir daraus machen. Ich nehme wahr, dass die Prozesse im Bereich der Verwaltung so festgeschrieben sind, dass sie sich kaum nachhaltig verändern lassen. Es gab zwar kurz ein Aufflackern dessen, was alles möglich wäre. Schnell kehren wir hier jedoch zu alten Mustern zurück. Exploitation zählt hier mehr als Exploration. Ich gebe zu, dass das letztendlich in unsicheren Zeiten durchaus Sicherheit vermitteln kann.
Was das sonstige Agieren im Gesundheits­system betrifft, kann es meiner Meinung nach keine völlige Rückkehr zu Vor-COVID-19-Zeiten geben. Zu sehr sind die Versorgungslücken bzw. Versorgungsschwachpunkte sichtbar geworden. Es hat sich gezeigt, dass wir im Akutbereich gut bis sehr gut agieren. Im extramuralen Versorgungsbereich müssen nun eingeschlagene Reformen unbedingt weitergeführt werden. Darüber hinaus brauchen wir auch neue Konzepte, wiewohl viele nur für Österreich neu sind. Einiges ist bereits im Ausland erprobt. Hier sollten wir hinsehen. Soweit es die Pflege betrifft, bringen wir unter dem Public-Health-Schirm die Schlagworte Community Health Nurse, Community Nurse und eNursing ein.

Was sind aus Ihrer Sicht bis jetzt die wichtigsten Learnings für die Gesundheitspolitik?

Ganz allgemein, dass wir in einem volatilen Umfeld agieren. Die Pflegenden könnten hier eine ihrer großen Stärken zeigen, nämlich dass sie unter schwierigen Bedingungen wirksam bleiben. Gefragt waren besondere Kompetenz in Hygiene und das Handlungsfähig-Bleiben unter Druck. Beides lernen Pflegende in ihrer Ausbildung und vertiefen es später im Praxisfeld.
Wo wir alle noch dazulernen müssen, ist bei der digitalen Kompetenz. Hier liegt Potenzial, das derzeit nicht genützt wird. An dieses Thema müssen sowohl die Anbieter als auch die Empfänger von Gesundheitsleistungen erst langsam herangeführt werden. Das erfordert allerdings einen Paradigmenwechsel, daher ist auf beiden Seiten mit großem Widerstand zu rechnen.

Das Schlagwort „Versorgungssicherheit“ stand oft im Mittelpunkt der Diskussion – wie realistisch kann sich ein Land überhaupt auf derartige Krisen vorbereiten? Wer trägt die Verantwortung dafür, wer muss aller mitarbeiten?

Mitarbeiten muss jede und jeder, was letztendlich auch passiert ist. Niemand kann sich hier seiner Verantwortung entziehen. Wer für die Versorgungssicherheit zuständig ist, hat sich in den letzten Monaten gezeigt: vordergründig alle, die als systemrelevant bezeichnet wurden. Zusätzlich dazu kommen jene, die das Arbeiten der Systemrelevanten ermöglichen und eventuell nicht ganz so sichtbar sind.
Was die Vorbereitung auf Krisen betrifft, möchte ich ausschließlich aus der Sicht der Pflege antworten: Selbstverständlich halte ich hier eine Vorbereitung auf Krisen für realistisch. Wenn ich das nicht glauben würde, hätte ich sämtliches Vertrauen in den Staat verloren. Worauf künftig mehr Augenmerk gelegt werden muss, ist die Bereitstellung des benötigten Equipments und der Schutz der vulnerablen Gruppen. Bezüglich Letzteren gab es bereits vor der Krise Schwächen und jetzt wurden diese für alle sichtbar. Das ist insofern gut, weil wir nun daran arbeiten können.

Wie wird sichergestellt, dass alle anderen Personen in jenen Zeiten gut versorgt werden, in denen der Fokus des gesamten Gesundheitssystems auf die Bekämpfung einer Pandemie gelenkt ist?

Die Antwort liegt in der Abwandlung des alten Sprichwortes „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“. Auf die Versorgung umgelegt bedeutet das: Wenn ein System gut aufgestellt ist, dann ist es belastbar und meistert auch eine Krise. Im Akutbereich hat sich dies letztendlich auch gezeigt. Jetzt müssen wir das auch noch für den extramuralen Bereich schaffen. Ich denke hier natürlich an alle chronisch erkrankten Menschen, die Betreuung und professionelle Pflege brauchen. Und ich denke besonders an all jene, die sich in der Beschaffung von Unterstützung schwertun. Das sind etwa psychisch erkrankte Menschen, Menschen mit sprachlichen Barrieren und Menschen mit Behinderungen. Die Versorgung von Menschen mit Behinderung wurde im Zusammenhang mit der Pandemie kaum thematisiert. Ich frage mich zum Beispiel, wie und wo jene betreut wurden, die nicht wie gewohnt ins Tageszentrum gehen konnten. Es ist unerlässlich, neue Berufsbilder ins Gesundheitssystem einzuführen, die eine Koordination übernehmen.

Wie kann für einen nächsten Krisenfall hohe Kompetenz in der Koordination bzw. im Schnittstellenmanagement aufgebaut werden?

Damit die Versorgung all dieser Personen künftig sichergestellt werden kann, braucht es ein bundesweit einheitliches Konzept, das eine regionale Ausformung zulässt. Die Gemeinden dürfen mit diesem Thema nicht alleingelassen werden. So wie es Regionalentwicklungskonzepte für Tourismus und Wirtschaft gibt, müssen Regionalentwicklungskonzepte für die Versorgung mit professioneller Pflege entwickelt werden. Das müssen uns die pflege- und betreuungsbedürftigen Menschen wert sein.
Die Schnittstellenmanager schlechthin im Gesundheitssystem sind derzeit die Pflegenden. Intramural ist die Leistung der Pflege ohnehin nicht wegzudenken. Kein Krankenhaus würde funktionieren, wenn die Pflegenden die Leistungen nicht täglich koordinieren würden. Das müssen wir in abgewandelter Form in den extramuralen Bereich transferieren. Aus ihrer Fachlichkeit heraus kann die Pflege das leisten. Für die Umsetzung müssen noch die Umgebungsfaktoren geschaffen werden. Eine Community Nurse kennt ihre Klienten, wie auch die Pflegende auf der Station ihre Patienten kennt. Wie die Pflegende auf der Station zu ihren Patienten ins Zimmer geht, geht auch die Community Nurse zu ihren. Eine Stufe höher angesiedelt ist die Community Health Nurse, die in erster Linie Beratungs-, Koordinations- und Entwicklungsarbeit leistet. Beide Berufsgruppen wird es künftig brauchen.

Angenommen, wir schreiben das „Ende der Pandemie“ – was hat sich in der heimischen Gesundheitspolitik für Sie positiv verändert? Was ist offen, wo sind die wichtigsten ­Herausforderungen, die dringend einer Lösung bedürfen?

Ich interpretiere das als eine Wunderfrage, denn wir sind ja aktuell noch mitten drinnen. Verändert hat sich die Wahrnehmung bezüglich der Leistungen der einzelnen Gesundheitsberufe und der Bedeutung auf das Zusammenwirken der einzelnen Handelnden. Das Wissen darum lässt uns in künftigen Aushandlungsprozessen Widerstände leichter überwinden. Was ich seitens der Pflege in die künftigen Diskussionen als mögliche Lösung einbringen werde, sind die vorangehend beschriebenen Vorschläge und Forderungen.

Interview mit: Mag. Elisabeth Potzmann

Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflege­verbandes
Foto: Christian Schoerg


MP 03|2020

Herausgeber: AUSTROMED, lnteressensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2020-10-09