Prognosen sind klar, Antworten hingegen rar

Unter dem Druck von Demografie, Budgetrestriktionen und digitaler Transformation ist es an der Zeit, die Mechanismen der Finanzierung an die Realitäten anzupassen. Steigende Kosten bedeuten nicht nur, dass das System an seine Grenzen stößt, sondern auch, dass die Finanzierung gerechter und effizienter gestaltet werden muss.

Dr. Clemens Auer, Moderator und Gesundheitsexperte für Österreich, betont die Bedeutung der Solidarsysteme für den Bestand der westlichen Demokratien: „Das ist vermutlich noch wichtiger, als die Innovationsfähigkeit Europas.“ Europa steht dabei zweifelsfrei vor enormen Herausforderungen. „Es geht nicht um die Frage, ob Reformen notwendig sind, sondern darum, wie wir die Ressourcen von Gesundheits- und Pensionssystemen so weiterentwickeln, dass sie zur gesamtwirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Europas passen“, sagt Auer und benennt vier zentrale Herausforderungen für die Solidarsysteme: die Erhöhung der Verteidigungsausgaben, die Kosten der Dekarbonisierung, die sich unmittelbar auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirken, sowie die Entwicklung der künstlichen Intelligenz und damit einhergehend die Veränderungen am Arbeitsmarkt.

Zwei Seiten derselben Medaille

Mag. Stefan Eichwalder, Leiter der Abteilung für leistungsorientiertes Finanzierungssystem, Gesundheits- und Pharmaökonomie im Gesundheitsministerium, widmet sich den langfristigen Perspektiven und betont, dass das Gesundheitssystem für die soziale und gesundheitliche Absicherung essenziell ist. „Wenn wir über die Zukunft des Gesundheits- und Sozialsystems sprechen, steht weniger Technik oder Medizin im Mittelpunkt, sondern Erwartungen, Verantwortung und Vertrauen.“ Wenn Zugänge ungleicher werden, gerät das System unter Druck und das Vertrauen sinkt.

v. l. n. r.: Univ.-Prof.in Dr.in Barbara Prainsack, Professorin für vergleichende Politikfeldanalyse, Universität Wien und Leitung des Centre for the Study of Contemporary Solidarity, Dr. Clemens Auer, Moderator, und Dr.in Angela Kogler, Junge Allgemein- und Familienmedizin Österreich (JAMÖ); Fotos: © Karl Landsteiner Gesellschaft/APA-Fotoservice/Hörmandinger

 
Er fordert dazu auf, den Blick von den Defiziten auf die Stärken zu richten, und stellt auch die entscheidende Frage, ob es gelingt, die Einnahmenseite vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Entwicklung und der unsicheren Perspektiven langfristig abzusichern. „Die nächsten Jahre werden entscheidend dafür sein, ob das System stark und leistungsfähig bleibt oder ob schrittweise Leistungsverluste drohen.“ Besonders kritisch sieht Eichwalder, dass vieles, was derzeit in Schräglage ist, keine individuelle Frustration, sondern ein Frühindikator für ein systemisches Ungleichgewicht darstellt. „Ein starkes System braucht daher nicht nur Investitionen, sondern klare Orientierung und eine evidenzbasierte Herangehensweise an Reformen.“
Abschließend betont Eichwalder, dass Solidarität und Leistungsfähigkeit zwei Seiten derselben Medaille sind: „Nur ein starkes Gesundheitssystem kann solidarische Versorgung garantieren und umgekehrt.“ Reformen sind jedoch unverzichtbar: „Nur mehr Geld zu fordern ist nicht nachhaltig, es braucht Reformbereitschaft, effizienten Mitteleinsatz und verlässliche Versorgungsprozesse.“

Finanzen auf breitere Basis stellen

Priv.-Doz.in Dr.in Ulrike Famira-Mühlberger, Senior Economist am Institut für Wirtschaftsforschung, ordnet die Finanzierbarkeit von Gesundheits- und Pensionssystemen im Kontext von Demografie, technologischem Wandel und wirtschaftlicher Unsicherheit ein: „Die Frage, wie Technologie Arbeit verändert, ist nicht neu, nur Tempo und Reichweite haben sich verändert.“ Europa steht aus Sicht der Expertin unter Druck, weil es im Technologiebereich gegenüber den USA und im Produktionsbereich gegenüber Asien Marktanteile verloren hat. Sie hält eine Grundsatzdebatte für unvermeidlich: „Angesichts demografischer Belastungen werden wir die Steuer- und Abgabenbasis verbreitern müssen.“

Univ.-Prof.in Dr.in Barbara Prainsack, Professorin für vergleichende Politikfeldanalyse an der Universität Wien und Leiterin des Centre for the Study of Contemporary Solidarity, betont, dass KI weniger ganze Berufe als einzelne Tätigkeiten ersetzen und Aufgabenprofile verändern wird. Aus der Geschichte der Automatisierung leitet sie eine zentrale Warnung ab: „Produktivitätsgewinne kamen oft nicht der breiten Gesellschaft zugute. Entscheidend ist, ob KI-Wohlstandsgewinne künftig fair verteilt werden und ob dafür auch die Finanzierungsbasis solidarischer Sicherungssysteme breiter wird.“ Prainsack warnt vor einem zu engen Innovationsbegriff, der technologische Fortschritte gegen soziale Sicherung ausspielt.

v. l. n. r.: Mag. Stefan Eichwalder, Leiter der Abteilung leistungsorientiertes Finanzierungssystem, Gesundheits- und Pharmaökonomie im Gesundheitsministerium, Dr.in Ulrike Famira-Mühlberger, Senior Economist am Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), und Dr.in Maria Katharina Moser, evangelische Pfarrerin, Sozialethikerin und Direktorin der Diakonie Österreich; Fotos: © Karl Landsteiner Gesellschaft/APA-Fotoservice/Hörmandinger

 
Dr.in Maria Katharina Moser, evangelische Pfarrerin, Sozialethikerin und Direktorin der Diakonie Österreich, sieht Ungleichheit weniger als Frage fehlender Mittel, sondern der Verteilung von Finanzierungslasten und Leistungen. Für die Zukunftsfähigkeit des Systems fordert sie, die Trennung zwischen „Cure“ und „Care“ zu überwinden und Medizinisches sowie Soziales stärker zu verzahnen.

Dr.in Angela Kogler von der Jungen Allgemein- und Familienmedizin Österreich (JAMÖ) verknüpft die Solidaritätsfrage mit einem Reality-Check aus ihrem Alltag: „Nach der Ausbildung treffen junge Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus auf starre Strukturen, in denen vieles fachlich Mögliche kaum umsetzbar ist. Das erzeugt Frust und trägt dazu bei, dass manche ausbrennen oder in die Privatmedizin wechseln.“ Gleichzeitig sieht Kogler großes Einspar- und Qualitätspotenzial in einer stärkeren Primärversorgung: „Derselbe Patient verursacht je nach Setting sehr unterschiedliche Kosten.“

Die Diskussion zeigt, dass die Problembeschreibung präzise und die Handlungsnotwendigkeit unbestritten sind, dennoch fehlen vielerorts die konkreten, politisch tragfähigen Antworten. Ob es gelingt, Finanzierung breiter aufzustellen, Schnittstellen zu verbessern und Digitalisierung als Entlastung zu nutzen, wird darüber entscheiden, ob Solidarität und Leistungsfähigkeit im Gleichgewicht bleiben. Prognosen sind klar, Antworten hingegen rar. Umso wichtiger ist, dass aus derartigen Debatten umsetzbare Reformpfade entstehen.